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Aus: Ausgabe vom 31.03.2021, Seite 4 / Inland
Drogenpolitik

Vermeidbare Todesfälle

Politik der Bundesregierung sorgt für starken Anstieg der Drogentotenzahl
Von Markus Bernhardt
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Eine Droge wird auf eine Spritze gezogen (Frankfurt am Main, 19.11.2019)

Die staatliche Drogenpolitik hat weiterhin eine Vielzahl vermeidbarer Todesfälle zur Folge. Am Dienstag erinnerte »Akzept e. V.«, der 1990 gegründete »Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik« an den 60. Jahrestag der Verabschiedung der sogenannten Single Convention der Vereinten Nationen am 30. März 1961. Dieser Vertrag und weitere Ergänzungen von 1971 und 1988 bestimmten noch immer die Drogenpolitik und verhinderten eine wirkliche Entkriminalisierung des Gebrauchs bestimmter Substanzen wie Heroin, Kokain und auch Cannabis, kritisierte »Akzept«-Vorstand Heino Stöver in einer Stellungnahme.

Während die Bundesregierung noch immer behaupte, das »Drogenverbot sei ›generalpräventiv‹ wirksam« und verhindere den Konsum dieser Substanzen, führe es tatsächlich dazu, dass »insbesondere Heroinkonsumenten großen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt« seien, zu verelenden und an einer Heroinüberdosis zu sterben drohten, monierte Stöver.

Der Suchtmediziner erinnerte zugleich daran, dass der Kokainkonsum und der Konsum von Stimulantien »vielfach im verborgenen und unter ›gut etablierten‹ Bürgerinnen und Bürgern« zunehme. Die Glaubwürdigkeit staatlicher Drogenpolitik würde insbesondere auch deshalb in Frage stehen, »weil der weitverbreitete Alkoholkonsum und seine weitreichenden negativen Folgen verharmlost«, der Verkauf gefördert und wirksame Maßnahmen der Prävention nicht umgesetzt würden.

Die Ende der vergangenen Woche von der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU) veröffentlichten Zahlen geben Stöver jedenfalls recht. So stieg die Zahl der an illegalisierten Drogen verstorbenen Menschen im vergangenen Jahr deutlich an. Insgesamt 1.581 drogenbedingte Todesfälle wurden 2020 registriert. Das entspricht einem Anstieg von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie bereits in den Vorjahren seien vor allem der Konsum von Opioiden/Opiaten allein oder in Verbindung mit anderen Stoffen todesursächlich, obwohl die Zahl der Todesfälle durch Opioide/Opiate im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent gesunken sei. Die zweithäufigste Todesursache sind demnach »Langzeitschädigungen aufgrund von Drogenkonsum«.

»Die Lage ist für suchtkranke Menschen durch die Pandemie mehr denn je dramatisch. Viele von ihnen sind durch Corona in eine verstärkte Lebenskrise geraten. Gewohnte Strukturen, persönliche Hilfsangebote und Ansprechpartner sind quasi von einem Tag auf den anderen weggebrochen«, betont Ludwig. Dies könne außerdem »ein Grund dafür sein, dass sich mehr Drogenkonsumenten als in den Jahren zuvor das Leben genommen haben«. Politische Konsequenzen aus dieser Feststellung sucht man bisher jedoch vergebens.

»Die Verbotspolitik im Umgang mit Drogen erreicht exakt null Erfolge. Weder sinkt die Zahl der Konsumenten noch die Zahl der Menschen, die durch illegalisierte Drogen sterben«, konstatierte Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke. Der Bundestagsabgeordnete sprach sich einmal mehr dafür aus, Drogenkonsumenten zu entkriminalisieren. Nur das werde auch »den Drogenkartellen das Handwerk legen«.

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