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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Covid-Pandemie

Indien am Abgrund

Coronakatastrophe erschüttert südasiatischen Staat. Wut auf hindu-nationalistische Regierung und Blockadepolitik des Westens wächst
Von Jörg Kronauer
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Gesundheitswesen vor dem Kollaps: An Covid-19 Erkrankte in der Notaufnahme einer Klinik in Neu-Delhi (1.5.2021)

Die Covid-19-Pandemie wütet in Indien von Tag zu Tag schlimmer. Am Sonntag wurden offiziell 3.689 Todesopfer gemeldet, mehr als je zuvor; erneut wurden rund 400.000 Neuansteckungen registriert. Die tatsächlichen Zahlen liegen deutlich höher, zum einen, weil in dem Land mit seinen 1,35 Milliarden Menschen viel zu wenig getestet wird, zum anderen, weil die Behörden schlicht gefälschte Zahlen notieren. Journalisten berichten immer wieder von den völlig überlasteten Krematorien, dort werde ein Mehrfaches der offiziell eingeräumten Pandemieopfer verbrannt. Zahllose Tote vor allem in den Armutsvierteln der Metropolen und auf dem Land werden gänzlich ignoriert. Schätzungen kursieren, es stürben womöglich zehnmal so viele Menschen, wie staatliche Stellen zugäben. Die Krankenhäuser drohen unter dem Massenandrang zu kollabieren. Sauerstoff fehlt auf den Stationen so akut, dass immer wieder Patienten sterben, weil die Sauerstoffzufuhr komplett ausfällt.

Hilflos ausgeliefert

Auch diesmal trifft die Pandemie Indiens zahlreiche Arme am härtesten. Zwar suchen inzwischen selbst führende Politiker und gutsituierte Manager verzweifelt über Twitter Krankenhausplätze für Verwandte und Freunde, weil angesichts der Überfüllung selbst ihre Netzwerke und die übliche Korruption versagen. Für Bewohner der Armutsviertel ist die Chance, in ein Krankenhaus aufgenommen zu werden, jedoch fast gleich null. Arbeitsmigranten aus den Slums fliehen – wie schon in der ersten Welle der Pandemie – in ihre ländlichen Herkunftsregionen, weil in einem Lockdown kaum staatliche Hilfe zu erwarten ist und Hunger droht. Freilich gelangt damit auch die neue Mutation des Virus in jeden Winkel Indiens. Aktuell kursiert ein Video, das zeigt, wie Polizisten in Uttar Pradesh eine Sauerstoffflasche abtransportieren, die ein Mann unter großer Mühe für seine Mutter hatte auftreiben können: Die Flasche wurde ihm abgenommen und, so wird berichtet, einer einflussreichen Person zur Verfügung gestellt. Die Wut wächst.

Wut bricht sich zudem gegenüber der hindu-nationalistischen Regierung Bahn. Premierminister Narendra Modi hatte noch im Januar auf dem World Economic Forum mit Blick auf die in Indien unerwartet glimpflich verlaufene erste Pandemiewelle geprahlt, seine Regierung habe »Corona effizient eingedämmt und die Menschheit vor einer Katastrophe bewahrt«. Obwohl indische Wissenschaftler bereits Anfang März gewarnt hatten, eine zweite, viel ansteckendere Welle stehe bevor, traf Modi keinerlei Maßnahmen, ließ sogar – mit Blick auf seine hindu-nationalistische Klientel – Kumbh Mela zu, ein religiöses Massenfest, bei dem noch Mitte April Millionen fromme Hindus dicht an dicht ein rituelles Bad im Ganges nahmen. Eine bessere Sauerstoffversorgung, die schon seit einem Jahr dringend angemahnt wird, wurde nachrangig behandelt. Im Januar teilte die Regierung zwar mit, landesweit die Installation von 162 Sauerstoffanlagen in Krankenhäusern in Auftrag gegeben zu haben. Mitte April, als die zweite Welle eskalierte, waren allerdings erst 33 davon in Betrieb – laut offiziellen Angaben. Journalisten konnten nur drei funktionierende Geräte identifizieren.

Auch die Impfkampagne kommt nur schleppend voran. Obwohl es in Indien eine ganze Reihe von Konzernen gibt, die Vakzine in großen Mengen produzieren können, haben bislang noch nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung ihre erste Impfdosis bekommen. Zwar hat Modi am Wochenende die Impfkampagne für alle Altersgruppen ab 18 Jahren geöffnet, das hilft aber nichts, weil zur Zeit kein Impfstoff zur Verfügung steht. Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal hat die Bevölkerung der Hauptstadtregion am Sonnabend aufgefordert, nicht in die Impfzentren zu kommen, da es dort vorläufig keine Vakzine gibt. Grund für den Mangel ist zum einen, dass Neu-Delhi mit großer Geste den Impfstoffexport gefördert hat, um Beijing das Wasser abzugraben (siehe Text unten), zum anderen, dass die Biden-Administration die Ausfuhr unverzichtbarer Vorprodukte untersagt hat. Am 16. März forderte der Chef des Serum Institute of India, Adar Poonawalla, Biden auf Twitter auf, den Exportstopp endlich aufzuheben, damit indische Konzerne die Produktion steigern könnten.

Unmut über Washington

Dass Washington die Lieferung zentraler Vorprodukte blockiert, schlägt sich inzwischen ebenso in wachsendem Unmut über die USA nieder wie deren Weigerung, in eine zeitweise Freigabe von Impfstoffpatenten einzuwilligen. Dabei war die Trump-Administration bei den Hindu-Nationalisten populär: Mit ihrem aggressiven Auftreten gegen Muslime und gegen China traf sie einen Nerv. Und auch die amtierende Vizepräsidentin Kamala Harris stieß zunächst auf Sympathie: Ihre Mutter stammt aus dem indischen Chennai (früher: Madras). »America first« lässt die Stimmung nun aber kippen. Und so werden inzwischen nicht nur Rücktrittsforderungen an Modi und die regierenden Hindu-Nationalisten laut; in den indischen Eliten wird nun auch, wie vor kurzem Aparna Pande, Indien-Experte am Washingtoner Hudson Institute, konstatierte, mehr und mehr darüber nachgedacht, ob es nicht besser sei, von der »Ausrichtung auf die USA«, die Modi betreibe, doch wieder zur Tradition der Blockfreiheit zurückzukehren, für die Indien jahrzehntelang stand.

Hintergrund: Trostpflaster aus dem Westen

Wirkliche Hilfe im Kampf gegen die Pandemie, die in einer sofortigen Aussetzung der Covid-19-Impfstoffpatente bestünde, verweigern die westlichen Mächte Indien nach wie vor. Um so lauter prahlen sie mit den Trostpflastern, die sie dem gepeinigten Land seit vergangener Woche zukommen lassen – ziemlich spät, zieht man in Betracht, dass die Katastrophe absehbar war. Die USA haben 1.700 Sauerstoffgeräte, mehrere Sauerstoffanlagen und medizinische Ausrüstung wie etwa Gesichtsmasken zugesagt. Zudem ist die Rede davon, Neu-Delhi ein Drittel der 60 Millionen Astra-Zeneca-Impfdosen zu überlassen, die Washington bunkert, bisher aber nicht einmal zur Nutzung zugelassen hat. Großbritannien schickt knapp 500 Sauerstoffgeräte, 200 Ventilatoren und drei Sauerstoffanlagen, von denen jede laut Regierungsangaben 50 Menschen rund um die Uhr versorgen kann. Das ist bei mittlerweile mehr als 400.000 Neuinfektionen am Tag ein Tropfen auf den heißen Stein.

Natürlich nimmt auch Deutschland an der stolz bekanntgegebenen Hilfsaktion teil. Am Sonnabend ist eine Maschine der Bundeswehr mit 120 Beatmungsgeräten nach Neu-Delhi gestartet; am Dienstag sollen zwei Militärtransporter vom Typ »A 400 M« eine Sauerstoffanlage in die indische Hauptstadt fliegen, die laut Auskunft des Sanitätskommandos der Bundeswehr bis zu 28 Patienten versorgen kann. Weil das sogar noch weniger als der Tropfen auf den heißen Stein ist, hat Außenminister Heiko Maas (SPD) am Sonnabend mit warmen, kostengünstigen Worten explizit festgehalten, Deutschland stehe Indien »in seinem Kampf gegen die Pandemie zur Seite«, da beide Länder »eine tiefe Freundschaft« verbinde. Dass die »Freundschaft« ausgerechnet von Soldaten überbracht wird, hat freilich einen hässlichen Beigeschmack: Die westlichen Mächte, darunter Deutschland, sind seit geraumer Zeit bemüht, Indien in ihre militärischen Bündnissysteme gegen China einzubeziehen. (jk)

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