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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die Sprache der Mutter

Zwischen Katalonien und Marokko: Najat El Hachmis Roman »Eine fremde Tochter«
Von Isabella Caldart
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Kulturelle Zerrissenheit: Straßenszene in Barcelona (2020)

Sie hat die Schule mit Bestnote abgeschlossen, beherrscht mehrere Sprachen fließend und wird als Aushängeschild von Vic, der katalanischen Stadt, in der sie lebt, präsentiert – doch als sie und ihre Mutter eine größere Wohnung mieten möchten, bleibt ihnen dies aufgrund ihres marokkanischen Namens verwehrt. Am liebsten beschäftigt sich die namenlose Ich-Erzählerin in Najat El Hachmis Roman »Eine fremde Tochter« mit sinnlichen Dingen, mit Literatur, Gerüchen und Geschmack oder Masturbation. Doch jetzt, mit 18 Jahren, ist sie im besten Alter, um endlich zu heiraten. Die geplante Ehe ist weniger Zwang denn gesellschaftliche Konvention – einer Gesellschaft allerdings, in der die junge Frau und ihre Mutter seit vielen Jahren nicht mehr leben: Marokko, zumeist umschrieben mit »da unten«, ein Land, das die Protagonistin wenig kennt. Um ihre Mutter glücklich zu machen, willigt sie ein. Dabei träumt sie heimlich davon, nach Barcelona zu ziehen.

Najat El Hachmi, selbst in Marokko geboren und in Vic aufgewachsen, gehört heute zu den bekanntesten auf Katalanisch schreibenden Autoren; auf Deutsch wurde von ihr bisher »Der letzte Patriarch« (Wagenbach, 2011) veröffentlicht. In »Eine fremde Tochter«, in der gelungenen Übersetzung von Michael Ebmeyer 2020 im Orlanda-Verlag erschienen, bleibt sie sehr nahe bei ihrer Erzählerin, die autobiographische Züge El Hachmis trägt. Die junge Frau schildert in einer Art innerem Monolog ihre Zerrissenheit zwischen Kultur und Sprache ihrer Mutter (nie sagt sie »Muttersprache«) und der katalanischen Heimat, was sie als Sprachlosigkeit empfindet: »So viel ich auch übersetze, so sehr ich mich auch bemühe, die Wörter von einer Sprache in die andere umzuschütten: Es wird mir nie wirklich gelingen, immer bleiben Unterschiede.« Die Wörter umzuschütten bedeutet sogar eine doppelte Herausforderung für die Protagonistin, schließlich gibt es in Katalonien zwei offizielle Sprachen.

Jetzt, da sie die Schule abgeschlossen hat und im heiratsfähigen Alter ist, soll sie auch genau das tun: Heiraten, und am besten innerhalb der Familie, also den älteren Cousin, dem somit die Möglichkeit gewährt wird, nach Spanien zu ziehen. Sie versucht, im Gedanken an die Hochzeit eine Form der Freiheit zu erkennen. »Sobald du verheiratet bist, lassen sie dich in Ruhe, und du kannst endlich machen, was du willst. Arbeiten, studieren, was du willst. Dann musst du nichts mehr beweisen«, hofft sie. Und vor allem mit Blick auf ihre Mutter stimmt sie dieser Ehe zu, um die Mutter von der Last zu befreien, eine ledige Tochter zu haben: »Von nun an ist sie nicht mehr für mich zuständig, ab jetzt trage ich selbst die Verantwortung für mein Handeln, ich und mein Ehemann, aber nicht mehr sie.« Aber die Ehe bedeutet, wenig überraschend, weder für sie noch ihre Mutter eine Befreiung.

»Eine fremde Tochter« ist ein Roman, der von unausgesprochenen Wünschen und Sehnsüchten erzählt, aber frei von Klischees oder Sentimentalitäten ist. Und auch frei von Anklage: Im zentralen Konflikt, der Frage, ob die Ich-Erzählerin mit der Welt ihrer Mutter, mit den Wurzeln und Überzeugungen brechen will, oder ob sie sich dem beugt und den Cousin heiratet, ist zweifelsfrei Najat El Hachmis Kritik an der patriarchalen Welt der islamischen Religion zu erkennen. Aber auch wenn sie kritisiert, generalisiert die Autorin nicht; es geht ihr nicht um stereotype Zuschreibungen, sondern um konkrete Figuren. Sie stößt ihre Leserschaft nicht mit Gewalt ­darauf, sondern bleibt dezent. Die Protagonistin kann in ihren Monologen ohne zu beschönigen formulieren, was sie laut niemals ausdrücken würde – weil anständige Mädchen die Klappe halten. Dabei hat sie viel zu sagen. Sie ist eine zarte und zugleich starke Stimme, die ruhig und voller Gefühl über ihre Situation reflektiert, die Widersprüche, die ihren Alltag ausmachen zwischen ihren Sehnsüchten und der emotionalen Verbindung zur Herkunftsgesellschaft ihrer Mutter.

Najat El Hachmi: Eine fremde Tochter. Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer. Orlanda-Buchverlag, Berlin 2020, 232 Seiten, 22 Euro

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