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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 15 / Antifa
»National Action«

Neonazi und Excop

Londoner Gericht verurteilt Polizisten wegen Mitgliedschaft in verbotener faschistischer Terrorgruppe. Antifa-Recherche enttarnte 22jährigen
Von Christian Bunke, Manchester
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Anhänger der »National Action« zeigen vor dem Verbot der Gruppe öffentlich den Hitlergruß (Bolton, 26.11.2016)

Ein Londoner Gericht hat vergangene Woche einen jungen britischen Polizeibeamten wegen Mitgliedschaft in der – als terroristische Organisation verbotenen – faschistischen »National Action« (NA) verurteilt. Das berichtete das Onlineportal Independent am vergangenen Freitag. Ein Strafmaß ist demnach noch nicht festgesetzt. Das Verfahren fand im März unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Richter hatte zuvor ein Berichterstattungsverbot verhängt. Dies wurde damit begründet, dass sich der Polizeibeamte in einem separaten Verfahren wegen des Besitzes kinderpornographischer Bilder verantworten muss.

»National Action« ist eine von zahlreichen klandestin agierenden Kleingruppen, die allesamt Spaltprodukte der British National Party (BNP) darstellen, die Anfang der 2000er Jahre stark an Bedeutung verloren hatte. War die BNP eine »klassische« und relativ offen operierende, faschistische Organisation, sind ihre Nachfolger viel diffuser und schwerer greifbar. Der organisatorische Schwerpunkt der im Jahr 2016 verbotenen Gruppierung war ursprünglich der Nordwesten Englands, allerdings konnte die »National Action« auch in Schottland und anderen Landesteilen Englands Strukturen aufbauen.

Ein Rekrutierungsschwerpunkt lag auf den Universitäten. Dort wollte die Gruppe frustrierte Jugendliche für sich gewinnen. Im Gründungszeitraum von »National Action« im Jahr 2013 erlebte Großbritannien immer wieder, teils heftige Jugendproteste gegen die Sparpolitik der damals amtierenden konservativ-liberaldemokratischen Koalitionsregierung. In einem Interview für die faschistische Zeitschrift »National Student« aus dem Jahr 2014 sagte ein anonymes NA-Mitglied: »Die letzte Labour-Regierung wollte 50 Prozent der 18- bis 21jährigen auf die Universitäten schicken. Die Zahl der Studierenden ist im vergangenen Jahrzehnt exponentiell angewachsen. Das sind 50 Prozent aller Jugendlichen, die später sehr wütende Burger-Flipper sein werden.« Das Logo der »National Action« weist eine starke Ähnlichkeit zum historischen Abzeichen des paramilitärischen NSDAP-Arms SA auf. Ein Hinweis, in welcher Tradition sich die Gruppe zu verstehen scheint.

Neben der versuchten Anbiederung an revoltierende studentische Jugendliche gilt »National Action« als eine der faschistischen Strukturen, die den Begriff des »weißen Dschihad« in die britische Szene einführten. Dabei bediente man sich explizit bei Gruppen wie der Terrormiliz »Islamischer Staat«. Auch ein aggressiver, von Vernichtungswillen geprägter Antisemitismus gehörte zum ideologischen Arsenal der NA. So sollte sich der »weiße Dschihad« gegen »Parasiten« richten, von deren Einfluss man Großbritannien »reinigen«müsse. Ein geplanter Anschlag auf eine Parlamentsabgeordnete der Labour-Partei in der nordwestenglischen Grafschaft Cheshire wurde nur deshalb vereitelt, weil ein NA-Mitglied vorher von seiner Ideologie abgeschworen hatte und anschließend zum Whistleblower für die antifaschistische Organisation »Hope Not Hate« wurde.

Der nun verurteilte 22jährige Beamtenanwärter des Metropolitan Police Service, Benjamin Hannam, flog ebenfalls nur durch Antifa-Recherchen auf. Ein antifaschistisches Hackerkollektiv hatte den Datensatz des inzwischen nicht mehr aktiven neonazistischen Onlineforums »Iron March« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (siehe jW vom 13.11.2019). Darin befanden sich auch Posts des Polizisten Hannam. Laut Independent-Bericht vom Freitag war dieser sowohl bei »National Action« als auch bei deren ebenfalls verbotener Nachfolgegruppe »NS131« aktiv. Dieser Buchstaben- und Zahlensalat steht für »National Socialist Anti Capitalist Action«. Hannam besuchte Indok­trinationsveranstaltungen und Boxcamps. Außerdem beteiligte er sich an Propagandaaktionen.

Den Verantwortlichen bei der Londoner Polizei ist all dies jedoch nicht aufgefallen. Hannam sei zwar eigenbrötlerisch, ansonsten aber völlig normal, zitierte der Independent seine Arbeitskollegen. Einem Bericht der BBC zufolge sei der Chef der Antiterroreinheit, Richard Smith, enorm besorgt über den Fall. Hannam sei aber »frühstmöglich« identifiziert und festgenommen worden. Allerdings habe eine Lehrerin oder ein Lehrer Hannams sich tief besorgt gezeigt angesichts dessen politischer Einstellungen, wie das linke Onlineportal Novara Media am Sonntag berichtete.

Bei dem nun verurteilten 22jährigen handelt es sich allerdings nicht um das erste »National Action«-Mitglied im bewaffneten Staatsapparat. So wurden im Jahr 2017 vier Soldaten der britischen Armee verhaftet, weil sie Mitglieder der verbotenen rechtsterroristischen Gruppe waren.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 6. April 2021 um 20:22 Uhr)
    »Antifarecherche enttarnte 22jährigen«:

    Genau das ist der Grund, warum die Rechten Antifaschisten auch so dermaßen hassen. Also natürlich allein aufgrund des ideologischen Antagonismus, aber eben vor allem auch, weil, wie man immer wieder sieht, auch bei der Aufdeckung der Neonaziverstrickungen eines Kalbitz, es Antifaschisten sind, die so was aufdecken. Oder aber die ganzen Hintergrundinformationen zum Lübcke-Mörder, seiner Spende an die AfD und seiner Rolle in der nordhessischen Neonaziszene. Und das muss man sich mal auf dem Gehirn zergehen lassen: Der Verfassungsschutz, dessen Job das ja eigentlich sein sollte, jedenfalls würde man das denken, wenn man sehr naiv ist, beschäftigt sich lieber mit der Verfolgung von Umweltaktivisten. Und die Rechtsradikalen wissen natürlich, dass der Repressionsapparat von der normalen Polizei über Geheimdienste bis zur Bundeswehr voll ist mit Gesinnungsgenossen und dass der wirkliche Wiederstand gegen ihr Streben nach der Macht nicht von den Behörden des bürgerlichen Staates zu befürchten ist, sondern von Antifaschisten und Antifaschistinnen aller Art.

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