1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 12. Mai 2021, Nr. 109
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 20.04.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Konzernmacht

Ausgespäht im Wohnzimmer

Beschäftigte in den Niederlanden werden von Unternehmen im Homeoffice überwacht
Von Gerrit Hoekman
imago0101966507h.jpg
Beinahe nichts mehr bleibt unbeobachtet: Selbst die eigenen vier Wände

Im Homeoffice werden 13 Prozent der Werktätigen in den Niederlanden von den Unternehmern illegal mit Spähsoftware überwacht. Das hat eine Untersuchung der niederländischen christlichen Gewerkschaft CNV ergeben. »In der Praxis liegt diese Zahl wahrscheinlich noch höher«, vermutete der Vorsitzende Piet Fortuin am 9. April auf der Homepage der Gewerkschaft.

Erlaubt ist das allerdings nur, wenn es einen hinreichenden Verdacht gibt, dass die oder der Betreffende seine Arbeitszeit für andere Dinge nutzt. »Die kontinuierliche Überwachung einer Person ist ein drakonisches Mittel, das nur bei schwerwiegenden Verdächtigungen und dann nur als letzte Maßnahme eingesetzt werden sollte«, stellte Fortuin in der Tageszeitung Het Parool unmissverständlich fest. Große und mittelgroße Betriebe würden ihren Beschäftigten am meisten misstrauen. »Besonders in den Bereichen Dienstleistungen und Regierung«, so der Gewerkschafter. »Aber es kommt auch oft in der Industrie vor. Nicht in der Fabrik, sondern vor allem bei Büroangestellten, die von zu Hause aus arbeiten.« Oft wüssten die Angestellten gar nicht, dass sie beim Arbeiten von zu Hause aus kontrolliert werden.

Die Nachfrage nach Spähsoftware habe seit dem Beginn der Pandemie um 58 Prozent zugenommen, berichtete die öffentlich-rechtliche NOS am 9. April unter Berufung auf die Softwarevergleichswebsite »Capterra«. Damit können die Unternehmen genau verfolgen, was die Mitarbeiter tun. Die Software zählt beispielsweise die Bewegungen der Maus und die Anschläge auf der Tastatur.

Der niederländischen Datenschutzbehörde Autoriteit Persoonsgegevens (AP) liegen laut NOS zwar kaum Klagen über ausufernde Kontrolle vor. Das läge aber vermutlich daran, dass viele Werktätige fälschlicherweise glauben, ihr Boss habe das Recht dazu, sie zu überwachen. »Ein Unternehmer kann aber nicht plötzlich andere Dinge verlangen, weil sich der Standort geändert hat. Von zu Hause aus arbeiten oder nicht: Jeder hat das Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz und Autonomie«, stellte ein Sprecher der AP gegenüber NOS klar.

Die permanente Kontrolle stresst die Beschäftigten. »Wir haben eine Beschwerde von jemandem erhalten, der von seinem Chef angerufen und gefragt wurde, warum der Computer eine Stunde lang ausgeschaltet war«, so Fortuin. Das sei ein Führungsstil aus alten Zeiten, der »Arbeitnehmer« von vornherein argwöhnisch beäuge.

Das Verhalten sei völlig unnötig. »Viele Heimarbeiter sind effizienter und produktiver als im Büro«, stellt Fortuin auf der Homepage des CNV fest. Die Beschäftigten würden auch keinesfalls die Situation im Homeoffice ausnutzen. »Im Gegenteil: Die Leute arbeiten öfter auch abends ein Stündchen länger, um die Arbeit zu erledigen«, hat Fortuin erfahren.

Gerade in der aktuell schwierigen Lage müsse der Belegschaft Vertrauen geschenkt werden. Der CNV fordert die Unternehmen auf, anstatt zu kon­trollieren mehr in das Wohlergehen der Beschäftigten im Homeoffice zu investieren. »Vielen Heimarbeitern geht es schlecht«, verweist Fortuin auf entsprechende Studien. »Heimarbeiter sind derzeit einsamer als je zuvor.«

In der Pandemie sei der Weg zur Arbeit und die Zeit im Büro fast die einzige Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. »Ein Jahr Homeoffice ist eine lange Zeit«, so Fortuin. 60 Prozent der Heimarbeiter fühlen sich derzeit einsamer als 2020. 21 Prozent sind mit Burnout konfrontiert, und 30 Prozent geben an, dass sich die Atmosphäre zwischen den Kollegen verschlechtert hat.

Ob Überwachung oder Vereinsamung – die Probleme werden sich mit dem Ende der Pandemie nicht in Luft auflösen. Viele Unternehmen wollen das Homeoffice auch nach Corona beibehalten und ihre Bürokapazitäten verringern, wie eine Umfrage der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung »Nieuwsuur« Anfang des Jahres ergab.

Deutsche Unternehmen sind offenbar kein bisschen besser. »Digitale Überwachungsprogramme, beschönigend auch ›Monitoring-Tools‹ genannt, erfahren seit Ausbruch der Coronapandemie reißenden Absatz«, berichtete die Internetseite Karriere.de bereits im letzten Sommer. Der offensichtliche Rechtsbruch schert auch deutsche Bosse nicht.

1000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Fehlen in Covid-19-Zeiten oftmals: Ausbilder als Ansprechpartner...
    08.04.2021

    Azubis in Sorge

    Pandemie erschwert Ausbildung. Gewerkschaften warnen vor Stigmatisierung der »Coronajahrgänge«
  • Fehlende Kontrolle: An jedem dritten Tag stirbt ein Bauarbeiter
    31.03.2021

    Boom am Bau

    Serie. Unsere Armut – ihre Profite. Teil 4: Branche erzielt Rekordumsätze. Beschäftigte drängeln sich durch Pandemie. Sinkende Löhne befördern Schwarzarbeit

Regio:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft