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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 12 / Thema
Identitätspolitik

Kampf um Anerkennung

Gleichheit in Vielfalt oder: Was ist Identitätspolitik? Eine Angelegenheit auch für Linke?
Von Georg Auernheimer
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Intersektional. Demonstranten, die gegen den rassistisch motivierten Mord an dem Afroamerikaner George Floyd protestieren, suchen eine Filiale des Kaffeeanbieters Starbucks heim, der seinerseits mit »Diversity« als Imagepolitur hausieren geht, aber Beschäftigte, die sich organisieren, systematisch bekämpft (Philadelphia, 30.5.2020)

»Wo kommen Sie denn her?« Die Frage verärgert die meisten Zeitgenossen mit Migrationsgeschichte, weil sie den Verdacht haben, dass derjenige, der sie stellt, die herrschende »Zugehörigkeitsordnung« im Kopf hat, die den Befragten ausschließt. Zumindest, so der Verdacht, überlässt man ihm nicht, wie er sich selbst definieren möchte. Damit ist die Frage der Identität aufgeworfen. Es kann auch sein, dass jemandem aufgrund der Zuschreibung zum Beispiel der Übergang zur weiterführenden Schule verwehrt wird, oder auch nur der Zugang zu einer Disco. Die Kritik solcher Ausschlüsse ist Sache von Identitätspolitik. Hier sei zunächst einmal gefragt: Lässt sich der Identitätsanspruch, der dieses Politikfeld bestimmt, historisch-materialistisch verständlich machen?

Abstrakte Abhängigkeiten

Zur Erklärung müssen wir den umgekehrten Weg gehen, den Marx im »Kapital« genommen hat, die Sphäre der Produktion verlassen und uns der Sphäre der Zirkulation zuwenden, »ein wahres Eden der angeborenen Menschenrechte«, wie Marx sich ironisch ausdrückte.¹ Er nahm dabei Bezug auf die Forderung der bürgerlichen Revolutionäre nach Freiheit und Gleichheit als Verfassungsprinzipien der neuen Gesellschaft, einer Gesellschaft privater Warenbesitzer. Verkäufer und Käufer müssen dort beiderseits davon ausgehen können, dass der andere frei in seinen Entscheidungen ist. Und jeder Vertragsschluss setzt die Rechtsgleichheit der Vertragsschließenden voraus. Freiheit heißt, der einzelne ist weitgehend über Ware-Geld-Beziehungen mit den anderen verbunden und nicht mehr eingebunden in ein Gemeinwesen, in dem er seinen fixen sozialen Ort hatte, so dass er sich nun selbst verorten muss, soweit das seine soziale Lage erlaubt. Er trägt, bildlich gesprochen, »seinen gesellschaftlichen Zusammenhang mit der Gesellschaft in der Tasche mit sich«.² Persönliche Abhängigkeiten sind abstrakten gewichen – vom Wohnungsmarkt, vom Arbeitsmarkt usw. Die Identität des oder der einzelnen wird also nicht mehr vom Gemeinwesen hergestellt und bestimmt. Wer als Jugendliche oder Jugendlicher die familiären Bande abstreift, muss sich entscheiden, wer sie bzw. er sein will, als was sie bzw. er gelten möchte. Der einzelne muss sich ins Verhältnis setzen zur Gesellschaft, muss seinen sozialen Ort bestimmen, sollte einen Lebensentwurf machen, wenn es auch unter gegebenen Verhältnissen für die meisten eine Zumutung ist, für den Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman sogar »eine furchteinflößende Aufgabe«.³

Identität lässt sich als Selbstentwurf definieren. Individualität ist dabei gefragt, nicht nur Kompetenz, mit anderen Worten ein Alleinstellungsmerkmal, um sich im Wettbewerb behaupten zu können. Solche Anforderungen zu erfüllen fällt um so schwerer, je mittelloser man ist und auf je mehr Zugangsbarrieren man stößt. Wichtig ist unter anderem der Zugang zum Arbeitsmarkt. Ein Team um den Psychologen Heiner Keupp hält fest: »Gerade weil die Teilhabe an Erwerbsarbeit und das damit verbundene Einkommen die soziale Position von Menschen in der Gesellschaft bestimmen, bleibt sie zentral in der Identitätsarbeit«.⁴ Auch Gleichheit, zumindest Gleichheit der Chancen, ist also eine Bedingung für den Entwurf der Identität.

Hinzu kommt die Forderung nach sozialer Anerkennung, weil die strukturellen Barrieren für bestimmte Gruppen, speziell für Frauen, Schwarze, Immigranten, oft in mangelnder Wertschätzung, wenn nicht sogar Abwertung begründet liegen. Wenn Menschen entdecken, dass andere mit den gleichen Merkmalen (Einwanderer, schwarz, Roma, weiblich) dieselben Diskriminierungserfahrungen machen, liegt es nahe, dass sie sich gemeinsam wehren. Es kommt nach Axel Honneth zu Widerstand und Protest, wenn »individuelle Erfahrungen von Missachtung als typische Schlüsselerlebnisse einer ganzen Gruppe gedeutet werden«, so dass sie zu kollektiven Forderungen ermutigen.⁵

Anfänge und Entwicklung

Man kann Anfänge dessen, was heute Identitätspolitik genannt wird, schon am Beginn der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen. Denn die Ideen der Französischen Revolution weckten auch bei zwei rechtlosen oder relativ rechtlosen und missachteten Gruppen den Anspruch auf Freiheit und Gleichheit, wie die bürgerlichen Revolutionäre überrascht feststellen mussten, weil sie die universelle Geltung ihrer Rechtsansprüche nicht so ernst gemeint hatten. Aber den versklavten Schwarzen auf Saint Domingue dienten sie zur Rechtfertigung ihres Aufstands im Jahr 1791. Und im selben Jahr verfasste Olympe de Gouges die Erklärung der Rechte der Frau.

Nach der industriellen Revolution bestimmte der Kampf der sich formierenden Arbeiterbewegung gegen die Ausbeutung durch das Kapital die Tagesordnung. Daneben prägten die Kämpfe des europäischen Bürgertums für eine Verfassung das 19. Jahrhundert. In diesem Rahmen verlangten einzelne bürgerliche Frauen das Wahlrecht. Vorher war die Forderung nach mehr Bildungschancen für Mädchen aufgekommen. Einige Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung beschieden sich aber auch damit, Mütterlichkeit aufzuwerten und für die Entwicklung der Fürsorgeberufe zu nutzen. Das verdeutlicht die Gefahr, dass Eigenschaften, die ein soziales Produkt sind, als identitätsstiftend gelten: die Gefahr des Essentialismus. Die Vertreterinnen jener Richtung sahen in Mütterlichkeit das Wesen der Frau.⁶ Sie deuteten Gleichheit in Gleichwertigkeit um. Den Begriff Identität kannte man im übrigen um diese Zeit, wir sprechen von der Wende zum 20. Jahrhundert, noch nicht.

Im Zuge der gesellschaftlichen »Modernisierung« und damit Individualisierung wurde die Zumutung des Selbstentwurfs für viele spürbarer. Das macht es verständlich, dass in dem Maße, in dem Industrie und urbane Lebensweise den Alltag der Menschen bestimmten, das Thema Identität auf die Tagesordnung kam. Und es verwundert nicht, dass in dem von Industrialisierung und Einwanderung geprägten Chicago, wo um 1900 Menschen unterschiedlicher Herkunft und Klassenzugehörigkeit zusammengedrängt lebten, die erste Identitätstheorie formuliert wurde, und zwar von dem Soziologen George H. Mead (1863–1931). Ein zentraler Aspekt dieser Theorie ist der adäquate Umgang des einzelnen mit den sozialen Erwartungen, mit denen man ihn konfrontiert. Das verlangt die Fähigkeit, solche Erwartungen zu verstehen, aber auch zurückweisen zu können – bei niedrigem sozialen Status besonders für Randgruppen eine schwierige Aufgabe. Wer Missachtung oder gar Ausgrenzung erfährt, sich chancenlos sieht, kann den Anspruch kaum einlösen.⁷

Ein weiteres wichtiges Kapitel in der Geschichte der Identitätspolitik wurde ebenfalls in den USA geschrieben. William E. B. Du Bois (1868–1963), Mitbegründer der schwarzen Emanzipationsbewegung, beanspruchte gleiche Bürgerrechte, aber auch die Würdigung der schwarzen Musik. Daran werden beispielhaft zwei Grundprinzipien von Identitätspolitik deutlich: die Forderung nach sozialer Gleichheit und nach Anerkennung. Aus den USA stammt mithin der Begriff Identity Politics, geprägt in den 1970er Jahren, als die schwarze Bürgerrechtsbewegung, allgemeiner Black Movement, für Unruhe sorgte. Und die LGBTQ-Bewegung nahm 1969 mit den Protesten der Schwulen und Transsexuellen gegen die Schikanen der Polizei in New York ihren Anfang.⁸

In Europa gab die feministische Bewegung mit ihren verschiedenen Strömungen seit den 1970er und 80er Jahren die Themen im öffentlichen Diskurs vor. Dann beschäftigte auch die LGBTQ-Bewegung zusehends die Allgemeinheit. Beim Versuch einer historischen Erklärung für das Aufkommen der Identitätspolitik in Westdeutschland stößt man auf ein Geflecht von sozioökonomischen und kulturellen Veränderungen. Die Anstöße lassen sich nur hypothetisch in Stichworten notieren.⁹

Identitätspolitik in der BRD

Ende der 1960er Jahre lief der Nachkriegsboom in Westdeutschland langsam aus, was aber im Alltag noch nicht zu spüren war. Die Menschen wurden sogar anspruchsvoller. Für manche, besonders im akademischen Milieu, wurden Alternativen zum Bestehenden denkbar. Kurzzeitig erweiterte sich der Horizont des Vorstellbaren. In allen Industriestaaten wich der Fordismus einem neuen Akkumulationsregime. Die Bildungsexpansion, eine Antwort auf steigenden Qualifikationsbedarf, bedeutete Aufstiegsversprechen. Der Dienstleistungssektor gewann an Bedeutung, für Frauen eine neue Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die bisherigen Lebensformen, speziell auch Familienstrukturen, wurden in Frage gestellt. Sie galten jetzt als muffig. In Westdeutschland befeuerte die Empörung über heuchlerische Nazieltern und Naziprofessoren diese Kritik.

Unabhängig davon lösten sich herkömmliche Milieus auf. Mit dem Abbau der Schwerindustrie und dem Zechensterben verschwand das proletarische Milieu, mit der von der Agrarpolitik vorangetriebenen Mechanisierung der Landwirtschaft das bäuerliche Dorf. Die Diagnose der Soziologen hieß »Individualisierung«. Man war nicht mehr bzw. weit weniger der sozialen Kontrolle ausgeliefert. Man konnte selbst seinen Lebensstil finden. Typisch für jene Zeit war das Aufkommen der Jugendsubkulturen. Ein Motiv der 68er-Bewegung – die antikapitalistische Richtung war nur ein Teil – war die Suche nach neuen Lebensformen und die Emanzipation von hergebrachten Rollen, auch von den Geschlechterrollen. Lesben und Schwule konnten allmählich ihr Coming-out wagen, was aber ohne eine Organisation im Hintergrund schwierig war, die sich um eine Revision von Normvorstellungen und repressiven Gesetzen bemühte.

Die Zuwanderung, in deren Folge bikulturelle Communities entstanden, hat trotz der Beschwörung kultureller Vielfalt und vor allem trotz Alltags- und strukturellem Rassismus bisher keine identitätspolitische Bewegung angestoßen. Initiativen, die sich gegen die herrschende Zugehörigkeitsordnung wenden, sind hierzulande marginal geblieben. Die Mobilisierung unter der selbstironischen Bezeichnung »Kanake« war nur eine Episode. Der Grund liegt vermutlich in der Heterogenität der Zugewanderten hinsichtlich kultureller Herkunft, Rechtsstatus und sozialer Stellung. Solche Heterogenität kennzeichnet auch die größte, jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung größte Immigrantengruppe aus der Türkei.¹⁰

Zulauf haben lediglich islamistische, teils auch islamistisch-nationalistische Strömungen gefunden. Nicht wenige Menschen mit Migrationsgeschichte, oft von der Umwelt erst zu Muslimen gemacht, protestieren damit gegen ihre Ausgrenzung und Diskriminierung. Von der Religion, zum Zwecke der Selbst- und Fremdzuordnung zurechtgestutzt, versprechen sie sich Halt und Aufwertung. Seine Anziehungskraft bezieht der Islamismus dabei aus der Abwertung der angeblich dekadenten westlichen Welt. Er trägt wie andere fundamentalistische Bewegungen – der christliche Fundamentalismus ist in Europa ohne politische Relevanz – Merkmale von Identitätspolitik. Mit der Abwertung der »Ungläubigen« und den strikten Vorgaben, wie ein Muslim zu leben hat, negiert er jedoch die Grundprinzipien einer solchen Politik.

Bei den identitätspolitischen Bewegungen vermischen sich Anerkennungskämpfe mit der Forderung nach Rechtsgleichheit, nach der Abschaffung diskriminierender Gesetze und nach sozialpolitischen Maßnahmen. Als Emanzipationsbewegungen berufen sie sich auf den Gesellschaftsvertrag, der allen zumindest formal gleiche Rechte und gleiche Sozialchancen verspricht. Die geforderte Anerkennung meint die Würdigung kultureller und sozialer Leistungen, früherer sozialer Kämpfe, letztlich des Selbstverständnisses, wie es sich historisch in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt hat. Ziel ist die Veränderung der »Repräsentationsverhältnisse« (Stuart Hall).

Deshalb verwundert es, dass es nach 1990 nie eine Protestbewegung von »Ostdeutschen« gegen »die große Enteignung« (Otto Köhler) gegeben hat. Dabei kann man lesen, dass die Einwohner der ehemaligen DDR sich mehrheitlich als Bürger zweiter Klasse fühlen. Selbst Jüngere, die die DDR kaum noch erlebt haben, seien sich einer besonderen biographischen Prägung bewusst. Die gemeinsame Forderung nach gleichen Rechten und Sozialchancen sowie nach Anerkennung der eigenen Aufbauleistungen, darunter auch eigener kultureller Errungenschaften, wäre also verständlich (gewesen).

Gefahr des Essentialismus

Die US-amerikanische Philosophin und Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser, die zwischen der Forderung nach Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums (Redistribution) und jener Forderung nach Anerkennung (Recognition) unterscheidet, findet im Black Movement und im Mainstream der Frauenbewegung beide verbunden.¹¹ Sie kann sich jedenfalls keine progressive Frauenbewegung vorstellen, die auf sozialpolitische Forderungen verzichtet. Recognition bezieht sich zwar primär auf kulturelle Ansprüche, seitens der Afroamerikaner beispielsweise den Anspruch auf die Überwindung des Eurozentrismus oder seitens der Feministinnen auf die Beachtung der historischen Beiträge von Frauen zu Literatur, Musik und Kunst, wäre aber unglaubwürdig ohne die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, gleichen Zugangschancen zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt. Fraser sieht jedoch die Gefahr, dass Kämpfe um Anerkennung von der Sozialpolitik abgespalten werden, so dass die Emanzipation bloß eine halbe ist. Sie warnt speziell die Frauenbewegung vor essentialistischen Vorstellungen von Weiblichkeit, weil damit die Gleichheitsforderung unterlaufen wird.

Einen neuen Impuls zur Verknüpfung der Kämpfe um Anerkennung und Umverteilung und damit auch von Identitätspolitik mit Klassenkampf lieferte vor rund dreißig Jahren die Wahrnehmung dessen, was dann als Intersektionalität bezeichnet werden sollte, d. h. die Überschneidung verschiedener Formen von Unterdrückung (also zum Beispiel die einer schwarzen Arbeiterin). An einem Rechtsstreit – eine Schwarze hatte gegen General Motors wegen Diskriminierung geklagt – fiel der US-Juristin Kimberlé Crenshaw die potenzierte Diskriminierung auf. Sie selbst warnt heute vor der Verwässerung des Konzepts durch Umdeutung im Sinn von Diversity (Vielfalt). Ernst genommen kann Intersektionalität aber linke Allianzen begründen.

Gefeit gegen Essentialismus, Kulturalismus oder die Verwässerung zu Diversity ist Identitätspolitik nicht. Den Begriff Diversity hat man von Unternehmerseite dankbar aufgegriffen, um soziales Engagement in diese Richtung zu lenken. Die gesellschaftlichen Erwartungen werden geschickt auf das Lob der Vielfalt ausgerichtet. Beispiel Starbucks: In einer Selbstdarstellung im Internet konnte man vor längerer Zeit lesen: »Starbucks is dedicated to creating a workplace that values and respects people from diverse backgrounds.«¹² In zahllosen Hypertexts wird die soziale Verantwortung des Kaffeekonzerns hervorgehoben. Aber erst im November 2020 musste sich Starbucks wegen Union Busting geharnischte Kritik anhören. Betriebsratsarbeit wird nicht geduldet, in Lohnverhandlungen zeigt man sich unnachgiebig.

Die verbreitete Imagepflege mit Diversity ist deshalb erfolgversprechend, weil im allgemeinen Bewusstsein, vor allem für Mittel- und Oberschichten, Diskriminierung nichts mit Klassengesellschaft zu tun hat. Nachdenklich stimmt die Schilderung des US-Journalisten Thomas Frank zur politischen Stimmung unter den Mittelschichten und »Eliten« in den USA, die über den typischen Trump-Wähler nur die Nase rümpfen und ihre Empörung äußern.¹³ Dass die Anfälligkeit für populistische Parolen, speziell auch für Rassismus und Sexismus, in bestimmten Schichten besonders groß ist, müsste zu denken geben. Das wird zwar angeprangert, aber nach den Gründen wird nicht gefragt. Warum sich viele von »denen da oben« im Stich gelassen fühlen, ist kein Thema. Rassismus und Sexismus werden statt dessen mit moralischen Appellen bekämpft. In einer Suburb, in der ausschließlich einkommensstarke, weiße Familien wohnen, bis vor kurzem eine Hochburg der Republikaner, entdeckte Frank Schilder in den Vorgärten, auf denen »Black lives matter« oder »Frauenrechte sind Menschenrechte« zu lesen war.

Der Vorwurf, Identitätspolitik spalte die Gesellschaft, nicht nur von rechts erhoben, greift zu kurz. Rechte sehen den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet. Linke meinen, die Fragen von Sozialpolitik und Klassenkampf würden an der Rand der politischen Agenda gedrängt. Wer dabei nicht an die Klassenspaltung erinnert, lenkt die Kritik am öffentlichen Diskurs in die falsche Richtung. Die Problemverschiebung ist ein Effekt des mangelnden Bewusstseins von der materiellen Basis der Gesellschaft. Die Blindheit dafür beschränkt sich nicht auf identitätspolitisch aktive Zeitgenossen. Kein Wunder, dass jene diese Blindheit mit der Allgemeinheit teilen. Der Hund liegt in der allgemeinen Fixierung auf Diskurspolitik begraben. Eine Folge davon ist unter anderem das starke Vertrauen in Political Correctness.

Man muss zugleich konzedieren, dass die Diskriminierung von Gruppen, auf die Identitätspolitik abzielt, vielfach nicht strukturell bedingt, sondern in Gesellschaftbildern verankert ist, die diskursiv bearbeitet werden müssen. Ein Beispiel: Die hartnäckig sich haltende Vorstellung davon, wer Deutscher ist und wer nicht, muss sprachlich und bildlich stets neuen Irritationen ausgesetzt werden. Die Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts allein hat das nicht bewirkt.

Viele materielle Ausbeutungsverhältnisse werden auch ideell gestützt, zum Beispiel durch das Selbst- und Fremdbild von Frauen. Deshalb lässt sich vorstellen, dass Arbeitskämpfe durch eine identitätspolitische Komponente zusätzliche Kraft erhalten. Während der Pandemie ist wiederholt die Lage der »Pflegekräfte« zum Thema gemacht worden – eine geschlechtlose Berufsbezeichnung, was bei der sonstigen Tendenz zum Gendern verwundert. Dabei sind Pflegekräfte zumeist weiblich. Sollten sie nicht besser als Pflegerinnen ihre Forderungen nach angemessener Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und höheren Ausbildungsstandards artikulieren? Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in diesem Beschäftigungsfeld, zumindest in der Altenpflege, ist aufgrund der kirchlichen Tradition und vermutlich auch wegen der Care-Migration extrem niedrig. Auch diese ist überwiegend weiblich. Vielleicht würde die Empörung darüber, wie ihre Fürsorglichkeit ausgenutzt wird, mehr Frauen mobilisieren. Die Repräsentation von Fraueninteressen könnte eine Politisierung der »vergeschlechtlichten« Arbeitsteilung bewirken. Vielleicht ein Beispiel für »strategischen Essentialismus«. Eine benachteiligte Gruppe gewinnt Stärke im sozialen Kampf, indem sie ein Bewusstsein für das entwickelt, was ihren Mitgliedern aufgrund der gesellschaftlichen Machtverhältnisse an Eigenschaften essentiell ist. Ohne dass Gemeinsamkeiten naturalisiert würden, wird die Gruppe dadurch stärker. Unterdrückten Gemeinschaften in Indien hat Gayatri Chakravorty Spivak, die im Übrigen den Essentialismus kritisiert, diese Strategie zugebilligt.

Identitätspolitik wirft Fragen auf. Aber dass die Emanzipation von Menschen, denen aufgrund eines Merkmals bürgerliche Rechte und soziale Anerkennung verweigert werden, Teil linker Politik ist, wird kaum jemand bestreiten, zumal das Engagement in einer emanzipativen Bewegung die Subjekte verändert.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Das Kapital, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin 1974, S. 189

2 Karl Marx: Grundrisse …, Berlin (DDR) 1974, S. 74 f.

3 Zygmunt Bauman: Vom Pilger zum Touristen. In: Das Argument 205 (1994), S. 397

4 Heiner Keupp u. a.: Identitätskonstruktionen. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 129

5 Axel Honneth: Kampf um Anerkennung. 2. Aufl., Frankfurt am Main 1998, S. 260

6 Essentialismus kommt von lateinisch »Essentia« gleich Wesen.

7 Die äußeren Bedingungen werden in Meads Theorie nicht bedacht.

8 Ausgangspunkt war eine Bar in der Christopher Street. Der Christopher Street Day soll daran erinnern.

9 Ich beziehe mich im Folgenden durchweg auf Westdeutschland.

10 Georg Auernheimer: Identität und Identitätspolitik. Köln 2020

11 Nancy Fraser: Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 2001

12 Grob übersetzt: Starbucks sorgt für Arbeitsplätze mit Wertschätzung und Respekt für Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund.

13 Thomas Frank: Hysterie in Suburbia. In: Le Monde diplomatique, Februar 2021

Georg Auernheimer ist emeritierter Professor für Pädagogik und Verfasser des Buchs »Identität und Identitätspolitik, das 2020 im Kölner Papyrossa-Verlag erschien. In Kürze erscheint dort von ihm das Buch »Wie gesellschaftliche Güter zu privatem Reichtum werden. Über Privatisierung und andere Formen der Enteignung«.

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