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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Brandenburg

»Die Wölfe fressen nur Berliner«

Was passiert eigentlich während Corona auf dem Land? Ein Gespräch mit Stephan Charly Köhne aus Lebus (Brandenburg)
Von Frank Willmann
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Nach der Mahlzeit schnell noch einen Drink

Was treibt denn die brandenburgische Landbevölkerung zur Coronazeit so?

Ich habe in meiner Werkstatt endlich meine Schrauben sortiert, gezählt und geputzt. Als wir kurz und ohne zu erkranken in Coronaquarantäne waren, haben uns liebe Freunde mit Bier und Bockwurscht verwöhnt. Stand plötzlich vor unserer Tür.

Was passiert mit natursüchtigen Berlinern, die sich gegenwärtig unerlaubt in Lebus blicken lassen?

Denen wird’s wohl ergehen wie dem Wisent. (Weil grade kein Betäubungsgewehr zur Hand war, wurde am 13. September 2017 ein überraschend in Lebus auftauchender polnischer Wisent erschossen, jW). Spaß beiseite, lass die mal machen; wenn ich in der Fremde bin, will ich ja auch nicht verjagt werden.

Wird es nach Corona noch ein Restaurant oder eine Kneipe geben in Lebus? Bisher waren es zweieinhalb, richtig?

Freundchen! Wir haben hier vier Kneipen. Momentan sind drei dicht, die vierte macht ein wenig Außerhausverkauf.

Hand aufs Herz, wie lieb haben Sie Ihre Tiere?

Ich bin höflich zu meinen Tieren, ich will auch kein unhöfliches Fleisch essen. Ich hab’ meine Enten, Gänse, Hunde, Katzen, Schafe, Nandus, Hühner so lieb, dass sie sich auf 7.500 Quadratmetern Fläche wohlfühlen können. Die können überall rumrennen. Dummerweise wissen das der Fuchs, der Habicht und der Marder ooch. Die drei liebe ich nicht so dolle. Im November haben sie acht Enten und neun Hühner durch den Elektrozaun an den heimischen Herd entführt.

Man hört, Sie beschäftigen sich mit der Nanduzucht?

Na ja, beschäftigen … Vor zwei Jahren haben sie erfolglos gebrütet, im letzten Jahr auch. Bei den Nandus brütet das Männchen, der Trottel ist immer wieder runter vom Nest. Dieser Tage geben wir den Nandus ein extra eingezäuntes Gebiet, damit sie in Ruhe ihr Ding machen können. Wir geben nicht auf. Ein paar Eier konnten wir verkaufen, in ein Nanduei passen 14 bis 16 Hühnereier rein, schmeckt ooch wie Hühnerei. Unsere anderen Tiere vermehren sich prächtig, von Corona haben die noch nüscht gehört, meint unser Hofhund.

Warum mögen die Lebuser keine ­Wisente?

Dem muss ich widersprechen. Nach dem 13. September 2017 waren wir Lebuser plötzlich berühmt. Nach all den Jahren, wo keener was von uns wissen wollte, außer ein paar Anglern und Spaziergängern.

Was macht die Angelei? Ist der Fisch aus der Oder essbar?

Tja, kommt mal vorbei, das Wasser ist glasklar, im Anglerheim und im Oderblick gibt’s bald wieder Fisch. Ich bin der Köderfischbeauftragte unter den Lebuser Teufelsanglern und spezialisiert auf schmalschuppige Kampfkarauschen.

Gevatter Waschbär und der Biber sind für uns Berliner niedlich. Gilt das auf dem Land auch?

Waschbären und Biber sind für manche Menschen an der Oder eine Plage. Wenn sie in Berlin überhandnehmen, werdet ihr sie ooch nicht mehr so schnuckelig finden. Biber kann man immerhin essen.

Bitte!!!

Warum? Am Reh erfreust du dich auch zweimal. Einmal in der Natur, zum anderen auf der Speisekarte.

(Grummel.) Man hörte, es soll in Ihren Gefilden auch wieder Wölfe geben?

Grade gestern wurden hinterm Haus eine Wölfin mit ihren Jungen gesichtet. Die essen aber nur Berliner.

Union oder BFC?

In Brandenburg steht die Bevölkerung geschlossen hinter Hertha BSC. Ab und an verirrt sich ein rot-weißer Aufkleber an die Laterne vor unserem Haus. Ich steige dann auf meine Leiter. Plötzlich klebt ein blau-weißer Hertha-Aufkleber über dem Union-Aufkleber. Wie der da hinkam? Keine Ahnung.

Stephan Charly Köhne ist Angler, Tierzüchter, Gemüseanbauer und Herbergsvater im brandenburgischen Lebus (Landkreis Märkisch-Oderland)

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