1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 12. Mai 2021, Nr. 109
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 13.04.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Einer der Ewigen

Dem DDR-Fußballstar Joachim Streich zum 70. Geburtstag
Von Thomas Behlert
imago0002687387h.jpg
Streich im Freundschaftsspiel gegen Mexiko in Leipzig 1971

Bis heute wird der DDR-Fußball belächelt, denn weit haben es die Klubmannschaften und die Nationalmannschaft im internationalen Vergleich nur selten gebracht. Erinnern kann man sich nur an den Europapokalsieg vom 1. FC Magdeburg 1974, an den Finaleinzug von Carl Zeiss Jena 1981 und an das Spiel der DDR gegen den westdeutschen Nachbarn bei der WM 1974, dessen Ergebnis in die Hirne der Fußballfans eingebrannt ist. Doch immer gab es überragende Spieler in den einzelnen DDR-Oberligamannschaften, die ihre Teams zum Sieg trieben, manch Kabinettstückchen ablieferten und sich auch nicht von Partei und Staatssicherheit verbiegen ließen. Zu diesen ewigen Helden gehört neben Hans-Jürgen Kreische, Eberhard Vogel, Hans-Jürgen Dörner, Jürgen Croy, Lutz Lindemann und Wolfgang Seguin vor allem Joachim Streich, der heute, am 13. April, seinen 70. Geburtstag begeht.

Erste Tricks und Spielzüge erlernte der in Wismar Geborene bei der Bezirksligamannschaft TDS. Um schnell besser zu werden, bewarb sich Streich bei Hansa Rostock. Mit 17 Jahren lief er dann das erste Mal für deren Oberligamannschaft auf, ohne dass er davor ein Delegierungsverfahren durchmachen musste, zunächst als Rechtsaußenstürmer, später dann als Mittelstürmer. Volljährig spielte er sein erstes Länderspiel für die DDR gegen den Irak (1:1). Später wurde er zum Stammspieler und trat so auch 1972 in München mit der DDR-Olympiamannschaft an und holte auch gleich mit anderen aufstrebenden Fußballjungs Bronze. Auf dem Weg dorthin schlugen sie die BRD-Mannschaft, mit Uli Hoeneß an der Spitze, 3:2. Ein denkwürdiges Ergebnis, das später kaum Beachtung fand.

Bei der Weltmeisterschaft 1974 nahm Joachim Streich auch teil. Allerdings ließ ihn Trainer Georg Buschner beim 1:0 der DDR-Nationalmannschaft gegen die Westdeutschen aus taktischen Gründen auf der Bank, Jürgen Sparwasser konnte auflaufen. Den Rest, den der Siegtorschütze schon nicht mehr hören kann, kennt jeder Fußballfan aus Ost und West.

Da Joachim Streich auch weiterhin international spielen wollte, musste er eine neue Mannschaft finden. Der FC Carl Zeiss Jena, mit seinem legendären Trainer Hans Meyer, war sehr interessiert. Die Führungsspitze bot dem Spieler aus Rostock Handgeld, Torschussprämien und präsentierte gar eine Arbeitsstelle für die Ehefrau. Doch Parteibonzen waren gegen den Wechsel und stellten ihn vielmehr vor die Wahl, weiterhin bei Hansa rumzudümpeln oder sich dem 1. FC Magdeburg anzuschließen. Beim letzten Punktspiel für die Ostseestädter (1975) versemmelte der zukünftige Torschützenkönig einen Elfmeter und besiegelte damit den Abstieg in die Zweitklassigkeit (genannt: DDR-­Liga).

Mit dem 1. FC Magdeburg durchlief Streich in seinem langen Spielerleben Höhen und Tiefen: Er schoss zehnmal die meisten Tore für den Verein, wurde Torschützenkönig und regelmäßig DDR-Fußballer des Jahres, holte den DDR-Fußballpokal. Für die DDR schoss er in 102 Spielen 53 Tore und in der Oberliga, in der er sechzehn Jahre stürmte, 229 Tore. Nach dem Ende der aktiven Laufzeit trainierte Joachim Streich als Diplomsportlehrer 1985 gleich den 1. FC Magdeburg. Hier gab es von Anfang an Stress, denn die älteren Spieler wollten nicht mehrmals am Tag trainieren, sie hatten, laut Streich, keine Ansprüche mehr. Nach einem vierten und einem siebenten Platz des 1. FC Magdeburg in der Oberliga ging Streich neue Wege: Er hospitierte 1989 beim PSV Eindhoven. Wenige Tage nach der Grenzöffnung wechselten bereits aktive Spieler aller Fußballteams, die halbwegs gegen den Ball treten konnten, mit DM-Zeichen in den Augen in die BRD. Joachim Streich erreichte eine Einladung aus Magdeburgs Partnerstadt Braunschweig, er sollte die Eintracht trainieren. Nach nur neun Monaten gab der erste DDR-Trainer einer westdeutschen Mannschaft schon wieder auf, da er sich wie ein Störfaktor vorkam. Mit seinem schärferen Training und dem Wunsch nach neuen Spielern hatte wohl keiner gerechnet. So meinte er über die Zeit: »Hätten wir die Spieler geholt, die von mir vorgeschlagen wurden, hätte die Eintracht ein Qualitätssprung gemacht. Das wollte man nicht, es war so kuschelig im Provinznest.« Danach arbeitete er als Vertreter für einen großen Sportartikelhersteller, rettete den FSV Zwickau vor dem Abstieg und verkaufte bis zur Rente Sportschuhe in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Auf die derzeitige Situation des 1. FC Magdeburgs in der 3. Liga angesprochen, meinte er nur: »Da ist kein Leben drin.«

1000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Unüberlegt Joachim Streich, so werden sich die DDR-Jahrgänge dieser Zeit erinnern, das war ein außerordentlicher Fußballer, Stürmer, erfolgreicher Toremacher. Ob in Rostock, Magdeburg oder in der Nationalelf, St...
  • Lok Leipzig: Zu J. Streich Sorry liebe jW-ler, aber was hat denn der Autor dieses Artikels über Streich für einen schlechten Tag gehabt – hatte er vorher für die FAZ geschrieben? Nix erreicht im Fußball? Olymipasieg 1976, Oly...
  • Rainer Seyfarth, Boizenburg: Verwechselt? Herr Behlert möchte doch mir bitte mal erklären, was Parteibonzen waren und ob es heute noch welche gibt. Oder hat er die jw mit »Bild« verwechselt, denn dieses Blatt benutzt solchen Jargon. Meines Wi...

Mehr aus: Sport