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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 7 / Ausland
Nachruf Aristóbulo Istúriz

»Mit dem Volk!«

Zum Tod des venezolanischen Bildungsministers Aristóbulo Istúriz
Von Santiago Baez
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Venezuelas verstorbener Expräsident Hugo Chávez im Wahlkampf (Caracas, 11.11.2008)

Es waren die bis dahin wohl schwärzesten Stunden in der jüngeren Geschichte Venezuelas: Am 11. April 2002 stürzten reaktionäre Militärs den demokratisch gewählten Präsidenten Hugo Chávez, verschleppten ihn und verkündeten vor den Fernsehkameras, er sei zurückgetreten. Die Lüge wurde von allen großen Privatsendern weiterverbreitet. Nur einige wenige Lokalsender wagten es, den Putschisten zu widersprechen. Einer von ihnen war das von Jesuiten betriebene Radio Fe y Alegria, das den Bildungsminister der gestürzten Regierung, Aristóbulo Istúriz, vor die Mikrofone holte. Er gehörte zu den ersten, die öffentlich die Wahrheit sagen konnten: Chávez ist nicht zurückgetreten, er ist von den Militärs verschleppt worden, wir erleben einen Staatsstreich.

Es waren solche Gegeninformationen, die innerhalb von Stunden Hunderttausende Menschen auf die Straße brachten, die eine Rückkehr von Chávez forderten. Inmitten der unübersehbaren Menge, die zum Präsidentenpalast Miraflores in Caracas zog, war auch Istúriz. Von einem Fernsehteam entdeckt und gefragt, wie er dort hingekommen sei, antwortete er stolz: »Mit dem Volk!«

Unter diesem Motto stand sein Leben. Geboren am 20. Dezember 1946 in Curiepe, einer kleinen Ortschaft nahe der Karibikküste im Norden Venezuelas, arbeitete er in jungen Jahren zunächst als Grundschullehrer, bevor er an der Pädagogischen Hochschule UPEL in Caracas Geschichte und Sozialwissenschaften studierte. Als Gewerkschafter engagierte er sich für die Rechte der Lehrer und für ein besseres Bildungswesen in Venezuela.

Zunächst gehörte er der sozialdemokratischen Acción Democrática (AD) an, die sich über Jahrzehnte mit der christsozialen Copei an der Regierung abwechselte. Immer mehr geriet er jedoch in Widerspruch zu seiner Partei, so dass er Ende der 1980er Jahre zur kleinen linkssozialdemokratischen »Wahlbewegung des Volkes« (MEP) übertrat, später dann zur gewerkschaftlich geprägten »La Causa R«. Auf ihrem Ticket wurde er 1992 zum Bürgermeister der venezolanischen Hauptstadt Caracas gewählt und übte dieses Amt vier Jahre lang aus.

Im Zuge der beginnenden »Bolivarischen Revolution« kam es 1997 zum Bruch der »La Causa R«. Während eine Mehrheit das Bündnis mit bürgerlichen Kräften suchte, gehörte Istúriz zum linken Flügel, der die neue Partei »Heimatland für alle« (PPT) gründete und die Präsidentschaftskandidatur von Hugo Chávez unterstützte. Nach dessen Wahl wurde Istúriz 1999 in die Verfassunggebende Versammlung gewählt und kandidierte gegen Amtsinhaber Carlos Ortega um den Vorsitz des Gewerkschaftsbundes CTV. Das Ergebnis dieser von Unregelmäßigkeiten überschatteten Wahl wurde nie bekanntgegeben, Ortega blieb an der Spitze der Organisation – und gehörte 2002 zu den treibenden Kräften des Putschversuchs.

Istúriz, der in Venezuela unter Anspielung auf seine dunkle Hautfarbe auch »El Negro Aristóbulo« genannt wurde, war in den folgenden Jahrzehnten praktisch immer auf hochrangigen politischen Posten zu finden. Von 2001 bis 2007 und noch einmal ab 2018 war Istúriz Bildungsminister Venezuelas und ab Januar 2016 für einige Monate Vizepräsident des Landes. Zu seinen bleibenden Verdiensten gehört die unter seiner Führung durchgeführte »Mission Robinson«, durch die mit kubanischer Unterstützung der Analphabetismus in Venezuela weitgehend beseitigt werden konnte.

In der vergangenen Woche, am 27. April, ist Aristóbulo Istúriz im Alter von 74 Jahren in Caracas verstorben, Medienberichten zufolge nach einer Operation am offenen Herzen. Staatschef Nicolás Maduro würdigte den Verstorbenen in einer von allen Radio- und Fernsehsendern übertragenen Ansprache als »revolutionären Kämpfer für ein anderes, für ein neues Heimatland«. In den Schulen Venezuelas trauere man um ihren wichtigsten Lehrer.

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