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Prämie statt Lohnerhöhung

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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In der seit mehr als einem Jahrzehnt hochprofitablen deutschen Autoindustrie hat es sich eingebürgert, freiwillig hübsche Prämien zu zahlen. Im Fall Volkswagen oder gar Porsche bessern diese den Jahreslohn der regulär Beschäftigten (also ausschließlich der Leiharbeiter oder der bei Werkvertragsfirmen Tätigen) um nette Sümmchen auf. Prämien sind Sonderzahlungen und in der Regel »freiwillige« Leistungen des »Arbeitgebers«, der das auf dem Gehaltszettel ausdrücklich betont und feststellt, dass sich daraus kein Anspruch für die Zukunft ableitet. Aus Sicht des Kapitalisten ist es tausendmal besser, Prämien zu zahlen, als eine Lohnerhöhung zu gewähren. Die Pflegerinnen und Pfleger erhielten so neben Beifall und guten Worten solche Anerkennungsprämien für brave Leistungen an vorderster Front der Seuche. Den ersten Ansatz einer angemessenen Lohnerhöhung mussten sie sich mit ihrer Gewerkschaft Verdi im Rahmen der Tarifrunde im Öffentlichen Dienst im vergangenen Jahr erkämpfen. Einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag hat denn auch die katholische Caritas abgewehrt.

Tarifverträge sind das Gegenteil dieser Freiwilligkeit. Hier wird der Anspruch auf Zahlung des Lohnes rechtlich festgeschrieben. Dafür sind sie da. Der Tarifvertrag ist Teil des Arbeitsvertrages. Wird im Tarifvertrag eine Erhöhung der Entgelte um soundso viel Prozent vereinbart, muss der aktuelle Lohn jeder Beschäftigten um diesen Prozentsatz zwingend erhöht werden. Die Freiheit des Kapitalisten ist eingeschränkt. Jetzt wird nicht mehr abgewartet, ob sich genug Gewinn angesammelt hat, damit für den Malocher eine Anerkennung abfällt.

Der Tarifvertrag, den die IG Metall mit dem Unternehmerverband in NRW kurz vor Ostern abgeschlossen hat, ersetzt ausdrücklich die Lohnerhöhung durch die Prämie. Diese Sonderzahlung soll im Juni dieses Jahres ausgezahlt werden, klingt als »Coronabeihilfe« mehr wie eine karitative Spende und fällt mit 500 Euro natürlich nicht so üppig aus wie Prämien, die von Daimler (1.000 Euro), Volkswagen (2.700 Euro) oder gar Porsche (7.850 Euro) gezahlt werden. Hinzu kommen Sonderzahlungen in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsgehalts und 27,6 Prozent eines Monatsgehalts, zahlbar jeweils im Februar 2022 und 2023. Zwar soll dieser prozentuale Zuschlag auch in den Folgejahren ausgezahlt werden, aber das Gehalt selber wird ausdrücklich nicht erhöht. Weil Prämien bis zu 1.500 Euro von der Lohnsteuer ausgenommen werden, sind sie populär. Aber die Beschäftigten bleiben damit vier Jahre in Folge ohne tabellenwirksame Tariferhöhung.

Zugleich hat die IG Metall einem »automatisch wirksamen Entlastungsmechanismus für krisenbetroffene Betriebe« zugestimmt. Die Gewerkschaft öffnet damit den Weg weiter zur »Verbetrieblichung« der Tarifverträge. Zugleich ist es den Kapitalverbänden gelungen, einen Schritt voranzukommen bei ihrer Strategie, die da heißt: Prämie statt Lohnerhöhung.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • F. A.: Nicht ganz richtig Grundsätzlich hat Herr Zeise recht, nur dass die Prämie von 2.700 Euro, welche bei Volkswagen ausgezahlt wurde, – zum einen die Novemberprämie (ehemaliges Weihnachtsgeld) beinhaltet, – keine Sonderp...

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