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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Müllkübel impossible

Von Pierre Deason-Tomory
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Geiles Ding, aber böse – und viel zu schade für den Müll

Ich sitze an Gründonnerstag mittag auf dem Erfurter Willy-Brandt-Platz auf einer der langen Bänke, den Bahnhofseingang im Rücken, mit Blick auf das geschlossene »Willy B.«. Ich trinke Milchkaffee aus dem Pappbecher.

Es ist heiter bei 18 Grad, die Sonne wärmt den Mantel, den ich über dem Jackett trage. Ich bin auf dem Weg nach Nürnberg und werde ihn nächste Woche brauchen, es soll Aprilwetter geben. Verstörend normal, Aprilwetter mitten im April. Daran merkt man, dass die Bund-Länder-Konferenz dafür nicht zuständig ist.

Vor etwas mehr als einem Jahr, kurz vor Lockdown I, hatte ich beim Warten auf den Zug nach Nürnberg auch hier gesessen und mich gefragt, ob die Tauben und Spatzen verhungern werden, wenn alle zu Hause bleiben müssen und keiner mehr mit Brotkrümeln wirft.

Ein Spatz landet in der angeleinten Willy-B.-Außenbestuhlung, setzt sich auf einen Stuhlrücken, kehrt mir das Hinterteil zu, hebt den Schwanz und kackt.

Ich trinke vom Kaffee.

Zwei Typen laufen an mir vorbei und setzen sich weiter rechts auf die Bank. Der eine ist älter, vielleicht Anfang 30, ohne Frisur. Er trägt eine schwarze Jeansjacke und einen grauen Kapuzenpullover. Daneben ein junger Kerl mit Milchbart, auch ohne Frisur. Er hat einen schwarzen Anorak an, darunter ebenfalls einen Kapu.

Er zieht eine Zigarettenschachtel hervor und bietet dem Älteren an. Hinter ihm sitzt noch einer, den sehe ich jetzt erst, wohl älter als 40, komplett in Tarnfarben.

Er bekommt auch eine Zigarette und fängt an zu reden, langsam, seine Sprache gurgelt, ich kann nicht heraushören, ob er Osteuropäer ist oder Erfurter. Die drei rauchen und erzählen sich mit schwerer Zunge. Ihnen geht’s gerade gut, ich gönne es ihnen, bin selbst high.

Ich trinke aus, wische mir den Milchkaffeebart ab und stehe auf, um den Becher wegzuwerfen. In der Mitte des Bahnhofsplatzes finde ich einen großen, grauen Müllkübel, viereckig und hoch, mit einem Pedal. Ich drücke drauf, ein Fach öffnet sich, ich lege den Becher hinein, lasse das Pedal los, das Fach schließt sich und der graue Klotz schluckt den Becher.

Geiles Ding, aber böse. Ein Fach für alles, Mülltrennung impossible. Man kann in diesem Kübel auch nicht herumwühlen, die Flaschensammler kommen nicht an die Pfandflaschen heran. Gönnen die Stadtwerke Erfurt den Leuten die 15 Cent nicht.

Der Müllkübel steht auf dem Bahnhofsplatz von Willy-Brandt-Stadt und erklärt stumm, wie eng die soziale und die ökologische Frage zusammenhängen.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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