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Aus: Ausgabe vom 28.04.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Authentizität

Von Ken Merten
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Schein und Sein fallen in eins: Heidi Klum wird für Halloween drapiert (New York 2019)

Die Verwalter schiefer Zustände haben es dann am bequemsten, wenn sie diese erfolgreich als naturwüchsig ausgeben. Der Schrei nach Authentizität entspringt dieser Annahme, dass alles, so wie es ist, auch so sein muss.

Als »Echtheit, im Sinne von Ursprünglichkeit« von Wikipedia definiert, ist es authentisch, wenn »unmittelbarer Schein« mit dem »eigentlichen Sein« in eins fällt. Was nach Bewusstsein für die Relation von Form und Inhalt klingt, wird in der Praxis selbst als Schein entlarvt. Wenn Heidi Klum Woche für Woche in ihrer Model-Castingshow von Kandidatinnen abverlangt, sie mögen doch in solche Worthülsen wie Authentizität, aber auch solche wie »Diversity«, klettern, um von ihr Lob fürs Ego und ein Foto für ihre Bewerbungsmappe zu ergattern, dann steht dahinter ein Verwertungsprozess. Authentizität soll sich verkaufen. Dass sie das kann, hat sie einer Bedürfnisgenerierung zu verdanken. Authentisch sein ist ein Must-have geworden, und wer beim Bewerbungsgespräch oder beim Onlinedating drei Charakteristika zu nennen hat, die einen auszeichnen, tut gut daran, mindestens einmal auf seine Authentizität zu verweisen.

Wenn man »Ich bin ich« sagt, klingt das auch nie böse, nur ein bisschen infantil. Ausgestellt wird es aber als große Erkenntnis: Man ist, wer man ist. Wow! Nur damit ist weder viel Denkleistung verbunden noch ein Menschheitsprogress, das gerät jedoch unter die eiernden Räder der Nullaussage. Dann sollen nicht nur angehende Topmodels und Instagram-Influencer den Produktscheiß, den sie in die Kamera halten, nicht nur des Werbevertrags wegen auf ihr Gesicht klatschen oder in sich hineinlöffeln, sondern auch, weil es ganz einfach zu ihnen gehört. Das Ich wird zu dem, was ihm von außen angereicht wird. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Der Mensch richtet seine Bedürfnisse nach dem Grad ihrer Erfüllbarkeit.

Als »Kind der Romantik« bezeichnet der kanadische Philosoph Charles Taylor die Authentizität. Schon in der Romantik sollten Schein und Sein mit einem Fingerschnippen aufgehoben, sollte Kunst nicht hergestellt, sondern gelebt werden. Auch die Romantik verkannte (liebend gern bewusst), dass sie dabei für allerlei gesellschaftlichen und politischen Dreck eingespannt wurde. Wenn das hiesige Theater, das spätpubertär das Drama abgeschafft und die Performance nicht etwa nur an dessen Stelle gerückt hat, sondern schlicht alle verfügbaren Plätze damit besetzt hält, dann schlägt es den gleichen Weg ein. Performen kann man nur sich selbst, Rollen geben ist heikel, weil es zu sehr wie Aneignung anderer Erfahrungen anmutet. Die Geflüchtete spielt sich, die nonbinäre Person spielt sich, der alte weiße Mann spielt sich. Alle Schuster bleiben bei ihren – und nur ihren – Leisten. Wie sehr damit die Atomisierung dieser Klassengesellschaft verinnerlicht wurde, bleibt außen vor. Genauso wie damit in Beton gegossen wird, was wer zu sein hat. Ob man will oder nicht, man gibt damit Michel Houellebecq, der alles, nur nicht fortschrittlich ist, recht, wenn der in seinem Roman »Ausweitung der Kampfzone« schreibt: »Ich spüre meine Haut wie eine Grenze.« Was daran erstrebenswert sein soll, in die vom Kapitalismus orchestrierte kollektive Robinsonade einzustimmen, sollten zumindest diejenigen beantworten können, die damit meinen, ein My aus ihm herauskommen zu können.

Ist man authentisch, mag man sich zwar (schlimm genug) allein fühlen, ist es aber nicht. Man ist zusammen mit all den Dingen und Strukturen, die einen geformt haben. Beides, das Alleinsein und die Verhältnisse, geben den Rat, es mit der Veränderung der Welt seinzulassen. Es gibt Ratschläge, gegen die man sich entscheiden sollte, besonders dann, wenn sie klingen, als kämen sie von Heidi Klum.

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