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Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 2 / Inland
Industrielle Selbstregulierung

»Ministerin Klöckner täuscht die Öffentlichkeit«

Industrie bewirbt mehr süße und fetthaltige Lebensmittel gezielt für Kinder. Regierung setzt auf Selbstverpflichtung. Gespräch mit Dario Sarmadi
Interview: Gitta Düperthal
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Werbung für Fastfood überzeugt Kinder häufig zum Nachteil ihrer Gesundheit

Entgegen Forderungen von Weltgesundheitsorganisation, Ärzteverbänden und Verbraucherschützern gibt es immer mehr Werbung für süße und fetthaltige Lebensmittel. Was sind die drastischsten Beispiele für eine aus Ihrer Sicht unangemessene Kinderwerbung?

Wir beobachten, dass Lebensmittelkonzerne wie McDonald’s, Coca-Cola und Mondelez zunehmend sogenannte Social-Media-Influencer nutzen, um Junkfood gezielt an Kinder zu vermarkten. Auch deutsche Unternehmen wie Haribo und Coppenrath & Wiese lassen solche Idole für Jugendliche zum Beispiel auf Plattformen wie Youtube und Tik Tok werben: eben dort, wo junge Menschen häufig digital unterwegs sind. Wie beste Freunde wirken sie dort mit großem Einfluss auf Kinder ein. Das ist gefährlich, weil diese Produktwerbung, vorbei an der elterlichen Kontrolle, direkt im Kinderzimmer oder auf dem Smartphone junger Menschen landet. Die Lebensmittelindustrie torpediert damit die Bemühungen von Eltern, ihre Kinder für gesundes Essen zu begeistern.

Welche Folgen kann das für die Gesundheit haben?

Es geht nicht nur um ein paar Kilos zuviel auf der Waage: Jeder fünfte Todesfall in Deutschland ist auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Aktuell gelten etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig, sechs Prozent sogar als fettleibig. Im späteren Lebensverlauf drohen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzerkrankungen.

Ihre Organisation fordert schon lange, die Industrie zu regulieren. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner, CDU, belässt es aber bei einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

Zwar gibt es die freiwillige Vereinbarung der Unternehmen auf europäischer Ebene, das sogenannte »EU Pledge«. Dieses hat aber nachweislich nicht zu weniger Werbung für ungesunde Ernährung geführt. Wir müssen wegkommen von der Hoffnung, dass die Industrie es von alleine regelt. Nach einer Studie der Universität Hamburg sinkt in Ländern wie Großbritannien, Irland, Schweden, Norwegen und Chile, wo es gesetzliche Beschränkungen des Kindermarketings gibt, der Junkfoodkonsum bei Kindern signifikant. In Ländern mit freiwilliger Selbstverpflichtung wie Deutschland steigt er hingegen an.

Wieso reicht es nicht, wenn der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft, ZAW, seine freiwilligen Verhaltensregeln dazu überarbeiten will?

Die Industrie reguliert in freiwilliger Selbstverpflichtung, was teilweise ohnehin gesetzlich verboten ist. Selbst wenn der ZAW bis Juni nachschärfen will, wird sie ihre Werbestrategien für Kinder vermutlich nur unwesentlich ändern. Auch weiterhin wird sie Zuckerbomben und fettige Snacks an Kinder vermarkten. Bundesministerin Klöckner täuscht die Öffentlichkeit, indem sie die freiwillige Selbstverpflichtung als großen Wurf verkauft.

Wie muss eine wirksame Regulierung gestaltet sein?

Es muss eine bundesweite gesetzliche Regelung geben: Nach der dürfen nur nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgewogene Lebensmittel mit gezieltem Kindermarketing beworben werden, sowohl im Internet als auch im TV, auf Verpackungen etc. Julia Klöckner muss ihren Job machen und die Kinder vor aggressiver Junkfoodwerbung wirksam schützen.

Also sollten aus Ihrer Sicht nur noch Gemüse und Obst beworben werden?

Wir würden es begrüßen, wenn die Werbebranche ihren Blick vermehrt auf solche Produkte lenkt. Aber so strikt muss und darf es nicht geregelt sein. Die WHO gibt etwa vor, wieviel Zucker Frühstücksflocken oder Joghurts enthalten dürfen, um an Kinder beworben werden zu können.

Bislang aber lehnt Klöckner eine gesetzliche Regulierung ab – was nun?

Wir werden weiterhin Druck machen und über die Problematik des Kindermarketings informieren. Wir sind dabei im Austausch mit Wissenschaftlerinnen, Kinderärzten und Organisationen, die wie wir eine gesunde Ernährung für die Kinder befürworten und gegen dieses Marketing protestieren. Selbst wenn all das lange dauert, wie etwa im Fall der Lebensmittelampel Nutri-Score, die die gesündere Wahl im Supermarkt erleichtert. Für die Ampel haben wir viele Jahre gekämpft – und bislang gibt es sie nur auf freiwilliger Basis: Aber es geht voran!

Dario Sarmadi ist Sprecher der Verbraucherorganisation Foodwatch Deutschland

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