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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 8 / Ansichten

Empörte des Tages: Türkische Kemalisten

Von Emre Sahin
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Republikanische Volkspartei: Findet die Frage nach dem Ausschank von Spirituosen krisenwichtig (Istanbul, 13.4.2021)

Die kemalistische CHP – sogenannte Oppositionspartei in der Türkei – weiß, wie die regierende AKP zu schlagen ist. Okay, Antikriegshaltung gegen Kurden und Solidarität mit der linken HDP sind vielleicht nicht in ihrem Repertoire. Anerkennung des Armeniergenozids gehört auch nicht unbedingt zu ihren Stärken. Aber das Erbe des Staatsgründers (und nebenbei Massenmörders) Mustafa Kemal Atatürk – das gilt es zu bewahren! Dazu gehört auch, die Scheintrennung von Staat und Religion zu verteidigen, die in der Türkei unverschämterweise immer noch Laizismus genannt wird. Aber zurück zum Anfang.

Das Fass zum Überlaufen brachte das Innenministerium in Ankara, als es ab Donnerstag einen harten Lockdown im Land verhängte. Unter den Maßnahmen: ein Verkaufsverbot für Alkohol. Das war zuviel für die Kemalisten. Täglich fordert ein CHP-Politiker nach dem anderen, das Verbot zurückzunehmen. Die Tageszeitung Sözcü, Flaggschiff des Kemalismus, berichtet gefühlt über nichts anderes mehr, und die Rechtsanwaltskammer der CHP-Hochburg Izmir hat am Sonntag Klage angekündigt. Alle wollen sie verhindern, dass »Mustafa Kemals Erbe« beschädigt wird. ­

Völlig unberechtigt ist der Aufschrei zwar nicht: Die Islamisierung des Landes ist Ziel der regierenden AKP. Was in der Diskussion untergeht und nicht minder wichtig ist als der Kulturkampf, ist zum einen die Auswirkung auf die Beschäftigten. Ob man es gut finden mag oder nicht, die Kioske im Land verdienen einen Großteil ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Alkohol. Angesichts der Wirtschaftskrise in der Türkei befürchten Ladenbesitzer und Beschäftigte, dass sich ihre Lage weiter verschlimmert. Zum anderen, welche Themen für die CHP anscheinend von Wert sind, sich aufzuregen. »Empört euch!« forderte zwar der Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel in seinem Bestseller von 2010, aber nicht so.

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