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Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 5 / Inland
Serie »Unsere Armut – ihre Profite«

Ausgliedern für Aktionäre

Serie. Unsere Armut – ihre Profite. Teil 2: Siemens-Vorstand setzt Kahlschlagprogramm durch. Börsenerfolge auf Kosten der Belegschaften
Von Steffen Stierle
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Bosse zerlegen den Konzern, Beschäftigte bangen um ihre Zukunft (Leipzig, 12.12.2017)

In der größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg schützt die Bundesregierung Konzerne. Für Lohnabhängige hat sie kaum etwas übrig. In der sechsteiligen jW-Serie werden schlaglichtartig die größten Profiteure der Coronapandemie beleuchtet. (jW)

Spätestens seit 2010 ist die Ausgliederung von Geschäftsbereichen bei der Siemens AG Organisationsprinzip. Durch den permanenten Konzernumbau werden die Aktionäre kontinuierlich auf Kosten der Belegschaften bedient. Den Anfang machte seinerzeit die Abspaltung der Solutions and Services GmbH (SIS), in deren Rahmen 4.200 Beschäftigte auf die Straße gesetzt worden waren. Es folgten die Healthineers AG, die Sparte »Mechanical Drives« und die Siemens Mobility GmbH. Der vorerst letzte Streich war im vergangenen Jahr die Ausgliederung und der Börsengang der Energiesparte Siemens Energy.

Einwände aus der Eigentümerschaft gegen den jüngsten »Verschlankungsschritt« gab es lediglich seitens der Belegschaftsaktionäre und der im Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre organisierten Wertpapierhalter. In der neuen AG wurde sogleich ein Kahlschlagprogramm in die Spur gebracht, durch das bis 2025 7.800 Arbeitsplätze vernichtet werden sollen. Natürlich bleibt der Einfluss der Siemens-Führungsriege in der ausgegliederten Sparte immens. Nicht nur ist man in der neuen Struktur mit Anteilen im Volumen von 35 Prozent Hauptaktionär. Zudem hat der scheidende Siemens-Chef Josef Kaeser sich allen Karenzregeln zum Trotz den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden gesichert.

3.000 Stellen sollen laut einer Konzernmitteilung vom Februar in der BRD wegfallen, 1.700 in den USA und 3.100 an anderen Standorten. Das könnte jedoch nur der Anfang sein, denn die selbstgesteckten Ziele lesen sich, als hätte gerade eine Schar von Finanzmarktheuschrecken den Laden übernommen. Ziel sei »die Verbesserung der langfristigen Kostenstruktur und damit eine deutliche Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit«. Das Portfolio will man »nach den Kriterien Profitabilität und Zukunftsfähigkeit« optimieren. Die »Fehlleistungskosten bei Großprojekten« und die »Beschaffungskosten« sollen deutlich reduziert werden. 300 Millionen Euro sollen Jahr für Jahr »eingespart« werden.

Dabei ist sich die Siemens-Energy-Führung bewusst, »dass unsere Pläne Teilen der Belegschaft viel abverlangen«, wie es Konzernchef Christian Bruch im Februar formulierte. Die Aktionäre dürfen sich hingegen freuen: Ging ein Wertpapier der neuen AG vor der Ankündigung des Kürzungsprogramms an der Frankfurter Börse noch für 18 Euro über die Theke, bewegt sich der Preis mittlerweile stabil um die 30-Euro-Marke. Im Dezember 2020 wurde der junge Konzern in den M-Dax aufgenommen. Im März dieses Jahres folgte der Aufstieg in den Dax, die erste Liga des deutschen Großkapitals – laut Bruch eine Anerkennung für »das große Engagement unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter«.

Doch auch beim Mutterkonzern, der sich nach eigenen Angaben künftig vor allem auf die Schwerpunkte Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung konzentrieren will, erleben die Aktionäre in der Krise goldene Zeiten: Kein anderer Dax-Konzern, der staatliche Lohnsubventionen in Form von Kurzarbeitergeld in Anspruch nahm, hat gleichzeitig so viel Geld an seine Eigentümer ausgeschüttet. Satte 3,17 Milliarden Euro sind als Dividenden ausgezahlt worden, während die Steuerzahler auf der anderen Seite die Kasse wieder aufgefüllt haben und die Beschäftigten schmerzhafte Lohneinbußen verkraften mussten.

Darüber hinaus durften sich die Siemens-Eigentümer über umfassende Aktienrückkäufe freuen, die ihre Portfolios über die Krise bringen. Das entsprechende Programm läuft bereits seit 2018. Bis November dieses Jahres will der Konzern insgesamt drei Milliarden Euro in eigene Unternehmensanteile stecken, um das Angebot zu verknappen und den Preis der Papiere zu erhöhen. In anderen Ländern wurden Rückkaufprogramme in der Krise für Konzerne verboten, die zugleich von staatlichen Hilfsprogrammen profitieren. Hierzulande ist das kein Problem.

So können die Siemens-Aktionäre über den Wirtschaftscrash nur schmunzeln: Der Wert ihrer Papiere hat sich nach einer kurzen Talfahrt schnell wieder erholt: War die Siemens-Aktie im Januar 2020 noch für 106 Euro zu haben, erreichte sie im März mit 59 Euro in der ersten Pandemiewelle den Tiefpunkt. Seither geht es wieder steil bergauf. Bereits im Sommer war das Vorkrisenniveau erreicht, zuletzt lag der Kurs bei 135 Euro. Die Siemens-Aktionäre sind Krisengewinner – auf Kosten der Steuerzahler und vor allem der Beschäftigten.

Lesen Sie am Dienstag Teil 3: Automobilindustrie. Mit Vollgas durch die Krise

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In der Serie Unsere Armut – ihre Profite:

Coronapandemie führt zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Beschäftigte in Deutschland müssen Lohneinbußen hinnehmen oder wurden arbeitslos. Gleichzeitig hat der Dax an der Frankfurter Börse ein neues Allzeithoch erreicht.