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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Von wegen liebliche Schmetterlinge

Romantische Liebe, gespenstische Tänzerinnen: Das Ballettstück »Giselle« in verschiedenen Versionen auf Youtube
Von Gisela Sonnenburg
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Giselle (Galina Ulanowa) tanzt um ihr Leben – und verliert es (Bolschoi-Theater-Ballett, London, 1956)

Wer war eigentlich Lada? Genau: Die Göttin der Harmonie und Schönheit in der slawischen Mythologie. In der So­wjetunion wurde glatt eine Automarke nach ihr benannt. Aber wer sind die »Wilis«, ursprünglich auch »Samovilas« genannt? Auch sie entstammen, jedenfalls laut Heinrich Heine, den slawischen Mythen. Wilis, so schrieb der als Henri Heiné im Pariser Exil von Krankheit und Schmerz Gequälte, seien gespenstische Tänzerinnen, die nach ihrem Tod nicht ruhig im Grab bleiben würden. Sondern die nächtens »truppweise« den Männern auflauern, um sie in den Tod zu treiben. Das Ballett »Giselle«, auf Youtube in unzähligen Versionen und Besetzungen zu finden, entführt in eben diese Sphäre. Und obwohl das romantische Tanzstück auf Heines Anregung hin schon 1841 in Paris uraufgeführt wurde, hat es bis heute nichts von seinem männermordenden Charme verloren.

Giselle ist ein hübsches, aber herzkrankes Dorfmädchen. Als sie entdeckt, dass ihr Geliebter mit einer gesunden reichen Adligen verlobt ist, wird sie verrückt. »The Mad Scene«, die Wahnsinnsszene, nennt man in der Ballettwelt jene vier Minuten, in denen sie um ihr Leben tanzt – und es verliert. Der erste Akt des Stücks endet mit Giselles Tod. Sie stirbt spektakulärerweise beim Sprung in die Arme ihres Liebhabers.

Heldin tot, alles tragisch? Von wegen. Jetzt geht es erst richtig los. Der zweite und letzte Akt spielt bei Mondschein im nebligen Wald, wo sich die Wilis treffen. Sie sind in weiße Tüllgewänder gehüllt, haben Efeuranken als Schärpen und Blumenkränze im Haar. Aus ihren Rücken wachsen kleine Flügel. Vor allem ähneln Wilis in Kleidung und Ausdruck sitzengelassenen Bräuten. Doch an den Füßen tragen sie ihre magisch anmutenden Spitzenschuhe.

Die Wilis »trippeln« – man sagt im Ballett auch: »bourrieren« – auf ihren Zehenspitzen wie liebliche Schmetterlinge. Aber wehe, ihnen kommt ein männliches Wesen unter! Dann wird das Opfer umzingelt und langsam, aber sicher zu Tode getanzt. Ein Ableben mit Sühnecharakter. Denn alle Wilis starben aus Liebeskummer. Ihre Power rührt nicht von der krankhaften Tanzwut, wie man im Spätmittelalter ekstatische Tanzlust nannte. Sondern vom Zorn auf die Männer, die sie erst verführt, vielleicht auch geschwängert, sicher aber verlassen haben. Giselle hat nun die Wahl, ob ihr untreuer Liebster sterben oder leben soll. Gütig, wie verliebte Frauen bisweilen sind, hilft sie ihm. Die Geisterstunde lang muss er tanzen. Das hält er nur durch, weil Giselle mit ihm tanzt. Ein Fest für jede Primaballerina.

Auf Youtube sollte man zunächst nach sowjetischer Tanzkraft suchen. Ausgerechnet aus London kommen dann tolle Aufnahmen: von der Bolschoi-Ikone Galina Ulanowa, bei einem Gastspiel von 1956. Interessant ist in dieser Fassung, dass der zweite Akt nicht nachts, sondern bei Tageslicht spielt. Die Stigmatisierung Giselles ist aber auch hier deutlich. So liegt ihr Grab – wie schon 1841 – außerhalb der Friedhofsmauern. Was dafür spricht, dass sie unehelich schwanger war. Ulanowa hat denn auch weiße Blumen bei sich, die sie wie ein zum Bündel geschnürtes Kind anklagend in die Höhe hält.

Normalerweise aber trägt Giselles reuiger Liebhaber Albrecht die Blumen in den Wald. Ein mustergültiger Albrecht war 2005 Roberto Bolle an der Scala in Mailand. Seine Bühnenpartnerin Swetlana Sacharowa ist eine Nachfolgerin Ulanowas am Bolschoi, eine weitere Ikone des russischen Tanzes. Youtube ermöglicht es, die beiden wieder und wieder in diesen Paraderollen zu sehen. Die Wilis tragen hier übrigens zarte Schleier am Rücken statt Flügel. Auch der Efeu fehlt – aber die großen und zierlichen Sprünge, die von den Tanzkünstlern zu absolvieren sind, wirken im puristischen Design eher noch stärker.

Bleiben wir in Italien und reisen in die Gegenwart. Erst kürzlich machte Manuel Legris, der neue Ballettchef an der Scala, mit »Giselle« von sich reden. Er zeigte das Stück als Stream, in zwei Besetzungen: Im ersten Akt tanzte Martina Arduino mit Claudio Coviello, im zweiten Nicoletta Manni mit Timofej Andrijaschenko. Manni war überraschend ätherisch. Obwohl sie sonst wegen ihrer Sinnlichkeit geschätzt wird, strahlte sie dieses Mal filigrane Feinheit aus.

Von dieser Einstudierung gibt es zwei »Masterclasses«, also Ballettsaalproben auf Youtube: Im eleganten Omioutfit steht darin Carla ­Fracci, einst selbst eine fulminante »Giselle«, vor dem Ensemble. Sie gibt an die jungen Solisten weiter, was sie vor Jahrzehnten von Yvette Chauviré lernte. Chauviré wiederum hatte die ursprüngliche Choreografie von Jean Coralli und Jules Perrot, die von Marius Petipa ab 1887 überarbeitet wurde, nochmals für die Bühne neu gefasst.

Weitere weltbewegende Gisellen bebildern auf Youtube die Ballettgeschichte: mit Margot Fonteyn, Galina Mezentseva, Diana Vishneva, Alina Cojocaru, Dorothée Gilbert, Marianela Núñez. Aber nur eine Version hat einen besonders zartfühlenden Schluss: Das Ballett aus dem sibirischen Perm lässt Albrecht und Giselle so lieb voneinander Abschied nehmen, dass man meint, Verzeihung sei das A und O im Leben. Obwohl in »Giselle« eigentlich feministische Rachsucht triumphiert. Nur die Liebe schafft das.

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