Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 10. / 11. April 2021, Nr. 83
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Fernsehen

Selbst Plüschtiere werden geröntgt

Postmigrantischer Osten: Die ZDF-Serie »Doktor Ballouz«
Von Caspar Shaller
75556-0-9x.jpg
Fernsehdoktor Ballouz (Merab Ninidze) heilt auch Gefühle

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk sollte einmal die Verbreitung nicht markförmiger Inhalte sicherstellen. Der Idee wohnte ein aufklärerischer Gedanke inne, die Zuschauer sollen sich mit der Welt und ihrer Position darin auseinandersetzen, ihren Geschmack erweitern, Neues kennenlernen. Davon ist in den neusten Angeboten von ARD und ZDF freilich wenig zu spüren. Nehmen wir an diesem Donnerstag zur besten Primetime anlaufende Serie »Doktor Ballouz«.

Lose inspiriert von der Biographie eines libanesischen Arztes, der in der DDR studierte und lange Jahre in der Uckermark arbeitete, folgt die Serie Doktor Amin Ballouz, der ein Krankenhaus in der ländlichen Region leitet. Er fährt mit seinem blauen Trabi mit Vorliebe durch sonnendurchflutete Alleen, damit man von der ersten Szene an merkt, dass es hier um Ostdeutschland geht. Der georgische Schauspieler Merab Ninidze spielt den uckermärkischen Landarzt sehr kompetent, auch wenn die »arabische Herkunft« des Protagonisten immer etwas vage bleibt. Ballouz ist bei Kollegen und Patienten enorm beliebt, wie könnte man einen so herzlichen und einfühlsamen Arzt nicht als Chef oder behandelnden Mediziner mögen? Selbst Plüschtiere werden geröntgt, wenn sich ein Kind schlecht fühlt. Denn: Doktor Ballouz heilt auch Gefühle. Die Serie soll laut Autoren eine Utopie sein, eine Welt in der Ärzte sich auch seelisch um ihre Patienten kümmern. »Man muss Menschen finden, die einen lieb haben, aber der Trick ist, man muss auch andere lieb haben«, onkelt Ballouz einmal. Und er hat alle lieb. Im fiktiven Krankenhaus Uckermark nimmt der Chef alle in den Arm, Angestellte, Patienten, Kinder, vielleicht sogar uns Zuschauer.

Für wen ist diese Serie? Es laufen bereits mehrere Arzt- und Krankenhausserien bei ARD und ZDF, eine langweiliger als die andere. Das Alleinstellungsmerkmal von »Doktor Ballouz« scheint auf den ersten Blick zu sein, dass hier zwei in den Augen der westdeutschen ZDF-Redaktion marginalisierte Gruppen zusammengeführt werden: Migranten aus dem Nahen Osten und Deutsche aus dem noch näheren Osten. Doch über Migration im heutigen Deutschland erzählt die Serie wenig. Laut der Autoren soll absichtlich nicht thematisiert werden, dass Armin Ballouz Migrant ist, denn ein Arzt nichtdeutscher Herkunft sei schließlich heute normal, darüber müsse man gar nicht reden. Doch auch zur Darstellung einer postmigrantischen Gesellschaft eignet sich die Serie nur bedingt. Denn außer Ballouz sind alle Figuren noch immer dieselben austauschbaren Durchschnittsdeutschen, die durch alle ZDF-Serien geistern. Einmal blitzt etwas Rassismus auf, es ist der stereotyp dumme Sozialfall, der im Krankenhaus putzen muss. Er spricht Doktor Ballouz in gebrochenem Englisch an und fragt ihn, ob er in der Küche arbeitet. Das erstaunt, trägt der doch einen Arztkittel. Was wohl eine Illustration der täglich drohenden Herabsetzung sein soll, erscheint hier wie eine doch eigentlich ganz gut gemeinte Tölpelhaftigkeit. Rassismus in der Uckermark kann so zart sein.

Auch deren Probleme als strukturschwache Region sollen laut Pressetext beleuchtet werden, ebenso die dort ansässigen »stolzen, bodenständigen Menschen mit großem Herz« gefangen zwischen »ostdeutscher Vergangenheit und gesamtdeutscher Gegenwart«. Besonders ostdeutsch erscheinen jedoch wenige der Figuren oder Handlungsstränge. Beispielsweise spricht kaum jemand Brandenburger Dialekt. Es geht hier also doch nicht um eine Erkundung der vielerlei Reibungspunkte der heutigen Gesellschaft, nicht um Strukturwandel in ländlichen Regionen, nicht um das Erstarken der extremen Rechten, nicht um das Zurechtfinden in einer neuen Gesellschaft. Am ehesten in Ostdeutschland zu verorten ist das Krankenhausgebäude selbst, ein fabelhaftes Beispiel der sozialistischen Moderne. Diese Architektur stand für eine andere Utopie als die des einfühlsamen Chefs, eine kulturelle Utopie für die auch die öffentlich-rechtlichen irgendwie einmal standen: Rationalität, Fortschritt, Aufklärung. Davon geblieben ist bloß ein Beruhigungsmittel für die Seele.

»Doktor Ballouz«, donnerstags, 20.15 Uhr, ZDF

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • In diesem Gefäß möchte Antonis Alakiotis seine letzte Ruhe finde...
    17.03.2021

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Graffiti und Bilder werden zur Sprache der ägyptischen Revolutio...
    30.01.2021

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Julian Assange wird von einer Überwachungskamera aufgenommen: »W...
    12.01.2021

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht

Regio:

Mehr aus: Feuilleton