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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 15 / Antifa
Rechte Gegner der Coronamaßnahmen

Gefährliche Sammlungsbewegung

Antifaschistische Zeitung Lotta mit Schwerpunkt zu »Pandemieleugnern«
Von Markus Bernhardt
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Geht auf Distanz: Teilnehmer einer Demonstration mit der Forderung »Abstand zu Quer›denkern‹« (Frankfurt am Main, 12.12.2020)

Die Superspreaderevents der »Querdenker«-Szene sind nicht nur eine gesundheitliche Gefahr für die eigenen Anhänger, sondern zunehmend auch für die öffentliche Sicherheit. So sollen laut einer Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim und der Berliner Humboldt-Universität allein die Teilnehmenden an den Demonstrationen im November vergangenen Jahres in Leipzig und Berlin für insgesamt 21.000 Infektionen mit dem Coronavirus verantwortlich sein. Am Rande von Aktionen und Protesten der »Querdenker« kam es zudem immer wieder zu Übergriffen auf Journalisten, Zugpersonal, Passanten sowie Polizisten, die einen Mund-Nasen-Schutz trugen.

Die aktuelle Ausgabe der Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen ruft daher aus gutem Grund zur Demaskierung der »Bewegung der Pandemieleugnerinnen und -leugner« auf und liefert zugleich das Rüstzeug dazu. Britta Kremers kommt in ihrer Einleitung zu dem Schluss, dass »die gesamte extreme Rechte« in dem »neuen Protestgeschehen Morgenluft« wittere und versuche, »in unterschiedlicher Art und Weise« Einfluss auf die »Querdenken«-Proteste zu nehmen, »was nicht ohne Auswirkungen« geblieben sei. So zählten deren Aufmärsche im August 2020 in Berlin »mit zu den bisher größten Veranstaltungen mit extrem rechter Beteiligung nach 1945 in Deutschland«. Zudem habe sich das Protestgeschehen »hinsichtlich gewaltförmiger Praxis« radikalisiert. Dies hatte demnach zur Folge, dass etwa in Leipzig eine Reihe von Gegendemonstrierenden »massiv angegriffen« worden seien und sich »die Antifa« zur zentralen Feindbildmetapher der gesamten Szene der Gegner staatlicher Beschränkungen zur Bekämpfung der Coronapandemie entwickelt habe.

Lucius Teidelbaum liefert in seinem Beitrag »Von ›Regenbogenkriegern‹ und ›Reichsbürgern‹« einen Überblick über die Entstehungsgeschichte jener Anticoronabewegung. Er betrachtet dabei Protagonistinnen und Protagonisten ebenso wie das Repertoire ihrer Protestformen, die von traditionellen Demonstrationen bis hin zu Picknicks, Gruppenmeditationen, Lichterketten und Autokorsos reichen. Explizit warnt Teidelbaum davor, dass eine »Radikalisierung einzelner Personen und Gruppen bis hin zum Terrorismus« nicht auszuschließen sei, und verweist auf den Brandanschlag auf das Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin in der Nacht auf den 25. Oktober 2020. In der Vorstellung dieser Leute befinde man sich aktuell »in einer Diktatur und im absoluten Ausnahme-, wenn nicht sogar Kriegszustand«. Aus dieser Perspektive sei es naheliegend, »eine Legitimität von Widerstand bis hin zu Gewalt abzuleiten«. Zum Thema finden sich im vorliegenden Heft zudem ein Bericht von Alexander Häussler über die Ergebnisse eines Forschungsprojektes an der Hochschule Düsseldorf zur »Querdenkerszene« sowie ein Text von Rainer Roser zur Politik der AfD in Coronazeiten. Ein Interview mit der Historikerin Sabine Reimann und Clemens Hötzel, Mitarbeiter der »Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit« (SABRA), zum Antisemitismus der Pandemieleugner rundet den Schwerpunkt ab.

Darüber hinaus finden sich in dieser Ausgabe der Lotta mit Blick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen auch Beiträge zu den äußerst rechten Parteien in Hessen. So gibt es im hessischen Gieselwerder ein neues rechtes Zentrum, welches demnach von einem Strohmann des langjährigen Neonazikaders Meinolf Schönborn erworben wurde. Ein weiterer Text blickt auf die AfD in Rheinland-Pfalz im Vorfeld der dortigen Landtagswahl. Und jW-Autor Jörg Kronauer beleuchtet die aktuelle Rechtsdrift in Australien, die von extremen Rechten, aber auch dem konservativen Establishment vorangetrieben wird.

Lotta, Nr. 81 (Winter 2020/2021): »Demaskiert die Bewegung der Pandemieleugner*innen«, 68 Seiten. Einzelheft: 3,50 Euro zzgl. Porto. Bezug: Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen, lotta-magazin.de

Debatte

  • Beitrag von Olaf M. aus M. (24. Februar 2021 um 10:45 Uhr)
    Es ist schon erstaunlich, um nicht zu sagen skandalös, dass der Autor die Ergebnisse der vollkommen unseriösen Studie von Lange/Monscheuer des Leibniz-Zentrums und der Humboldt-Uni für bare Münze nimmt, trotz der deutlichen Onlinekommentare zu Kristian Stemmlers ebenso fragwürdigem Artikel darüber in der jW vom 11.2.21.

    Überdies kann ich die pauschale Verurteilung der »Querdenker«-Bewegung als rechts und gewalttätig schon nicht mehr hören. Das ist einfach zu blöd.
    • Beitrag von Ralf S. aus G. (24. Februar 2021 um 15:20 Uhr)
      So so, »deutliche Onlinekommentare«? Also die Stimme des Volkes, oder wie?

      Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Sympathie in linken Kreisen für diese verabscheuenswürdige Querfrontbewegung herrscht. Aber immerhin scheinen Sie noch jW-Abonnent zu sein.

      Leute wie Sie drücken immer nur ihren Ärger über die »pauschale Verurteilung« der Querdenker als rechts aus usw., aber Sie kontern nie mit konkreten Entgegnungen bzw. Gegenargumente zu den Vorwürfen. Ich meine, was sagen Sie denn zu der Beteiligung Rechtsextremer an den »Protesten«? Oder gehen Sie doch mal in »Querdenker«-Chats auf Telegram und behaupten dann noch mal, dass das nicht hauptsächlich Rechte sind, neben ganz vielen naiven Mitläufern.
  • Beitrag von Marco O. aus B. (24. Februar 2021 um 11:44 Uhr)
    Wenn dann aber große Teile der QD wirklich dann mal in die »rechte Ecke« abrutschen sollten, können sich große Teile der »Linken« diesen »Erfolg« auf die Fahnen schreiben.

    Die Linke (im allgemeinen) hat sich mit ihrer Politik des Mitmachens bei den völlig überzogenen Maßnahmen einen großen Bärendienst erwiesen.

    Aber hinterher will wieder keiner davon gewusst haben.
    • Beitrag von Ralf S. aus G. (24. Februar 2021 um 15:23 Uhr)
      Keine Sorge, auf diese Leute, die wegen Maskentragens beim Einkaufen zu Faschisten werden oder jedenfalls kein Problem damit haben, gemeinsam mit Faschisten zu demonstrieren, aber die Harz-IV-»Reformen« oder andere soziale Schweinereien weitgehend akzeptieren, kann die Linke verzichten.
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (24. Februar 2021 um 15:28 Uhr)
    Der Umstand, dass »die Antifa« ein zentrales Feindbild der sogenannten Querdenker ist, ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie richtig das Urteil ist, diese Bewegung als maßgeblich rechts/rechtsradikal einzuordnen.
    • Beitrag von Marco O. aus B. (24. Februar 2021 um 16:07 Uhr)
      Und beim Schweigemarsch in Berlin waren alles Nazis!

      Nur die dagegen »Lärm« gemacht haben, waren »Linke«?

      Im Sommer soll der digitale Impfpass eingeführt werden.

      Das findest du auch toll?

      Aber wer das kritisiert, ist ein Nazi.

      Schalt dein Gehirn ein ...
      • Beitrag von Ralf S. aus G. (24. Februar 2021 um 16:35 Uhr)
        Deflection. Es bleibt dabei, du drückst dich darum, zu erklären, wie du es mit den Rechten, Rechtsradikalen, Nazis und Faschisten unter den Querdenkern hälst.

        Dir ist es scheinbar in erster Linie wichtig, gegen »die da oben« zu sein, und dann scheint zweitrangig zu sein, wer gemeinsam mit dir gegen »die da oben« ist.

        Justier deinen Kompass neu.

        PS: Ich verfolge die Querdenker-Aktivitäten nicht so sehr wie du, aber ich hab grad mal kurz zu dem Schweigemarsch recherchiert. Ist ja super, alle ganz unauffällig gekleidet, keine Fahnen, keine Schilder, und zwar wirklich überhaupt keine, kompletter Kontrast zu den üblichen Querdenker-Demos. Ich wette, es gab zuvor eine Ansage der Organisatoren, keine Fahnen und Schilder usw. mitzuführen, weil daran halt in der Regel zu erkennen ist, wie die Leute ticken.
      • Beitrag von Ralf S. aus G. (24. Februar 2021 um 16:48 Uhr)
        Haha! Wie ich einfach mal recht hatte! Bin mal auf deren Webseite gegangen, der-schweigemarsch.de, und in der Tat, dass es keine »Symbole/Fahnen/Flaggen« auf der Demo gibt, ist kein Zufall, sondern gehört zum Konzept, nachzulesen in den »FAQ«.

        Zitat:

        »Warum keine Symbole/Fahnen/Flaggen? Wer sind wir?

        Wir sind ein bunter Mix verschiedener Menschen, welche fern ab von allen politischen Ausrichtungen, Ethnien oder Einkommensverhältnissen, mit der Politisierung des Corona Virus und der daraus erfolgten Einschränkung unserer Menschenrechte nicht einverstanden sind. Aus diesem Grunde bitten wir Euch, eben alle Symbole/Fahnen/Flaggen usw. zu Hause zu lassen. Das gilt auch für Motto-T-Shirts und Basecaps. Geht mit uns als Menschen für eure Menschenrechte auf die Straße. Schließt euch an!« (!)

        Ein Volk, ein Wille ...? Egal ob du rechts oder links bist, das deutsche Volk darf sich nicht spalten lassen! Typisch rechter BS.

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