1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 15. / 16. Mai 2021, Nr. 111
Die junge Welt wird von 2519 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Epidemie in den USA

Opioide fürs Volk

Unternehmensberatung McKinsey lobbyierte für Pharmakonzerne. Chef muss gehen
Von Marco Schröder
imago0093423258h Kopie.jpg
Neben der Coronapandemie gibt es in den USA noch die Opioidkrise. Protest gegen den Konzern Perdue Pharma (New York, 12.9.2019)

Der Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Kevin Sneader, muss nach nur drei Jahren im Amt seinen Hut nehmen. Der Schotte habe durch seine angestrebten Reformen, die zum Ziel hatten, die Zusammenarbeit mit Institutionen stärker nach ethischen Standards zu beurteilen, viele potentielle Kunden verschreckt, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Freitag.

Anfang des Monats hatte sich McKinsey im Zusammenhang mit der Opioidkrise in den USA im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs zu einer Zahlung von 573 Millionen Dollar bereiterklärt. Das Unternehmen war als einer der Mitverursacher mehrfach ins Visier der US-Bundesbehörden geraten. Aus internen Dokumenten, über die die New York Times Ende 2020 berichtet hatte, geht hervor, dass die Unternehmensberatung unter anderem Berechnungen angestellt hatte, wie viele Käufer des Schmerzmittels sterben oder schwere Symptome der Abhängigkeit entwickeln würden.

Die Opioidepidemie forderte in den Vereinigten Staaten laut des Center for Disease Control and Prevention (CDC) von 1999 bis Ende 2020 etwa 450.000 Menschenleben. Da sie in der Hauptsache Einkommensschwache und erwerbslose weiße US-Amerikaner betraf, wurde ihr Ausmaß von der Regierung lange ignoriert. Ein »War on drugs«, wie er sich vor allem gegen die arme schwarze Bevölkerung richtete, blieb aus. Als einer der Hauptauslöser für die Opioidepidemie in den USA gilt das verschreibungspflichtige Medikament Oxycontin, das von dem Konzern Purdue Pharma vertrieben wurde. Oxycontin wurde sehr häufig von Ärzten Unfallopfern als Schmerzmittel verschrieben. Oftmals führte sein Konsum zu einer Folgeabhängigkeit von Heroin oder dem synthetischen Opioid Fentanyl. Purdue Pharma konnte zur Hochzeit der Opioidepidemie den Verkauf des Medikaments noch steigern, was die Gewinne der Eigentümer, der Milliardärsfamilie Sackler, in die Höhe schnellen ließ.

Maßgeblich für diesen geplanten »Turbocharge« der Verkaufszahlen, wie es in den belastenden Papieren von McKinsey heißt, waren in enger Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern ausgetüftelte Unternehmensstrategien. Dazu zählten das gezielte Marketing in Regionen mit vielen Suchtkranken und geschickte Manöver, um die Verschreibung des Schmerzmittels zu fördern und dessen Gefahren zu verharmlosen.

Im US-Bundesstaat Ohio sind dem Magazin The Atlantic zufolge allein 2012 793 Millionen Dosen Opioide verschrieben worden. 2015 gaben nur anderthalb Millionen US-Bürger an, Opioide zu missbrauchen. Nach einer Reihe von Klagen durch Bundesbehörden wurden die Pharmaunternehmen seit 2015 teilweise zur Verantwortung gezogen, auch wenn viele Berater, Investoren und Anteilseigner unbescholten aus der Klagewelle hervorgingen.

McKinsey gilt als Avantgarde der weltweit operierenden Unternehmensberatungen. Mehr als 2.000 Institutionen, darunter einflussreiche Regierungen und Konzerne, gehören zu den Kunden. Das Unternehmen beriet die US-Einwanderungsbehörde (ICE) unter Expräsident Trump sowie Teile des liberalen Establishments; es gilt als Kaderschmiede und Karriereleiter. In Deutschland berät McKinsey 27 der 30 im Dax gelisteten Unternehmen. Der Konzern konnte die Profite in den vergangenen zehn Jahren auf etwa zehn Milliarden Dollar pro Jahr verdoppeln.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Narrativ der Doppelmoral: Die »guten Pillen« gibt es bei Pharmak...
    15.12.2020

    Good Pill, bad Stuff

    Die Opioidkrise in den USA ist auch auf ein rassistisch kodiertes Verständnis von Sucht zurückzuführen. Die Unterscheidung von »Dope« und Medizin trennte immer auch die Konsumenten in verschiedene Klassen und »Rassen«
  • Auf der Suche: Bislang gibt es noch keinen Impfstoff gegen das C...
    15.05.2020

    Run auf Impfstoffe

    Europäischer Pharmariese Sanofi will Serum meistbietend verkaufen

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit