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Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Camembert an Rotweingelee

Von Maxi Wunder

»Ich bin ein Verfolgter des Merkel-Regimes!« Udo knallt die Tür hinter sich zu. Unsere Tür. Denn der Chef ist vergangenen Sonntag fluchtartig in unsere Mädchenkammer gezogen. Seitdem er der Bundesregierung einen pampigen Brief geschrieben hat, beherrschen ihn Angstgefühle. »Die holen mich ab! Kann ich mich bei euch verstecken?« Anlass für seine übermütige Kontaktaufnahme mit dem Kanzlerinnenamt war die Lektüre einer schnöden »Unterrichtung durch die Bundesregierung«, die in »Querdenker«-Kreisen bekannte »Drucksache 17/12051« vom 3. Januar 2013, einzusehen auf pdok.bundstag.de. Darin heißt es auf Seite 60:

»Das Ereignis beginnt im Februar in Asien, wird dort allerdings erst einige Wochen später in seiner Dimension (…) erkannt. Im April tritt der erste identifizierte Modi-SARS-Fall in Deutschland auf. Dieser Zeitpunkt bildet den Ausgangspunkt des vorliegenden Szenarios. (…) Der Erreger stammt aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Da die Tiere selbst nicht erkranken, war nicht erkennbar, dass eine Infektionsgefahr bestand. Durch diese zoonotische Übertragung in Gang gesetzte Infektketten konnten nur retrospektiv nachvollzogen werden (…). Zwei der ersten Fälle, die nach Deutschland eingeschleppt werden, betreffen Personen, die sich im selben südostasiatischen Land angesteckt haben. Eine der Personen fliegt noch am selben Abend nach Deutschland (…).«

»Wie hellsichtig! Das haben die schon vor sieben Jahren gewusst. Das nennt man Plandemie! Zwei Existenzen hat mich das gekostet. Anstatt die Katastrophe zu verhindern, spielen die ein Drehbuch von 2013 durch. Und ihr wollt das einfach nicht kapieren, ihr Covidioten!« –

»-innen, bitte!« Krach! Udo schmeißt die nächste Tür. Um ihn zu beruhigen, gründen wir feierlich die »Plauener Kommune«, die bestimmt nicht »an ihrer Sanftmut scheitern« wird wie das Pariser Vorbild 1871. »Und wie sollen wir uns verteidigen, wenn’s ernst wird?« fragt Udo gereizt. Roswitha holt mit spitzen Fingern eine Schachtel aus der Speisekammer. »Biologische Waffe aus Frankreich!« verkündet sie. Atemberaubender Gestank verbreitet sich in der Küche. »Import aus der Normandie von unserer Freundin Hélène. Er sei ein Gedicht, dieser Camembert.«

Einen halben Liter Rotwein mit einem Sternanis und einem Zweig Rosmarin erhitzen und auf 300 ml einkochen. 100 g Gelierzucker dazugeben und fünf Minuten sprudelnd kochen lassen. Die Flüssigkeit in eine flache Schale füllen, vollständig abkühlen lassen und im Kühlschrank zugedeckt über Nacht fest werden lassen.

Beide Seiten eines gereiften Rohmilchcamemberts mit je zwei Stielen Estragon, Thymian, Rosmarin und zwei Lorbeerblättern belegen, die Kräuter mit Küchengarn fixieren. Das Rotweingelee in Würfel schneiden. Öl in einer Pfanne erhitzen, den Käse darin bei mittlerer Hitze pro Seite ein bis zwei Minuten braten. Käse anrichten, mit dem Bratöl beträufeln und die Geleewürfel dazugeben. Dazu Baguette.

»Ah, vive la Kommüne!« Udo ist sediert und räumt freiwillig die Küche auf. Hoffentlich holen die ihn nicht ab!

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