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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Die erstaunlichsten Wendungen

Das ideenreiche Debüt des Londoner Septetts Black Country, New Road
Von Christina Mohr
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Irrlichternde Free-Jazz-No-Wave-Epen: Black Country, New Road

Auf Black Country, New Road scheinen alle gewartet zu haben – zumindest diejenigen, die ein Herz für Rip, Rig and Panic, ganz frühe Talking Heads oder die Postrockband Slint haben, die von Black Country, New Road sogar in ihrem »Hit« »Science Fair« namentlich erwähnt werden. Hit in Anführungszeichen, weil die Musik der sieben jungen Londoner Musikerinnen und Musiker alles andere als im mainstreamigen Sinne hitverdächtig ist: vielmehr das Gegenteil davon.

Die sechs Tracks ihres Debüts »For the First Time« sind zwischen fünf und knapp zehn Minuten lang, irrlichternde Free-Jazz-No-Wave-Epen, dazu der scheinbar ungebremste Stream of Consciousness von Sänger/Sprecher und Saxophonist Isaac Wood. Wer den halbstündigen Auftritt der Band in Jehnny Beths Arte-TV-Show »Echoes« gesehen hat, weiß, dass auf der Bühne jedes Mitglied des Septetts im Mittelpunkt stehen kann: May Kershaw an den Keyboards, Schlagzeuger Charlie Wayne, Gitarrist Luke Mark, Bassist Tyler ­Hyde und Violinistin Georgia Ellery, die noch im Elektroduo Jockstrap und dem Happy Bagel Klezmer Orkester spielt.

Auf dem Album dominiert jedoch der so besorgt wie getrieben wirkende Woods, ein irritierter, kapriziöser Frühtwen, der mit vibrierender Stimme über sexuelle Fantasien, Frustrationen und Größenwahn tourettiert: »Leave Kanye out of this!«, fährt es in »Sun­glasses« aus ihm heraus, während der Track die erstaunlichsten Wendungen und Breaks vollführt. Im letzten Drittel des Stücks könnte man fast tanzen, doch die Percussion bringt einen mutwillig ins Stolpern.

Ja, kapriziös ist einiges an Black Country, New Road, zum Beispiel, dass sie per Wikipedia-Zufallssuche zu ihrem Bandnamen kamen, oder Woods’ kokettes Bekenntnis, sie seien eine Popband, weil sie doch große Fans von Ariana Grande und Charli XCX sind. Aber wie könnte man eine Band nicht abfeiern, die folkloristisch anmutende Klezmerklänge in brachialen Noise übergehen lässt wie im instrumentalen Opener (genialer Titel: »Instrumental«) oder ihren gefühlvollsten Song »Track X« zur orchestralen Ballade aufbaut, als hätte sich der seit einiger Zeit verschollene Freak-Folk-Troubadour Patrick Wolf zu ihnen gesellt – um lyrisch nur offene Fragen zu hinterlassen: »I guess … in some way …« stammelt Woods verunsichert, für einen Moment wird ihm alles zuviel, der Informationsoverkill unserer Zeit und die Bürde der musikalischen Hochbegabung.

Black Country, New Road dehnen die Ränder von Pop und Rock so weit, dass sie fast zerbersten – bis genug Platz für ihre abgefahrenen Ideen ist. Es wird schwer, dieses Album 2021 zu überbieten.

Black Country, New Road: »For the First Time« (Ninja Tune)

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