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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 16 / Sport
Beim Fananwalt

Niederlage für Team Blau

Von René Lau
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Blaues Empfangskomitee: Polizisten beobachten in Duisburg reisende Fußballfans (2018)

Vor nicht allzu langer Zeit kam ein Fußballfan zu mir, der zuvor einmal seinem Herzensverein mit der Bahn ins schöne Sachsen zum Auswärtsspiel gefolgt war. Eigentlich ein ruhiger Gesell, aber an jenem Tag war er nicht nur mit den Freunden per Wochenendticket unterwegs, es waren auch reichlich Getränke mit an Bord, was ihm aber nicht gut tat. Im »Feindesland« am Bahnhof, kam es dann, wie es kommen musste. In feuchtfröhlicher Stimmung richtete er einige Worte in Richtung eines Vertreters des blauen Empfangskomitees. Der nahm es ihm übel, und das Strafverfahren wegen Beleidigung nahm seinen Lauf. Nun muss der Nichtjurist wissen, dass es sich bei der Beleidigung um ein absolutes Antragsdelikt handelt: Der Beleidigte muss den Strafantrag stellen, damit steht und fällt das Strafverfahren. Ist der Antrag da, wird ermittelt, fehlt er, gibt es kein Verfahren.

Nun war guter Rat teuer, da der Fan in nicht allzu ferner Zeit seine Ausbildung beenden wollte und eine Eintragung im Bundeszentralregister so gar nicht gebrauchen konnte. Also schrieben wir den Beamten an und boten ihm eine kleine Entschädigung an. Im Gegenzug sollte der Beamte den Strafantrag zurücknehmen. Auch ein Polizist hat gerne ein Zubrot, er willigte ein. Der Mandant zahlte, der Beamte nahm den Strafantrag zurück. Der Vertreter vom Team Blau wusste aber nichts von der Pflicht zur Übernahme der gesamten Verfahrenskosten, die ihm zufällt, wenn er als Antragsteller den Strafantrag zurücknimmt. Ich reichte meinen Kostenantrag ein, der Beschluss erging, und meine Gebühren mussten vom Beamten gezahlt werden. Gerne hätte ich sein Gesicht gesehen, als er den Kostenbeschluss aus dem Briefkasten zog. Gewinn hat er jedenfalls nicht gemacht. Auch das sind die kleinen Erfolge eines Strafverteidigers.

»Sport frei!« vom Fananwalt.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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In der Serie Beim Fananwalt:

Sind Geisterspiele nicht das allerletzte? Werden Stadionkurven als Experimentierfelder für Polizeimaßnahmen genutzt? Wie ist es um die Rechtsstaatlichkeit von Sportgerichten bestellt? Solche Fragen beantwortet Rechtsanwalt René Lau ab sofort an jedem Freitag auf der Sportseite der Tageszeitung junge Welt.

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