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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 16 / Sport
Tennis

Die Herrschaft der Tennis-Cyborgs

Spannender als Sport: Die Australian Open im Coronakampf
Von Peer Schmitt
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Und der Sieger heißt Novak Djokovic ...

Es kam, wie es kommen musste. Novak Djokovic hat am Sonntag bei den Australian Open im Finale gegen Daniil Medwedew seinen nunmehr neunten Einzeltitel gewonnen (seine Finalbilanz in Melbourne ist weiterhin lupenrein: 9:0). Aber auch ein mittlerer Eklat während der Siegerehrung blieb nicht aus. Als die Präsidentin des australischen Tennisverbandes Jayne Hrdlicka ihre Routinerede von den Opfermühen und der aufkeimenden Hoffnung im Coronakampf ablieferte, wurde sie bei der Erwähnung von Hoffnung dank Impfstoff zuerst kurz und, beim Lob der amtierenden Regierung von Victoria, schon deutlich heftiger von Buhrufen wütender Zuschauer unterbrochen.

Djokovic-Fans scheinen offenbar von Impfstoffen ungefähr so viel zu halten wie ihr Idol, das ja im vergangenen Sommer seine eigenen Coronakontroversen (inklusive Positiv-Test) erlebt hatte.

Vielleicht war es aber doch eher allgemeiner Unmut über die sehr strikte, andererseits nicht immer konsequente Quarantänepolitik in Südaustralien, der sich da Bahn brach. Um mit Jayne Hrdlicka zu sprechen, die Fans in Melbourne sind: »sehr meinungsstark« (»a very opinionated group of people«), ein beredter Euphemismus für »vorurteilsbesessene Starrköpfe«.

Zuschauer waren in Melbourne praktisch über Nacht ab dem ersten Halbfinaltag, dem vorigen Donnerstag, wieder zugelassen worden – allerdings lediglich die Hälfte und nur mit Maske. Zuschauer sind immer ein Risiko. So wurde auch bereits das Finale selbst kurz von einer politischen Demonstration gegen die Flüchtlingspolitik Australiens gestört. Die Protestaktion verpuffte. Im Livekommentar des US-Senders ESPN nahm man sie nicht einmal voll wahr: »Oh, ein Freak-out in den VIP-Rängen«; John McEnroe (wie so häufig wenig im Bilde): »Da hatte wohl jemand ein paar Drinks zuviel.«

Hrdlicka hatte die Chuzpe, in ihrer Rede die Krönung des Djokovic in einem spektakulären Match zu preisen. In Wirklichkeit war es ein ödes Finale. Denn es spielte nur einer: Djokovic. Er begann es mit einem As und beendete es mit einem Netzangriff 7:5, 6:2, 6:2.

Der Serbe erwies sich einmal mehr als unüberwindliche Gummiwand. Er spielte zudem in dieser Begegnung auch noch offensiver, variabler und risikoreicher als Medwedew. Dabei hatte dieser vor dem Finale noch eine Siegesserie von 20 Matches in Folge aufzuweisen, zehn davon gegen Top-10-Spieler, inklusive Djokovic im Gruppenspiel der letzten ATP-Finals.

Das alles schien im Finale eines Major so gut wie nichts mehr zu bedeuten. Medwedew sprach denn auch von dem Abgrund, der zwischen den großen drei – Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer (allesamt weit über 30 Jahre alt) – und dem Rest der ATP klaffe. Er nannte sie »die drei Tennis-Cyborgs«. Ein Euphemismus für »die kriegen den Rand einfach nicht voll«? Die Überlegenheit des Tennis-Cyborg Djokovic ist um so ernüchternder, da er das Turnier vorgeblich mit einem Muskelfaserriss gewann.

Es war ein Turnier, bei dem die Kontroversen über Quarantäne, Verletzungen, Politik und Finanzen interessanter waren als der eigentliche Verlauf – der Rahmen war spannender als der Sport.

Nur mit dem Rahmen traf auch Naomi Osaka im Damenfinale am Sonnabend gegen Jennifer Brady den Ball, als letztere im ersten Satz eine Breakchance zum 5:4 hatte. Aus dem Rahmenball wurde ein unerreichbarer Vorhandgewinnschlag. Osaka brachte ihren Aufschlag durch und gewann danach auch Bradys Service game dank zweier ebenfalls nicht sauber getroffener Glücksreturns zum 6:4 Satzgewinn. Danach war das Match vorbei, der zweite Satz mit 6:3 Formsache für Osakas lineares Powertennis. Bezeichnenderweise spricht auch sie mehr von Computerspielen als von Variation im Tennissport.

Osaka hat in ihrer jungen Karriere seit 2018 insgesamt sieben Turniere gewonnen, alle auf Hartplatz: zwei WTA 1.000 (Indian Wells und Beijing), ein WTA 500 (in Osaka) und vier Majors, jeweils zweimal die US und die Australian Open. Ein Missverhältnis. Bei WTA-Turnieren ist hauptsächlich ihre hohe Rückzugsquote auffällig. Ein quasi virtueller Champion, der sich nur für die Hartplatz-Majors zu interessieren scheint. Fatal für die WTA-Tour. Dabei war das in der zweiten Woche in Melbourne durchgeführte WTA 250 zuletzt spannender anzusehen als die Damenkonkurrenz der Australian Open. Darja Kassatkina gewann am vorigen Freitag das Finale gegen Marie Bouzkova 4:6, 6:2, 6:2.

Im Schatten der Majors leiden die kleinen Turniere. Ohne handfeste Subventionen funktioniert bald nichts mehr. Aber selbst die Australian Open, normalerweise eine Mischung aus Volksfest und Geldmaschine, geraten unter Quarantänebedingungen gehörig in die Krise. Turnierdirektor Craig Tiley zog zwar eine positive Bilanz, aber die war eher logistischer und moralischer denn ökonomischer Natur. Tatsächlich steht für das diesjährige Turnier ein Verlust von 100 Millionen Australischer Dollar zu Buche. 80 Millionen habe Tennis Australia noch in Reserve. Für die nähere Zukunft benötige man aber Kredite zwischen 40 und 60 Millionen.

Ungeachtet bedrohlich roter Zahlen geht der Tenniszirkus zunächst aber weiter. Diese Woche mit ATP 250ern in Marseille und Singapur und einem WTA 500 in Adelaide, dem Abschluss des defizitären aus­tralischen Tennissommers.

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