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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Subversive Schönheit

Vor 200 Jahren starb der Romantiker John Keats
Von Eva Petermann
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Vielleicht ein Lebensgefühl: Die Stones huldigen Keats (1969)

»Peace, peace! He is not dead …«

Kein Ton war zu hören, als Mick Jagger vor 250.000 im Hyde Park die Eingangsverse aus »Adonais« rezitierte, zu Ehren von Brian Jones, der mit 27 Jahren gestorben war. Mit dieser Elegie hatte 1821 Percy Bysshe Shelley seinen toten Freund John Keats unsterblich gemacht. Zwei Jahre jünger noch war dieser gewesen als der Leadgitarrist der Rolling Stones.

Was bedeuteten der Generation von 1969 die Romantiker Keats und Shelley? Ein Lebensgefühl von »Live fast – die young« als Rebellion gegen Konvention und Unterdrückung, für freie Liebe und gegen die Entfremdung des Menschen? Vielleicht.

Shelley (1792–1822), Keats (1795–1821) und Lord Byron (1788–1824) – dieses »Dreigestirn« gehörte zu den genialsten Köpfen jener Dichtergeneration der englischen revolutionären Romantik. Ihr Einfluss reichte über ganz Europa – bis hin zu dem jungen Alexander Puschkin (1799–1837) im fernen Russland. Als Student war Shelley wegen eines Essays über die »Notwendigkeit des Atheismus« von der Oxforder Uni geflogen. Zur selben Zeit versuchte sein Freund, der skandalumwitterte George (Lord) Byron, im House of Lords für die Armen zu streiten. Und John Keats, der Jüngste? Als einziger nicht aus begütertem Hause, schlägt er mit 14 eine Laufbahn als Mediziner und Chirurg ein – wie Schiller und Büchner.

Barbarische Zeiten

Was für eine Zeit! Französische Revolution und Restauration, Industrialisierung und napoleonische Kriege, rabiatester Wandel und existentielle Unsicherheit. Angesichts dessen sucht die intellektuelle Avantgarde Sinnhaftigkeit und Schönheit, ihre eigene künstlerische Wahrheit jenseits von Philosophie und Theologie in einer ganzheitlich verstandenen Natur, anknüpfend an Ideale der Antike und Renaissance. Eine ganz neue Poesie entsteht – die Rückwärtsgewandtes nicht ausschließt. Letzteres ist ein Grund dafür, dass sich alte (Vor-)Urteile über diese heterogene Literaturepoche lange halten, verstärkt durch eine oberflächliche bzw. einseitige Rezeption, etwa der Werke Keats’ oder, in Deutschland, Friedrich Hölderlins.

In jenem »barbarischen Zeitalter« (so Keats) sitzen die adligen und bürgerlichen »Geldsäcke« (Keats) fest im Sattel, abgefedert durch Zensur, Spitzel und Knebelgesetze. Rebellion wird mit um so größerer Repression beantwortet. Nach dem Massaker von 1819 an Demonstranten auf dem heutigen St. Peter’s Field in Manchester, die dort für ein faires Wahlrecht und gegen hohe Brotpreise protestiert hatten, ruft Shelley in »The Mask of Anarchy« zum Aufstand auf: »Ihr seid viele! … Erhebt euch wie Löwen …«. Da ist er schon im italienischen Exil wie vor ihm bereits Lord Byron.

Raus aus dem Moloch

Derlei unverblümte Radikalität ist eher nicht die Art von Keats. Er bleibt in England. Nach dem frühen Tod seiner fortschrittlichen Eltern war der am 31. Oktober 1795 Geborene mit seinen jüngeren Geschwistern bei der verwitweten Großmutter aufgewachsen. In der Schule als übersensibler Streithammel verschrien, wird er vom progressiven Schulleiter gefördert. John stürzt sich in die Bücher, in antike Sagen und Shakespeares Dramen. Auch später begleiten Förderer und Freunde seinen Weg – so Leigh Hunt vom liberalen Examiner und Shelley, der drei Jahre Ältere.

Tagsüber als Arzt bei den Armen, kümmert er sich zu Hause um die Familie. Pflegt die Mutter, später den kleinen Bruder Tom. Beide sterben an Tbc, der Volksseuche jener Zeit. Keats fühlt sich zum Dichter berufen, ist ruhelos. Wohnsitzwechsel und lange Wanderungen in den Norden folgen – bloß raus aus dem Moloch London! Er sucht neue Erfahrungen und Inspiration in der Natur und der Lektüre der Dichterkollegen Robert Burns und William Wordsworth. Ergebnis: Überanstrengung und Enttäuschung, Erschütterung über das Elend der Landbevölkerung und ein Blutsturz. Die Selbstdiagnose deutet auf die gefürchtete Lungenkrankheit.

Obendrein setzen Geldmangel und Liebeskummer dem ohnehin von Selbstzweifeln Geplagten zu. Gehässige Kritiker des Literaturestablishments spotten über die »Gossenliteratur« des Newcomers: »Idiotisches Gefasel«. Ihnen zum Trotz entstehen gerade jetzt seine hinreißendsten Gedichte wie das seiner Verlobten Fanny Brawne gewidmete »Bright Star« (Heller Stern) oder das so schaurige wie untragische Versepos »Isabella, oder der Basilikumtopf«. Hierin findet sich – ungewöhnlich für den oft als »unpolitisch« verkannten Autor – unversehens sein Aufbegehren gegen die herrschenden Ausbeuter. So heißt es in der Übertragung von Gisela Etzel-Kühn (1880–1918), der ersten deutschen Keats-Übersetzerin: »Woher ihr Stolz, den gar kein Leiden schmolz? / Woher in Teufels Namen all ihr Stolz?«

Ein Glück auf immer

Doch den Erfolg seines letzten Gedichtbandes kann er nicht mehr auskosten. Der Schwerkranke folgt der Einladung Shelleys und seiner Frau Mary (Autorin von »Frankenstein«) ins wohltuende Klima Italiens. Die Ankunft verzögert sich wegen einer zehntägigen Quarantäne aufgrund eines Choleraausbruchs in London. 1820 sind er und sein Begleiter, der Maler Joseph Severn, endlich in Rom. Fünf Monate bleiben ihm noch. Keiner des berühmten »Dreigestirns« erreicht das 30. Lebensjahr. 1822 ertrinkt Shelley beim Segeln. Lord Byron, inzwischen bei den Freiheitskämpfern in Griechenland, erliegt 1824 einem Fieber, »Live fast – die young?«

Mitten in seinem kurzen Leben war Keats allzu oft von Tod und Elend umfangen. Doch dem setzt er seine sinnenfrohe, lebensbejahende Poesie entgegen. »Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer: / … und es wird nimmer / In Nichts hinübergehen.« In »Endymion« entwickelt Keats seinen Schönheitsbegriff und seine Vision einer harmonischen Gemeinschaft nicht eindimensionaler, tätiger Menschen. Darin vor allem besteht die zeitlose Subversivität seiner Gedichte.

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