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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 8 / Inland
Klinikpersonal am Limit

»Das extreme Pensum ist dauerhaft nicht zu stemmen«

Sachsen-Anhalt: Krankenpfleger in Halle versorgen bei Coronainfektionsgefahr im Akkord Patienten. Ein Gespräch mit Aaron W.
Interview: Paul Müller
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Pfleger auf Covid-Intensivstation in Dresden (18.1.2021)

Das Elisabeth-Krankenhaus in Halle stand vom 4. bis zum 16. Februar unter Quarantäne, weil 39 Patienten und 26 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Auch Sie haben sich bei der Arbeit angesteckt. Wie geht es Ihnen jetzt?

Momentan geht es wieder bergauf bis auf kleinere Beschwerden: Husten, Halskratzen, flacher Atem. Aber ich schmecke und rieche absolut gar nichts, das nervt. Ich habe gedacht, dass es mich nicht so hart erwischt, weil ich keiner Risikogruppe angehöre. Es gab wirklich fünf Tage, wo ich mich kaum aus meinem Bett bewegt und nur geschwitzt habe. Meine Augen bekam ich kaum auf, weil ich so starke Kopfschmerzen hatte. Es war echt nicht schön, und es ist auch nicht einfach nur eine stärkere Grippe.

Wie hat Corona das Krankenhaus und Ihre konkrete Arbeit verändert?

Besuche für Patienten sind nur noch in Ausnahmefällen möglich. Außerdem bekommen wir als Pflegepersonal wöchentlich einen PCR- und derzeit täglich auch einen Schnelltest. Die Aufnahmen von Patienten dauern durch die PCR-Tests viel länger. Und Quarantäne hieß, dass es keine Aufnahmen gab, außer beim Kreißsaal und bei der Kinderambulanz. Manche Stationen sind einfach gänzlich geschlossen, weil da das Personal fehlt. Wir sind permanent mit FFP2-Masken unterwegs. Auf unserer Onkologie gab es ein erhöhtes Aufkommen von Patienten mit Lungenerkrankungen, weil die Lungenstation zu voll ist beziehungsweise auch teilweise geschlossen wurde, um für Coronapatienten frei zu sein.

Wir sind zwei Pflegekräfte und meistens zwei Azubis für bis zu dreißig Patienten. Pausen müssen alleine gemacht werden. Es gibt insgesamt unzählig viele Überstunden. Patienten liegen auf der Coronastation meistens in Einzelzimmern, und das ist sehr aufwendig, diese Menschen zu betreuen, gerade unter dem hygienischen Aspekt. Die Pfleger haben eine Einmalkleidung, die sie über ihre normale Kleidung drüberziehen. Dann haben sie noch mal einen Schutzmantel, und dann ziehen sie immer eine Extramaske an, wechseln diese auch häufiger als normal. Die Patienten sind dort wirklich komplett isoliert. Wenn ich mir vorstelle, dass man dann diese Symptome hat, die ich schon hatte, nur noch schlimmer, dann ist das keine schöne Situation.

Wie geht die Klinikleitung mit der zugespitzten Situation um?

Sie gibt Anweisungen, lässt die kontrollieren, aber man bekommt nicht viel von ihr mit. Das ist ein bisschen problematisch. Vom jüngsten Coronafall waren sie etwas überrascht, weil einer der Ausbrüche auch auf der onkologischen Station war. Das ist kritisch, wenn so ein Ausbruch auf einer Station ist, wo die Patienten schon immungeschwächt sind und dann das Personal sich ein oder zwei Tage Schutzausrüstung selber von anderen Stationen besorgen muss. Es war dann aber schon zwei Tage zu spät. Von daher gehe ich stark davon aus, dass es mich im Krankenhaus erwischt hat.

Wie sollte aus Ihrer Sicht mit der Situation umgegangen werden?

Der Teamgeist sollte von den Stationsleitern anerkannt und gefördert werden. Außerdem der Personalschlüssel: Es funktioniert nicht mehr, dass man immer mehr abbaut und dadurch die Pflege des einzelnen Menschen viel zu kurz kommt. Was die Arbeitszeiten betrifft: Das extreme Pensum ist dauerhaft nicht zu stemmen. Die ausgebildeten Kollegen gehen manchmal 13 Tage lang durchweg arbeiten, machen täglich Überstunden und werden dann noch gefragt, ob sie vielleicht zu kurzen Schichtwechseln schnell einspringen können. Ich wünsche mir, dass die Kollegen wenigstens nur Zwölf-Stunden-Dienste machen. Und dafür bekommen sie beispielsweise ein kostenloses Mittagessen oder dürfen irgendwo in der Nähe kostenlos parken. Es sind auch solche Kleinigkeiten von der Klinikleitung, die uns sagen würden: Okay, gut, wir sind wirklich systemrelevant, wir werden wertgeschätzt.

Aaron W. macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger und arbeitet im Elisabeth-Krankenhaus in Halle

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