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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 8 / Inland
Anti-AKW-Bewegung

»Die Bevölkerung holte sich das Gelände zurück«

Baden-Württemberg: AKW-Standort im Wyhler Wald wieder in Gemeindebesitz. Ein Gespräch mit Axel Mayer
Interview: Gitta Düperthal
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Ostern 1975: Demonstration in Wyhl am Kaiserstuhl gegen den später gescheiterten Bau des AKW Süd

Das Atomkraftwerksgelände im Wyhler Wald in Baden-Württemberg ist nach einer langen Geschichte des Widerstands wieder im Gemeindebesitz. Muss die öffentliche Hand finanziell ausbaden, was der Konzern EnBW eingebrockt hat?

Nein, vielmehr schließt sich eine Widerstandsgeschichte, die vor fast einem halben Jahrhundert begann. Ich erlebe immer, dass die Umweltbewegung sagt, man habe zu wenige Erfolge. Das hat damit zu tun, dass man sie zu wenig feiert. 2021 geschieht, wofür wir lange gekämpft haben. Über den Verkaufspreis ist Stillschweigen vereinbart worden, vermutlich ist er aber nicht hoch. Das Gelände, direkt am Rhein an der französischen Grenze, wo einst eines der ersten Atomkraftwerke gebaut werden sollte, ist seit Jahren Naturschutzgebiet. 1975 versuchte die Landesregierung diesen Bau gegen die Anti-AKW-Bewegung mit einem Polizeieinsatz durchzusetzen. Dagegen gab es eine erfolgreiche Bauplatzbesetzung. Die Bevölkerung holte sich das Gelände zurück. In Brokdorf und Grohnde wurde vergeblich versucht, das zu wiederholen. Gebaut hatten auf dem Gelände in Wyhl einst nur die Polizei – NATO-Stacheldraht, etc., um den Bau der Anlage zu ermöglichen – und wir. Die Atomkraftgegner hatten ein großes Freundschaftshaus errichtet, weil unsere Besetzung monatelang andauerte, auch mitten im Winter. Baufrauen und -herren waren wir!

Inwiefern waren die Anti-AKW-Proteste in den 70er Jahren von einer Bewegung geprägt, die auch mit Kontinuitäten der Nachkriegsgeschichte gebrochen hat?

In den größeren Städten begann das um 1968, in der konservativ geprägten Region am Kaiserstuhl mit sehr verkrusteten Strukturen erst Mitte der 70er Jahre. Was sich die wenigsten heute noch vorstellen können: Damals regierte in Stuttgart der ehemalige NS-Marinerichter Hans Filbinger, der Todesurteile verantwortet hatte. Er war von 1966 bis 1978 Ministerpräsident Baden-Württembergs und von 1973 bis 1979 einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU.

Spielten die Anti-AKW-Proteste beim politischen Niedergang des damaligen Ministerpräsidenten eine Rolle?

Der 2015 verstorbene Walter Mossmann, Wyhl-Aktivist und Liedermacher, hat diese Protestkultur entscheidend mitgeprägt. Eine seiner Balladen handelte vom fahnenflüchtigen Matrosen Walter Gröger, an dessen Hinrichtung Filbinger 1945 beteiligt war. Der Kampf gegen Atomkraft damals und heute war immer auch Engagement für Demokratie. Eine breite Bewegung mit Menschen aus der Bundesrepublik, Frankreich und der Schweiz machte mit.

War damals die Rede von alternativen Energiequellen?

Wir haben damals nicht nur nein zur Atomkraft gesagt, sondern: Sonne, Wind und Energiesparen könnten die Alternativen zur Atomenergie sein. Badisch-elsässische Bürgerinitiativen hatten eine Ausstellung zur Sonnenenergie in einem Nachbardorf Wyhls organisiert – aus heutiger Sicht lächerlich klein. Damals verlachten und bekämpften das die Atomlobbyisten. Energieversorger verteilten Broschüren, dass Strom aus alternativen Energiequellen höchstens bis zu fünf Prozent des deutschen Bedarfs decken könnte. Weil sie mit scheinökologischen Argumenten heute wieder versuchen für Atomkraft zu werben und aggressiv die Energiewende, insbesondere Windenergie, bekämpfen, müssen wir die Kämpfe um unseren Traum vor einem halben Jahrhundert weiterführen.

Und wie?

Unsere illegale Bauplatzbesetzung in Wyhl war damals genauso erfolgreich wie die in Frankreich gegen das Bleichemiewerk CWM in Marckolsheim. In Norddeutschland gab es vergleichbare Werke, in deren Nähe Kühe tot umfielen. Kämpfe zur Luftreinhaltung waren Vorläufer der heutigen Klimaschutzbewegung. Heute ist es unsere Aufgabe, die Kämpfe gegen die Lobbys der Kohle- und der Atomkraft erfolgreich zu beenden. Tatsächlich eröffnen Atomkraftwerke immer mehr Ländern die Perspektive, Atomwaffen zu bauen, etwa Saudi-Arabien. Allein deshalb müssen wir weiterkämpfen. Die »Mitwelt-Stiftung Oberrhein« will aus den erfolgreichen Kämpfen der Vergangenheit lernen. Es gilt, das Thema Umweltschutz mit sozialer Gerechtigkeit und Antikriegspolitik zu verbinden.

Axel Mayer war Bauplatzbesetzer sowie BUND-Geschäftsführer und ist aktiv bei der »Mitwelt-Stiftung Oberrhein«

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