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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 12 / Thema
Covid-19

Impf und Schande

Im Kampf gegen Covid-19 sind gleich mehrere, unterschiedlich designte Vakzine im Umlauf. Wie funktionieren sie? Was sind ihre Vor- und Nachteile?
Von Daniel H. Rapoport
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Gilt es zu neutralisieren: SARS-CoV-2

Seit die ersten Impfstoffe verfügbar sind, hat sich die Lage im Krieg gegen die Seuche verändert. Mit der Technologie sind neue Fragen entstanden und verdrängen die alten. Ich bin zwar weder Virologe noch Immunologe, sondern lediglich Zelltechnologe, aber ich glaube, alle Wissenschaftler aus den Lebenswissenschaften sollten derzeit eine gewisse Pflicht zur Aufklärung annehmen, um dem Ideal einer breiten und informierten Debatte wenigstens näherzukommen. Momentan sind fast 240 (!) Coronaimpfstoffe in der Entwicklung, 60 davon werden bereits am Menschen getestet. Das ist eine gute Nachricht; die Wahrscheinlichkeit, dass unter diesen Kandidaten einige wirksame sein werden, ist sehr hoch. Aber wie funktionieren sie genau?

Verschiedene Ansätze

Alle Impfungen basieren darauf, dass man dem Körper eine Infektion »vorgaukelt«, so dass er im Idealfall zu einer Antwort des adaptiven, das heißt des lernfähigen Immunsystems kommt: Zum einen eine zelluläre Antwort durch Bildung zytotoxischer T-Zellen und zum anderen eine sogenannte »humorale« Antwort durch Antikörper, die passiv in Blut und Lymphe zirkulieren. Bei den Antikörpern handelt es sich, wie bei fast allen Biomolekülen, die in unserem Körper die eigentliche Arbeit verrichten, um Eiweiße. Die Besonderheit der Antikörper besteht darin, dass sie bei einer Infektion extra hergestellt werden und eine angepasste Domäne besitzen, die man sich wie einen Gipsabguss des Krankheitserregers vorstellen kann. Eigentlich eher wie viele verschiedene Abgüsse: Wenn ein Fremdkörper – ein Antigen, wie es immunologisch heißt (aber eigentlich nichts mit Genen zu tun hat) – wenn ein Fremdkörper wie z. B. ein Virus in unseren Körper eindringt, formt unser Immunsystem alle möglichen Stellen von ihm ab. Auf diese Weise merkt sich das Immunsystem seine chemische Signatur; man sagt, es bilde Antikörper »gegen« die abgeformten Motive. In Wirklichkeit bedeutet das lediglich, dass die so gebildeten Antikörper stark und sehr spezifisch an das Motiv binden; wie eben eine Abgussform fest und luftdicht um das Abgegossene passt (und nur darum).

Durch so eine Antikörper-Antigen-Bindung werden eine Menge unterschiedlicher Effekte und Abwehrmechanismen ausgelöst, die letztlich dazu führen, dass das Virus seine Mission – sich zu vermehren – nicht erfüllen kann. Der einfachste (und wirkungsvollste) dieser Mechanismen ist, dass ein Antikörper sich an genau die Stelle des Virus bindet und sie besetzt, die es eigentlich benötigt, um in eine Zelle einzudringen. Dann kann es die Zelle nicht entern; wir haben gewonnen und das Virus verloren. Diese Art der Antikörper, die eine Infektion mit dem Virus verhindern können, nennt man »neutralisierende Antikörper«. Man merkt den Militärjargon: Das Virus wird »neutralisiert«. In gewisser Weise ist das auch folgerichtig gedacht, ein Virus ist ja nur ein halbes Lebewesen und kann als solches schlecht getötet werden, nur eben neutralisiert. Genau darin besteht im Idealfall die Wirkung eines antiviralen Impfstoffes.

Der zweite Mechanismus – die Bildung zytotoxischer T-Zellen – hilft dem Körper eher als zweite Verteidigungslinie. Sollte es dem Virus trotz Antikörpern gelingen, in Zellen des Körpers einzudringen, können diese Immunzellen die befallenen Körperzellen sehr spezifisch finden und, nun ja, eliminieren. Das ist das Perfide an Viren: Wir können sie im Fall einer Infektion nur loswerden, indem wir unsere eigenen befallenen Zellen vernichten und – wo es möglich ist – ersetzen. Je schneller das geschieht, desto weniger Zellen kann das Virus kapern, um weitere Viren zu produzieren. Die Krankheit nimmt einen milden Verlauf, wenn sie denn überhaupt bemerkt wird. Außerdem wird die Gesamtvirenlast und damit die Gefahr der Weitergabe enorm reduziert.

Mit diesem Vorwissen können wir nun an die Klassifizierung der Impfstoffe gegen Corona gehen. Nach ihren Wirkmechanismen lassen sich zunächst zwei grundsätzlich verschiedene Impf­substanzen unterscheiden: Impfstoffe, die Gebrauch von Erbsubstanz machen (DNA oder RNA), und solche, die vermehrungsunfähige Viren oder Teile des Virus dem Immunsystem direkt präsentieren (Tot- und Eiweißimpfstoffe). Totimpfstoffe sind die klassische Form der Impfung. Man stellt Viren her, macht sie vermehrungsunfähig (lustigerweise spricht man dann davon, dass das meistenteils nicht unter die Lebewesen gerechnete Virus nun ganz tot sei, deswegen »Totimpfstoff«) und formuliert daraus eine haltbare Lösung, die man dem Impfling verabreicht. Das Verfahren ist schon alt und technisch reif; beispielsweise wird die jährliche Grippeimpfung auf diese Weise hergestellt. Der größte Nachteil besteht darin, dass Viren ziemlich wählerisch in der Wahl der Zellen sein können, in denen sie sich vermehren. Oft sind es sehr spezielle Zellen (zum Beispiel im Falle von Covid-19 sind es Zellen, die nur im Nasen-Rachenraum vorkommen) – und dann ist die Vermehrung und Zucht dieser Zellen der eigentliche Flaschenhals beim Herstellen des Impfstoffes. Schnell viele virenhaltige Zellen herstellen, das ist momentan immer noch sehr umständlich, wenn es überhaupt machbar ist. Manche Zellen lassen sich nämlich gar nicht in Bioreaktoren vermehren.

Sehr ähnlich den Totimpfstoffen sind Proteinimpfstoffe, bei denen man einen Teil des Virus zur Immunisierung benutzt. In der Regel sind es Bestandteile der Virushülle. Beim SARS-CoV-2-Virus ist es das Spike-Protein, also jene »Stachel«, die das Virus benutzt, um an die Wirtszelle anzudocken und in sie einzudringen. Hergestellt wird das Spike-Protein in Produktionszellen, in die man sein Genom einbaut. Der Vorteil ist, dass man – im Gegensatz zur Produktion ganzer Viren – nicht auf die speziellen Zellen angewiesen ist, an die das ­Virus adaptiert ist, sondern statt dessen besonders gut wachsende und biotechnologisch etablierte Produktionszelllinien nutzen kann. Nachteilig ist, dass die Immunantwort auf das Protein häufig schwächer ist und man sie zusätzlich mit anderen immunstimulierenden Substanzen (»Adjuvantien«) steigern muss.

Die neuere Klasse von Impfstoffen, bei denen auch Erbsubstanz zum Einsatz kommt, wird besser verständlich, wenn man sich die Beziehung zwischen DNA, RNA und Proteinen noch einmal ins Gedächtnis ruft: DNA (Desoxyribonukleinsäure) ist das berühmte Doppelhelixmolekül. Es ist so etwas wie der Langzeitspeicher unserer gesamten Erbinformation und befindet sich im Zellkern. Das Ablesen dieser Information geschieht, indem die DNA als Vorlage verwendet wird, um RNA (Ribonukleinsäure) herzustellen. Die RNA wird aus dem Kern transportiert und ist dann der Bauplan für Proteine (wir erinnern uns: die eigentlichen Arbeiter in jedem Lebewesen). RNA ist chemisch der DNA sehr ähnlich; allerdings gibt es Unterschiede. Der vermutlich wichtigste Unterschied ist, dass RNA im Gegensatz zu DNA einsträngig ist, d. h. sie hat keinen »Komplementärstrang«. Das macht sie zu einem chemisch aktiveren und deshalb auch instabileren Molekül. Evolutionär ist dieser Unterschied zwischen DNA und RNA durchaus von Belang: Die meisten (neueren, d. h. später in der Evolution entstandenen) Lebewesen nutzen DNA als stabilen Langzeitspeicher von Information, während über die RNA, als kurzlebige Zwischenstufe, Menge und Art der gebildeten Proteine reguliert wird. Tatsächlich gibt es einen sehr komplexen Apparat in der Zelle, der den Abbau von RNA überwacht. Das hat den genannten regulatorischen Sinn, ist aber auch Teil eines zellulären Immunsystems. Nicht nur der Organismus als Ganzes verfügt über ein Immunsystem, sondern jede einzelne Zelle ist in der Lage, bestimmte Fremdstoffe oder falsch laufende Prozesse zu erkennen und zu korrigieren. Besonders empfindlich reagiert sie auf einsträngige RNA, weil es nämlich Viren gibt, die direkt RNA (statt DNA) als Erbinformation benutzen – wie z. B. das SARS-CoV-2-Virus. Solche RNA wird relativ schnell in der Zelle abgebaut. Ein Virus muss in der Regel Tricks erfinden, um sich gegen allzu schnellen Abbau zu schützen. Bei Impfstoffen kommt uns der Abbau jedoch gelegen: Wir wollen das Spike-Protein ja nur vorübergehend produzieren lassen, um eine Immunantwort zu stimulieren. Danach soll es wieder verschwinden.

Fein. Jetzt ist es nur noch ein Kinderspiel, die neueren DNA- und RNA-basierten Impfstoffe zu verstehen. Prinzipiell funktionieren beide so, dass man ein Stück Erbinformation des Virus in Körperzellen des Impflings schleust (meist Muskelzellen im Arm), wo sie – wie bei den Proteinimpfstoffen, nur eben nicht im Bioreaktor, sondern in den Körperzellen – einen Teil des Virus bilden, das dann als Abgussform für die Immunisierung genutzt wird. Die DNA-Impfstoffe nennt man auch »Vektorimpfstoffe«, sie kommen z. B. in den Vakzinen von Astra-Zeneca und im russischen »Sputnik«-Impfstoff vor. »Vektoren« nennt man zyklische DNA, bei der man das Ende der Doppelstränge chemisch an ihren Anfang bindet; durch diese Ringform erhöht sich noch einmal die Stabilität des Moleküls. Die reine DNA-Erbinformation ist jedoch noch nicht wirksam: Sie muss erst in eine Zelle geschleust und in RNA übersetzt werden. An ihr werden dann Virenbestandteile wie das Spike-Protein synthetisiert. Deshalb wird der Vektor in die Hülle eines anderen, ungefährlichen Virus verpackt. Genauer gesagt handelt es sich um »entkernte« Adenoviren (das sind i. d. R. normale Erkältungsviren), die so modifiziert wurden, dass sie sich nicht mehr vermehren können. Sie können nur noch in eine Zelle eindringen und dort ihre DNA-Erbinformation in RNA umschreiben. Aber sie können sich nicht selbst wiederherstellen, denn die dafür nötigen Baupläne hat man aus ihrer Erbinformation entfernt. Diese Kombination, entkerntes Adenovirus mit Vektor-DNA, kennzeichnet die modernen Vektorimpfstoffe.

Die RNA-Impfstoffe sind noch moderna (hehe). Bei ihnen kommt die einsträngige RNA direkt zum Einsatz, um das Spike-Protein zu synthetisieren, d. h. es muss, im Gegensatz zu einem Vektorimpfstoff, nicht erst DNA in RNA umgewandelt werden. Deshalb kann man auch das entkernte Virus fortlassen, dessen DNA-RNA-Übersetzungsmaschine man nicht mehr benötigt. Allerdings ahnt man schon, dass diese Vorteile durch das Problem verminderter Stabilität erkauft werden müssen. Außerdem steht man nun, ohne Virushülle, vor dem Problem, die RNA in Körperzellen einschleusen zu müssen. Die Lösung (an der viele Jahre gearbeitet wurde) besteht darin, einerseits die RNA chemisch zu modifizieren und etwas stabiler zu machen; und sie andererseits in sogenannte Lipidnanopartikel (LNPs) zu verpacken. Die Erfindung der LNPs war der entscheidende technologische Durchbruch; es handelt sich dabei um synthetische Lipide, die chemisch den Hauptbestandteilen der Zellmembran ähneln. Dadurch können sie mit der Zellmembran verschmelzen und ihren Inhalt – die Spike-RNA – in die Zelle freigeben.

Prinzipiell kann man auf diese Weise praktisch jede beliebige RNA in eine Zelle schleusen und also die Zelle direkt auf der Arbeitsebene veranlassen, fast jedes Eiweiß herzustellen, das wir uns wünschen. Deshalb geht die Bedeutsamkeit dieser Technologie weit über das Herstellen von Impfungen hinaus. Ein Allheilmittel sind diese lipidverpackten RNAs dennoch nicht, denn sie sind (noch) komplett unspezifisch bei der Wahl ihrer Zielzellen; sie können beispielsweise noch nicht zwischen Krebszellen und gesunden Zellen unterscheiden. Aber sie sind ein erster wichtiger Schritt bei der Konstruktion von Nanomaschinen, die eine ganz neue Qualität der Präzision bei der Bekämpfung von Krankheiten erlauben werden.

Des einen Krise ist des anderen Chance: Mit Sicherheit wurde die Coronakrise auch zur Chance für die RNA-Technologie. Die großen Pharmafirmen hatten sie, obwohl vielversprechend, noch vor fünf Jahren wegen hoher Zulassungshürden aufgegeben. Nur wenige kleine Firmen, darunter Biontech aus Mainz und Moderna aus Cambridge (Massachusetts) blieben am Ball. Die Coronakrise hat zu einem Wettrüsten an der RNA-Front geführt. Fast alle großen Konzerne und technologisch gerüsteten Staaten arbeiten nunmehr daran. Für diese Leute ist Covid-19 ein Glücksfall: Die Impfstoffzulassungen liefern den Präzedenzfall für die Sicherheit der Technologie und somit auch für künftige Zulassungen und Profite.

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Stärken und Schwächen

Welches sind nun die Vor- und Nachteile der verschiedenen Impftechnologien? Der Vorteil der Totimpfstoffe ist, dass die Technologie etabliert und ausgereift ist, weswegen Kosten, Herstellungszeiten, mögliche Gefahren und Nebenwirkungen etc. auch weitgehend bekannt sind. Sie lassen sich einfach verschicken und in normalen Kühlschränken lagern. Außerdem erzeugen sie eine breite Immunantwort gegen so ziemlich jeden Teil eines Virus, so dass es auch nach Mutationen noch mit hoher Wahrscheinlichkeit erkannt wird. Der chinesische Impfstoff von Sinovac ist so ein traditioneller Impfstoff. Gegen diese Impfstoffe spricht, dass ihre Erzeugung langwierig und teuer ist. Deswegen sind auch die jährlichen Grippeimpfungen ein Hit- or Miss-Unternehmen. Man muss eben sechs bis neun Monate im voraus abschätzen können, welcher Virenstamm in dieser Grippesaison vorherrschen wird. So lange dauert die Produktion und sie lässt sich, wenn sie einmal in Gang gebracht wurde, nicht mehr abändern und anpassen.

Die Proteinimpfstoffe haben demgegenüber den Vorteil, dass sie leichter anpassbar und schneller herstellbar sind. Trotzdem stößt man bei der Produktion derart großer Mengen Spike-Protein, wie sie beispielsweise die Covid-19-Impfung erfordert, an die Grenzen des derzeit Machbaren. Außerdem ist ihre immunologische Wirkung, wie schon gesagt, schwächer und »schmaler« als bei Totimpfstoffen; besonders beim Hervorrufen der zellulären Immunantwort könnten sie weniger effektiv sein. Dennoch stellen Proteinimpfstoffe, wie sie z. B. derzeit von der US-amerikanischen Firma Novavax entwickelt werden, in vielerlei Hinsicht den vielleicht besten Kompromiss dar: Sie sind einfach zu verschicken und lagerungsfähig, schnell anpassbar, relativ preiswert und in ihren Risiken und Nebenwirkungen vergleichsweise gut einzuschätzen.

Die DNA- und RNA-basierten Impfstoffe haben beide den Vorteil, dass man DNA und RNA schnell synthetisieren und vermehren kann. Das ist ein Grund, weshalb sie so schnell verfügbar waren. Aber auch hier bringt die Größenordnung der Covid-19-Impfung die bisherigen Produktionskapazitäten (auch der Rohstoffe, aus denen RNA und DNA hergestellt wird) an ihre Grenzen. Aber diese Kapazitäten sind vergleichsweise leicht ausbaubar. Ein gemeinsamer Nachteil dieser Impfstoffe ist, dass sowohl Vektor- als auch RNA-Impfstoffe derzeit noch eine zweimalige Verabreichung des Vakzins erfordern. Die Immunantwort auf eine einzige Impfung ist zu schwach, weswegen sie für die verlässliche Bildung neutralisierender Antikörper nach ein paar Wochen noch mal »getriggert« werden muss. Das Zeitfenster, innerhalb dessen die zweite Impfdosis gegeben werden muss, ist im übrigen durchaus kritisch.

Das ist ein Punkt, dessen eminente Wichtigkeit weder der Politik noch der Öffentlichkeit hinreichend bewusst zu sein scheint. Als der Impfstoff nicht schnell genug geliefert werden konnte (was augenscheinlich immer noch ein Problem darstellt), wurde in England und auch hierzulande laut darüber räsoniert, die zweite Impfdosis vielleicht später zu verabreichen – das ist ungefähr das Gefährlichste, das in der Pandemie überhaupt gemacht werden könnte. Der Grund für die Einhaltung der Zeitvorgabe bei der Zweitimpfung ähnelt dem bei der Vergabe von Antibiotika gegen bakterielle Infektionen: Sie müssen stets in der vollen Dosis und über die volle Länge einer Behandlung verabreicht und dürfen nicht etwa vorher abgesetzt werden, weil z. B. die Symptome verschwunden sind. Es können sich sonst Resistenzen bei den Bakterien bilden. Gegen diese resistenten Stämme ist die Medizin dann weitgehend machtlos; so kann es zu tödlichen Verläufen von Krankheiten kommen, die nach heutigem Stand der Technik eigentlich harmlos sein sollten.

Das ist eine reale, existierende Gefahr und kein »Hätte, wäre, könnte«; es sterben derzeit jedes Jahr Zehntausende an solchen resistenten Erregern. Genau denselben Dämon würde man erwecken, wenn die Impfdosen nicht im vorgegebenen zeitlichen Abstand verabreicht werden; nur eben mit Viren, anstatt mit Bakterien. Im Grunde stellte man damit ein Trainingsgerät für das Virus her, mit dem es sich fit gegen unser Immunsystem machen kann. Wir würden ihm zeigen, wie und wo es mutieren muss, um unsere Immunantwort zu umgehen (»if it doesn’t kill you, it only makes you stronger«). Die Folgen einer solchen Nachlässigkeit könnten weitaus verheerender sein als der gesamte bisherige Verlauf der Pandemie.

Diese zweite Impfstoffgabe könnte nicht nur ein Schwachpunkt in der derzeitigen Politik sein; er stellt sich auch zusehends als Schwachpunkt der Vektorimpfstoffe heraus: Es kann nämlich passieren, dass unser Immunsystem sich nicht nur das Spike-Protein merkt, sondern auch die Motive der Virushülle. Bei der zweiten Impfdosis neutralisiert es dann die Hülle, so dass sie ihren Impfvektor nicht mehr in die Zelle bringen kann und der Impfschutz schwach bleibt. Das ist vermutlich einer der Hauptgründe, weshalb der Astra-Zeneca-Wirkstoff nicht so effizient wirkt, wie die russische »Sputnik«-Impfung, obwohl beide auf demselben Impfprinzip beruhen. Bei der russischen Impfung war man nämlich so schlau, die erste und zweite Impfdosis in jeweils andere Virushüllen zu verpacken. Der Unterschied ist beachtlich: Astra-Zeneca schafft eine Impfwirksamkeit von lediglich 60 bis 70, Sputnik V liegt wohl (nach vorläufigen Studien) bei über 90 Prozent. Immerhin scheinen beide Hersteller in Verhandlungen getreten zu sein, so dass der britisch-schwedische Astra-Zeneca-Vektor in Zukunft vielleicht in den russischen »Sputnik«-Hüllen verabreicht wird.

Die RNA-Impfstoffe (Biontech, Moderna) schließlich haben den unmittelbaren Vorteil, ohne virale Hülle und direkt auf der »Arbeitsebene« Instruktionen in Zellen schleusen zu können. Sie sind deshalb prinzipiell enorm schnell anpassbar (der zeitlimitierende Faktor ist das Testen auf Unbedenklichkeit und Wirksamkeit). Dem steht entgegen, dass sie von allen Impfstoffen am wenigsten stabil und lagerfähig sind. Sie müssen bei sehr niedrigen Temperaturen transportiert und langzeitgelagert werden, was oft nicht möglich ist. Besonders Schwellen- und Entwicklungsländer verfügen nicht über eine entsprechende Infrastruktur.

Kriegskosten

Der österreichische Schriftsteller Egon Friedell (1878–1938) beginnt seine »Kulturgeschichte der Neuzeit« mit der Idee, dass die Neuzeit – unsere »Moderne« – von der Pest angestoßen wurde. Nicht nur hätte sie die Frage der Theodizee augenscheinlicher gemacht, als alle Übel und Plagen vordem, sondern sie hat auch die Frage nach der Wirkmacht des Menschen und nach seinem Ausgeliefertsein an die Natur neu gestellt. Daneben aber sagt Friedell auch – vielleicht noch wichtiger –, dass jede Gesellschaft ihre eigene Seuche hervorbringt. Zu Zeiten der Pest waren es die neu entstandenen Handelswege, die zu ihrer Ausbreitung beitrugen; in unserer Zeit hat die Globalisierung das Virus in Windeseile über alle Staaten der Erde verteilt. Die Idee ist aber auch subtiler: Das An­steckungsgeschehen hängt direkt mit unserem Sozialverhalten zusammen. Wenn wir weiter zur Arbeit gehen, weil wir glauben, dass unsere Tätigkeit dort »systemrelevant« sei, dann wirkt sich dieser Glaube direkt auf den R-Wert, d. h. die Verbreitung des Virus aus. Genauso wirkt es sich auf den R-Wert aus, wenn wir zwar Fremden mit Vorsicht, d. h. mit Abstand und Maske begegnen, für Vertraute und Geliebte aber eine Ausnahme machen. Ich will damit weniger werten als andeuten, wie innig verstrickt Krankheit, Sozialverhalten und Glaubenssätze sind.

Ein Gleiches lässt sich über die Impfstrategien der verschiedenen Länder sagen: Zum ersten ist augenfällig, dass die globale Seuche nicht dazu geführt hat, dass die Impfkampagne international koordiniert wurde. Ich erachte das als ein furchtbares Versagen; ein Versagen unserer politischen und ökonomischen Strukturen, ein Versagen unserer Solidarität und unserer Vernunft; ein Versagen, kann man sagen, der Menschheit und ein Versagen, wie Friedell sagt: unserer Zeit. Kampagnen, wie z. B. die »People’s Vaccine Alliance« oder der von Costa Rica vorgeschlagene »Covid-19 Technology Access Pool« (zur allgemeinen Verfügbarmachung von Impf-Know-how) sind versandet. Immerhin wurde – vermutlich auch unter dem Druck der Erkenntnis, dass rein nationale Impfkampagnen in einer globalisierten Welt wenig nützen – die »­COVAX-Facility« von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen. Über sie soll auch ärmeren und technologisch weniger entwickelten Ländern der Zugang zu Covid-19-Impfstoffen ermöglicht werden. Allerdings gewährt die Facility ärmeren Ländern lediglich einen Preisnachlass auf die Impfstoffe; die Möglichkeit, sich zu helfen, indem sie selbst Impfstoffe herstellen (das hieße, ein zeitweises Aussetzen des Patentschutzes) bleibt diesen Ländern weiter verwehrt.

Insgesamt hat die Coronakrise zu einer beschämenden Entsolidarisierung geführt, sowohl international als auch innerhalb der meisten Länder. Das hat Hunderttausende das Leben gekostet. Anstatt ihre Kräfte im Kampf gegen die Seuche zu vereinen, hat sich die Menschheit in zig nationale Scharmützel und Sonderwege begeben, die mehr oder minder erfolgreich und allesamt unrühmlich sind. Hierzulande drückt sich die Entsolidarisierung vor allem in der Unfähigkeit aus, einen gemeinsamen harten (und dafür kurzen) Lockdown zu organisieren; statt dessen laviert man seit Monaten und versucht Kompromisse. Als ob sich mit einem Virus Kompromisse schließen ließen. Entsolidarisierend ist aber auch, dass Konzerne und Banken nicht überproportional an den Kosten des Krieges gegen die Seuche beteiligt werden. Diejenigen, die von ökonomischen Friedenszeiten am meisten profitieren, werden im Krisenfall nicht gezwungen, einen entsprechend höheren Anteil an den Kosten der Krise zu tragen. Dabei fordern sie die Wiederherstellung jener Normalität, von der sie überdurchschnittlich profitieren. Und als wäre das nicht schon asozial und dreist genug, gibt es darüber hinaus Unternehmen, die in der Krise – am Elend, am Sterben und an der Angst der meisten – Extragewinne machen. In dieser Hinsicht zielen die Forderungen der Zero-Covid-Bewegung nach einem solidarischen und radikalen Lockdown absolut in die richtige Richtung. Die Kosten müssen gerechter verteilt werden.

Daniel H. Rapoport ist Zelltechnologe und Essayist. Er arbeitet u. a. zur effizienten Vermehrung von Zellen für zellbasierte Technologien.

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