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Aus: Ausgabe vom 27.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Wo der Hammer hängt

Stufe eins gezündet: Am Montag beginnt die Berlinale. Zumindest der Teil, der die Branche interessiert
Von Peer Schmitt
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Kommen Se rinn, da können Se raus kieken: Die Berlinale als Insidergeschäft

Ein Bär guckt in die Röhre. Die diesjährige Berlinale ist für das größere Publikum vorläufig auf den kommenden Sommer (vom 9. bis 20. Juni) verschoben worden. Zumindest im eigentlichen Sinne eines Festivals, also dass Menschen, die in oft, aber selbstverständlich nicht notwendigerweise, urbanen oder zumindest halbwegs institutionalisierten Räumen herumwuseln und dabei auf in irgendeiner Form kuratierte Programme treffen. So sieht es der Zweistufenplan der Berlinale-Leitung vor. In den goldenen alten Zeiten des Kinos vor 1978 war sie immer eine Sommerveranstaltung gewesen; so gesehen könnte sich der Fluch doch noch als versteckter Segen erweisen.

Die erste Stufe wird hingegen bereits ab Montag gezündet. Bis einschließlich 5. März wird das Programm, das seine eingespielte Festivalstruktur mit immerhin neun Sektionen zumindest pro forma beibehalten hat, dem Fachpublikum auf der eigenen Streamingplattform präsentiert. Fachpublikum bedeutet: »die Industrie« – im wesentlichen Händler und Verleiher mit berichterstattender Presse als Supplement. Anders gesagt, die Berlinale ist im Grunde eine Messe mit Gratis-PR.

Die Messe als solche benötigt freilich nur wenig Öffentlichkeit abseits ihrer eigenen Infrastruktur – Newsletter, Netzwerke (»Social media«), spezialisierte Branchenblätter usw. Das verhält sich nicht anders als auf der Börse oder dem Fleischmarkt. Die auf der Messe vorgestellten und gehandelten Produkte hingegen – hier »Filme« im allerweitesten Sinne bzw. die Rechte an ihnen – können jede Art Werbung immer gut gebrauchen. Schließlich gibt es sehr viele »Filme«. Die meisten davon sind Schrott und interessieren kein Schwein. Und selbst die raren Diamanten im Schlamm werden nicht automatisch gefunden.

Ein Appetithappen

Die Berlinale ist von jeher zweigeteilt gewesen: in das eigentliche Festival und die Messe, den halböffentlichen European Film Market (EFM). »Halböffentlich« meint, dass die Vorführungen und Veranstaltungen des Marktes üblicherweise »geschlossene« sind, d. h. nur auf Einladung zugänglich, die Schwelle ist dabei allerdings mit Absicht eher niedrig gehalten.

Die Messe war auch der Hauptgrund, weshalb die Berlinale 1978 unter dem damaligen Festivalleiter Wolf Donner überhaupt erst in den eher ungemütlichen Berliner Februar verlegt worden war. Die Filmhändler bekamen so die Orientierungsmarken ihres Handelsjahres geliefert. In der Jahresmitte die Filmfestspiele in Cannes, im November der ohne angeschlossenes Festival auskommende große American Film Market (AFM) in Santa Monica, und als Appetithäppchen im ersten Quartal der EFM. Unzählige kleinere Messen, oft für Spezialprogramme von Doku bis Pornographie, oft in Begleitung von Festivals, ordnen sich da Saison für Saison ein.

Dass die Berlinale wie gewohnt im ersten Jahresquartal stattfindet, allerdings nur für Fachpublikum, zeigt also, wo die Dominante des Festivals liegt, wo der Hammer hängen muss. Genau darauf hat auch schon Andreas Busche im Berliner Tagesspiegel vom 25. Januar 2021 halbwegs schonungslos hingewiesen: »Der Termin des European Film Market hat sich nun als unantastbar erwiesen, anders als die Berlinale (…). Die Pandemie (offenbart) nun die wahren Kräfteverhältnisse.«

Gefühl und Geschäft

Die Frage stellt sich allerdings, inwieweit die Agenten des Marktes wirklich ein ganzes virtuelles Festivalprogramm als Streamingservice benötigen. Womöglich als marktoptimistisches Symbol, um die aktuelle Baisse im Filmgeschäft wieder in eine baldige Hausse zu verwandeln? Darüber dürften die Meinungen auseinander gehen. Es hängt wohl im wesentlichen davon ab, wie dominant der eigene Marktanteil ist. Je marginaler das Produkt, desto wichtiger der Marktschub durch das Festival. Soweit die Binse.

Warum aber öffnet man das Streamingfestival nicht kostenpflichtig auch für ein allgemeines Publikum, um damit den Einnahmeverlust ein wenig zu verringern? Vermutlich wäre das eine Milchmädchenrechnung. Es ist zu bezweifeln, dass die technischen Voraussetzungen für eine Massenplattform zur Verfügung stünden, von vielen Fragen des Versicherungsschutzes, des Urheberrechts, der Budgetierung usw. usf. einmal abgesehen.

Dennoch klingt die Antwort, die der künstlerische Leiter Carlo Chatrian gegeben hat, zunächst ein wenig fadenscheinig. »Sind Sie sicher, die Leute wollen noch mehr Filme online gucken? Wenn sie das Festival vermissen, dann das Gefühl, etwas gemeinsam im Kino erleben zu können«, erklärte er dem Tagesspiegel (23.2.2021). Damit sagt er nichts anderes, als dass die Berlinale-Filme als solche im Grunde wirklich kein Schwein interessieren und der Publikumsfaktor sich letztlich dem Eventmarketing im urbanen Raum verdankt. Die Urbanität ist hierzulande jedoch vorläufig der Seuchenprävention zum Opfer gefallen. Die Zukunftsträchtigkeit des Kinodispositivs wiederum – das gemeinsame »Filmerlebnis« im dafür vorhergesehen kommerziellen Raum – dürfte grundsätzlich ernsthaft zu bezweifeln sein.

Festivals, selbst die großen, können und wollen mit den gängigen Streamingservices nicht konkurrieren. Ihre Aufgabe ist eine andere. Sie stellen die Produkte, die über die diversen Streamingplattformen vertrieben werden, überhaupt erst einmal vor. Dies sind im Falle der Berlinale im wesentlichen Produkte des mittleren und marginalen Segments, schwerpunktmäßig europäischer Herkunft. Das hat wenig bis gar nichts mit der Pandemie zu tun, es ist über eine Dekade lang ohnehin die Leitlinie der Berlinale gewesen. Die Kosslick-Ära hat den entsprechenden Goldstandard hinterlassen – ich nenne ihn den ZDF-Arte-Midcult-Trash.

Es gibt Hoffnung

Die Berlinale ist ein Produkt des Kalten Krieges. Sie war 1951 mit Finanzspritzen der US-Militärregierung im Geiste deren Berlin-Frontstadt-Politik geschaffen worden. Doch die großen US-amerikanischen Studios haben das Festival schon vor Jahren verlassen. Für die marktbeherrschenden Konzerne wie Disney ist der Strukturwandel auf dem Feld des kommerziell verwertbaren bewegten Bildes längst vollzogen; sie konzentrieren sich auf Streaming und den asiatischen Markt.

Dennoch ist es auffällig, dass im diesjährigen Wettbewerb nicht ein einziger US-amerikanischer Film vertreten ist. Dafür vier deutsche Produktionen von alten Bekannten: Dominik Grafs Erich-Kästner-Adaption »Fabian«, Filme von Maria Schrader und der wiederholt im »Forum« präsentierten Regisseurin Marie Speth, sowie »Nebenan«, das Egoprojekt von Daniel Brühl.

Doch es gibt wie immer auch Hoffnung. Im Wettbewerb findet sich neben dem obligatorischen Hong Sangsoo (»Inteurodeoksyeon«) etwa der neue Film von Radu Jude mit dem schönen Titel »Babardeala cu bucluc sau porno balamuc« (Pech beim Vögeln oder Irrenporno) – sein »Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen« gehörte zu den besten Filmen des Jahres 2018. Ich habe bislang nur den Trailer sehen können, aber die Akteure tragen darin die absolut zeitgemäßen Masken. Das Prinzip der Maskierung scheint dennoch eher seinen traditionellen Feldern zugeordnet zu bleiben – der Kriminalität, dem Karneval, dem Sex und der Groteske. Eine grundoptimistische Haltung.

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