Gegründet 1947 Dienstag, 13. April 2021, Nr. 85
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Früh übt sich

Gut Pfad. Eine Erinnerung

Von Götz Eisenberg
Immer_mehr_Pfadfinde_63796480.jpg
Befehl und Gehorsam: Junger Pfadfinder vor seinen Stammesältesten (2019)

Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, war ich Mitglied einer kleinen Pfadfindergruppe, die Sippe genannt wurde. Verschiedene Sippen ergaben zusammen einen Stamm. Unser Stamm hieß »Goten«, was eine germanische Tradition beschwören sollte. Jeder Sippe stand ein Führer vor. Für die Sippentreffen, die jeden Samstag stattfanden, arbeitete er jeweils einen Plan aus. Wir trugen eine Art Uniform, die sogenannte Tracht, die aus einem grauen Hemd und einem blauen Halstuch bestand, das vorn von einem Knoten zusammengehalten wurde. An diesem trüben und kalten Wintertag zogen wir hinaus in den Wald. Wie eigentlich jeden Samstag, wenn es nicht gerade Bindfäden regnete. Immer ging es hinaus. Meist dachte der Gruppenführer sich irgendwelche Geländespiele aus, bei denen es darauf ankam, möglichst viele andere symbolisch umzubringen, indem man ihnen das Lebensbändchen abriss, das sie am Arm trugen.

Es herrschte in Sippe und Stamm ein Klima von Befehl und Gehorsam. Die Pfadfinder stammten aus dem Krieg und dienten der Vorbereitung auf den Krieg. Ich war nicht begeistert, bei den Pfadfindern zu sein. Meine Eltern hatten mich hingeschickt, weil sie dachten, es täte mir gut und würde zu meiner Ertüchtigung beitragen. Also ging ich hin und nahm teil. Mehr aber auch nicht. Meist agonisierte ich vor mich hin, was damals überhaupt meine Art zu existieren war. Ich starrte mit abwesendem Blick vor mich hin oder ins Leere. Ständig fuhren die Erwachsenen mir mit der Hand durch Blickfeld, um mich aufzuwecken, wie sie sagten.

An diesem Samstag, ich sagte es schon, zogen wir hinaus in den Wald und sollten um die Wette irgendwelche Bäume besteigen. Da ich damals ziemlich dick war, war das nicht gerade meine Paradedisziplin. Aber es gab kein Entrinnen, ich musste auf den Baum hinauf. Jemand machte am Anfang englische Leiter, um auf den ersten Ast hinaufzukommen, dann musste man allein weiterklettern. Es war Winter, und die Äste der Bäume waren verschneit und teilweise vereist. Der Gruppenführer hatte die Bäume tatsächlich in den Tagen zuvor eigenfüßig bestiegen und in den Wipfeln für jeden von uns ein Bändchen angebracht. Als Zeichen, dass wir es auch tatsächlich bis oben hin geschafft hatten, mussten wir ein solches Bändchen als Trophäe mit hinunterbringen und bei ihm abliefern. Die Gruppe, die als erste alle Bändchen geborgen und abgeliefert hatte, würde gewinnen. Es musste immer Sieger und Besiegte geben. Einfach so ein Spiel spielen ging nicht. Ich schaffte es mit Hängen und Würgen beinahe bis oben, dann rutschte ich auf einem vereisten Ast ab und stürzte aus sieben Metern Höhe hinab. Unterwegs schlug ich auf diversen Ästen auf, was den Fall etwas abbremste.

Mehr weiß ich eigentlich nur aus Erzählungen. Ich kam erst im Krankenhaus wieder zu mir. Ich hatte blutend und bewusstlos unter dem Baum am Boden gelegen. Es musste jemand zur nächsten Telefonzelle laufen und die Rettung rufen. Da ich im Wald lag, war es für die Sanitäter schwierig, zur Unfallstelle zu gelangen. Man musste mich auf eine Trage schnallen und aus dem Wald hinaustragen. Der Junge, der zum Telefonhäuschen gerannt war, hatte auch meine Eltern angerufen und ihnen mitgeteilt, ich sei vom Baum gefallen und höchstwahrscheinlich tot. Ich sah sie dann später irgendwann im Krankenhaus wieder. Ich wurde zigmal operiert und blieb dort von Februar bis Oktober. Mit den Pfadfindern hatte ich danach nichts mehr am Hut.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jürgen Abresch: Plädoyer für die Pfadfinder Das war schon ein interessanter Artikel über Pfadfindererlebnisse und ein Kindheitstrauma, hätte aber vielleicht eher in eine längere Traumabehandlung gehört als in einen letztlich die heutige Pfadfin...

Mehr aus: Feuilleton