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Aus: Ausgabe vom 31.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Fröhlicher Totenkopf

In der Andy-Warhol-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig gibt es noch Überraschendes zu entdecken
Von Hannes Klug
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Sehr beliebt: Warhols »Skull« (1976)

Andy Warhol war nicht nur der bekannteste Vertreter der Pop Art, er war selbst Pop Art: eine queere Ikone, der Mann mit der Silberperücke, seine eigene Kunstfigur, ein strahlender Fixstern in der New Yorker Society. Er war ein Meister aller Medien, der Magier der unendlichen Verweise. Trotz seiner Allgegenwart blieb der Sohn osteuropäischer Einwanderer, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania niederließen, allzeit ein Rätsel. Er gab wenig von sich preis, behielt seine Gedanken und Gefühle für sich, und wenn er sie doch einmal zum Thema machte, dann als überdimensionalen, selbst ersonnenen Rorschachtest, als unlesbares Zeichen für etwas Verborgenes, das es – wer weiß – vielleicht gar nicht gab. Und doch: Statt immer neu reproduzierter Oberflächen ist da plötzlich Tiefenpsychologie. Blickt einen da womöglich ein riesengroßer Totenkopf an?

Statt Antworten, auf die man vergeblich wartet, steht unterm Strich vielleicht nur eine sinnlose Frage: Wer war dieser ­Andy Warhol jenseits seines eigenen Spiegelkabinetts, seiner zahllosen Filmaufnahmen, seiner seriell aneinander gereihten Siebdrucke? Oder meinen wir nur, ihn vor lauter Suppendosen und Cola-Flaschen fast bis zum Überdruss zu kennen, weil wir es versäumen, genau hinzusehen, so dass wir die kleinen Momente verpassen, die ihn bis heute so einzigartig machen? Gähn, Marilyn, Elvis und Mao mit Lippenstift, eingespeist in den endlosen Warenkreislauf, in die ständige Rückkopplungsschleife aus Eigenwerbung und Geschäft. Man vergisst ja manchmal fast, dass dieser Mensch ein Künstler war. Warum braucht es ausgerechnet jetzt eine neue, allumfassende, dieses ganze Universum neu aufrollende Gesamtschau seines uferlosen Werkes? Moment – kann man dieses wilde Schaffen überhaupt Werk nennen, oder ist es nur das Zitat eines Werks, ein Universum ohne Ursprung?

Die Ausstellung »Andy Warhol Now«, die das Kölner Museum Ludwig zusammen mit der Londoner Tate Modern auf die Beine gestellt hat, läuft zwar nominell seit Dezember, doch im März konnte man die Räume kurzzeitig persönlich besuchen – und das lohnte sich. Es ist kein Zufall, dass die Schau nun ausgerechnet hier zu sehen ist: Das Museum Ludwig besitzt die größte Pop-Art-Sammlung außerhalb der USA, und die letzte Kölner Warhol-Retrospektive ist nun auch schon wieder 30 Jahre her. Was aber gibt es hier und heute Neues an diesem Jahrhundertkünstler zu entdecken, jenseits der bloßen Schaulust am Populären?

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut, sie beginnt mit Arbeiten aus den späten 1940er Jahren, als Andrew Warhola, wie Warhol mit bürgerlichem Namen hieß, noch in Pittsburgh Malerei und Design studierte und das elterliche Wohnzimmer in Öl malte, mit Deckenwurf und Schaukelstuhl und Christuskreuz über dem Kamin. Seine filigranen Porträtzeichnungen formulierten in den 1950er Jahren homosexuelles Begehren in einem gesellschaftlichen Umfeld, für das solches laut Time Magazine noch eine »schlimme Krankheit« war. Aus der biographisch-linearen Ordnung ergibt sich eine neue, mitunter überraschende Erzählung, die in den massenkulturellen Zeichenkosmos eine Signatur des Persönlichen einzieht, die vielleicht weniger plakativ ist, aber um so zerbrechlicher und daher bewegender. Es sind die stillen Geschichten von Einwanderung und Fremdheit, von Familie und kyrillischen Schriftzeichen, von geschlechtlicher Identität und Religion, die durch die auf einmal nicht mehr ganz so hermetischen Oberflächen hindurch scheinen und den Künstler jenseits der seriellen Maschine, als die er sich selbst inszeniert, radikal vermenschlichen. Nimmt man die leiblichen Erfahrungen von Schmerz und Tod hinzu, mit denen Warhol sich zeitlebens befasst, entfaltet die Schau nach und nach eine Poesie, der man sich als Betrachter schwer entziehen kann.

Warum präsentiert Warhol dem Fotografen Richard Avedon seinen von Narben übersäten Torso, auf dem sich Wunden des Attentats vom ­Juni 1968 über Brust und Bauch ziehen? Avedon bläht das Bild überlebensgroß auf, so dass die ganze Gewalt körperlicher Verletzung daraus spricht und beinahe allein einen ganzen Raum erfüllt. Trauma, Entblößung und der Anklang an christliche Metaphorik – sogar im tiefsten Leiden hat sich Warhol alles und jeden einverleibt, bis hin zur Munition der Waffe, die ihn beinahe tötete. Dann, eher unscheinbar, sind da diese vier quadratischen Siebdrucke mit dem Titel »Camouflage« von 1986, schlichte Tarnmuster in verschiedenen Farben. Wirf sie dir über, Andy, und niemand kann dich sehen. Du verschwindest und bist doch für alle sichtbar. Verwundbar, verletzlich und ausgestellt.

»Andy Warhol Now«. Bis 13. Juni 2021, Museum Ludwig, Köln

Katalog: »Andy Warhol Now«. Hrsg. von Yilmaz Dziewior und Gregor Muir, Englisch, Köln/London (u. a.) 2020/21, 224 Seiten, 38 Euro

Bildergalerie und Videos unter: kurzelinks.de/Warhol-Koeln

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