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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 8 / Inland
Aktionstag für Gerechte Bildung

»Wir müssen Unterricht aktiv mitbestimmen können«

Bundesweiter Aktionstag von Schülerinnen und Schülern für gerechte Bildung. Ein Gespräch mit Marina Rombach
Interview: Gitta Düperthal
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Laptop oder Tablet sowie schnelles Internet für den Onlineunterricht sind noch lange keine Selbstverständlichkeit für Familien mit Kindern (Symbolbild, 16.1.2021)

Die Schulen öffnen wieder, aber Schülerinnen und Schüler sind mit der aktuellen Coronapolitik ganz und gar nicht einverstanden. Das Bündnis »Für gerechte Bildung« ruft für diesen Freitag bundesweit zu Schulstreiks und Aktionen auf. Was kritisieren Sie?

Es darf einfach kein Schulbetrieb mit Unsicherheit und Chaos stattfinden. Für den Präsenzunterricht ist immer noch kein hinreichendes Schutzkonzept erarbeitet. Es ist zu wenig Platz in den Klassenzimmern, es mangelt an Luftfilteranlagen. Schülerinnen und Schüler werden einem hohen Infektionsrisiko in der Pandemie ausgesetzt. In meinem Umfeld hatten sich Schüler mit Corona infiziert und mussten in Quarantäne. Mir stellte sich die Frage, ob ich auch betroffen bin und meine Eltern etwa anstecken könnte. Sie müssen ja weiter zur Arbeit. Zwar wurde die betroffene Klasse dichtgemacht, die Parallelklasse hatte aber weiter Unterricht. Jetzt tragen alle Masken.

Das Bündnis moniert, dass Bildungschancen zunichte gemacht werden – inwiefern?

Der Onlineunterricht ist teilweise katastrophal rückständig. Videokonferenzen mit Lehrern finden kaum statt. Über eine lange Zeit wird deutlich: Nicht jeder hat ein gutes Endgerät oder eine stabile Internetverbindung. Manche müssen sich den Laptop mit Geschwistern teilen, oder in der Wohnung ist es zu laut und zu eng, um zu lernen. Andere sind privilegierter, was meist von der Höhe des Einkommens der Eltern abhängt. Und Schülerinnen und Schüler aus Abschlussklassen müssen oft auf sich alleine gestellt den Prüfungsstoff erarbeiten. Da ist also viel Druck.

und mit auf Biegen und Brechen durchgezogenen Prüfungen würden Chancen im Berufsleben durchkreuzt?

Es gibt keine Vergleichbarkeit mit Zeiten, als eine Pandemie dieses Ausmaßes noch nicht mal vorstellbar war. Wir fordern deshalb Durchschnittsabschlüsse, auf die Noten vergangener Jahre bezogen; also auf Leistungen, die Schüler außerhalb dieser Stress­situation erbracht haben.

Sie fordern also ein Schulsystem, in dem Sie mitgestalten können?

Unser Bündnis fordert ein demokratisches Konzept. Schülerinnen und Schüler müssen aktiv mitbestimmen können, wie wir unterrichtet werden wollen. Wir wollen eine Rückkehr zu einer längeren Schulzeit von neun statt acht Jahren auf der weiterführenden Schule, die es ja schon mal gab – und vor allem nicht in Schulen mit miesen Hygienebedingungen gehen, etwa mit Waschräumen ohne Seife und warmes Wasser.

Der Aktionstag richtet sich auch gegen die Profitorientierung der Coronapolitik. Könnte sich das denn mit der Bundestagswahl im September ändern?

Viele resignieren: Warum überhaupt eine Stimme abgeben? Die CDU werde weiter an der Macht bleiben. Wir fordern dazu auf, aus diesem Gedankentrott auszubrechen, sagen aber nicht: Wählt Die Linke oder die Grünen. Jeder muss selbst darauf achten, welche Parteien kompetent sind und danach entscheiden.

Proteste soll es in vielen Städten geben, unter anderem in Freiburg, Berlin, Kassel, Köln, Marburg, Trier. Wie gut sind die Schülerinnen und Schüler miteinander vernetzt?

In bundesweiten Vernetzungsgruppen haben wir uns online miteinander ausgetauscht: Welche Probleme plagen Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Orten, und wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wir haben viele gemeinsame Ziele. Bundesweit machen Schülerinnen und Schüler aus Gymnasien, Realschulen und Werkrealschulen mit. Wir sind für alle offen und hoffen, dass viele am Aktionstag teilnehmen. Die Aktionen selbst sind von Stadt zu Stadt verschieden. Manche machen Schulstreik, andere Kundgebungen, Mahnwachen oder Plakataktionen. In Freiburg streiken wir vormittags. Wer sich da nicht anschließen kann, kann nachmittags zur Kundgebung kommen. Wir haben ein gutes Hygienekonzept ausgearbeitet.

Marina Rombach ist Schülerin aus der Umgebung von Freiburg und Mitinitiatorin des Aktionstags für gerechte Bildung

gerechtebildung.org

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (26. Februar 2021 um 11:43 Uhr)
    Oh, ich wünsche den Schülern und Schülerinnen viel Erfolg!

    Jenseits von allem Parteienwettstreit im Wahljahr. Hier spricht die Zukunft der vernachlässigten Bildungspolitik.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg, Dipl.-Päd., ehemalige Lehrerin und system. Familientherapeutin »i. R.«

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