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Aus: Ausgabe vom 16.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Schöner sterben

Mit dem Album »The Last Exit« von Still Corners geht’s in die Wüste
Von René Hamann
Still Corners - Joshua Tree 1 by Bernard Bur.jpg
Man kann auch Dream-Pop dazu sagen: Still Corners im Joshua-Tree-Nationalpark

Hätte sich Chris Isaak damals nicht allein die Songrechte an seinem Stück »Wicked Game« gesichert, sondern auch die Rechte am Sound, besonders dem der Gitarre, überhaupt an der grundlegenden Idee, wäre er nicht nur ein reicher, sondern sogar ein steinreicher Mann. Es gibt inzwischen Bands, die ihr gesamtes Œuvre auf dieser einen Idee aufgebaut haben: Alles klingt wie »Wicked Game«. Neben sehr, sehr vielen Stücken der Londoner Gruppe The XX gilt das insbesondere für die US-Indieband Cigarettes After Sex. Und mittlerweile auch für das amerikanisch-britische Duo Still Corners.

Und so rauscht das Meer, rieselt der Sand, und es räkelt sich eine somnambule Strandschönheit durch drei Viertel des fünften Albums »The Last Exit«, bevor mit dem Stück »It’s Voodoo« eher ein Vergleich mit Belinda Car­lisle naheliegt. Später, im Abschlusslied »Old Arcade«, klingt Sängerin Tessa Murray wie eine sehr gute Kopie von Lana Del Rey, während Gitarrist Greg Hughes in »Shifting Dunes« Iggy Pops Hit »Candy« anklingen lässt.

Das Duo Still Corners – eine reine Kopistenband? Macht ja nicht mehr viel aus heutzutage. Solange die Musik schön ist. Auch Cigarettes After Sex arbeiten nach dem Prinzip: ein multipel einsetzbarer Strandromantik-Sound, dessen Kitschgrad durch Surfanleihen eine irgendwie rock - ’n’ - roll-artige Erdung erfährt. Man nennt so was mitunter auch Dream-Pop. Können sich aber bestimmt nicht alle drauf einigen.

»The Last Exit« der Still Corners flirtet, abgesehen vom Titel, auch atmosphärisch mit der Endzeitstimmung, von der die westliche Welt in Zeiten von Klimawandel und Corona breit erfasst wurde. Wobei »The Last Exit« eher wie die letzte verstrahlte Fluchtmöglichkeit in die Wüste anmutet, in die Wüste der digitalen Existenz. Die gesellschaftliche Depression aufgrund naheliegender Umstände interessiert die beiden Musiker kaum. Still Corners sind nicht Joy Division. Still Corners sind die Cowboy Junkies, die den Aschenbecher als Objet trouvé feiern. Die Wüste als Möglichkeit, den Rückzug als Überlebensstrategie. Ein wenig schade ist das, vor allem musikalisch betrachtet, ja durchaus. Früher einmal gab es von ihnen auch sehr schöne, an The Cure erinnernde Wave-Sounds zu hören – oder sogar Dance-Sounds (die an die Gruppe Girl Ray erinnerten).

Die cinemaskopischen Assoziationen des Hörers kommen nicht von ungefähr. David Lynch ist eine wichtige Referenzgröße, Wim Wenders könnte eine weitere sein. Das Video zum Titelsong aber lehnt sich noch weiter zurück, spielt an auf »Picknick am Valetinstag« von Peter Weir aus dem Jahr 1975. Der Süden Kaliforniens, ihr wisst schon, der Ort, wo es nie regnet, spielt hier neben einem jungen Paar die Hauptrolle, und irgendwann kommt dann auch der berühmte Jo­shua Tree ins Bild. Stimmt, auch Fans von U2 könnten Gefallen finden an den Songs von Still Corners.

Pathos ist dem Duo aber eher fremd. Pathos hat sich verbraucht, jedenfalls in außerpolitischen Kontexten. In Sachen Existentialismus des 21. Jahrhunderts ist eher eine lakonische Gefühligkeit gefragt, eine Gefühligkeit, die um die Kaputtheit der Welt, des Lebens weiß. Schöner sterben mit Still Corners, sozusagen.

Still Corners: »The Last Exit« (Wrecking Light/Cargo)

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