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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 4 / Inland
Krise in der katholischen Kirche

Überlastete Server

Kölner Kardinal räumt Kommunikationsfehler ein. Kirchenaustrittswillige scheitern an Technik
Von Bernhard Krebs, Köln
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Dunkle Wolken über der katholischen Kirche im größten deutschen Bistum

Der Wille zum Kirchenaustritt vieler Gläubiger im Kölner Bistum ist ungebrochen, sie stoßen aber auf technische Schranken. Nachdem das Amtsgericht in der vergangenen Woche die monatlichen Austrittstermine um 500 auf insgesamt 1.500 aufgestockt hatte, brachen bei der Terminfreigabe am Freitag vormittag die Justizserver zusammen. »Ich kann Ihnen sagen, dass wir mehr oder weniger zeitgleich etwa 5.000 Zugriffsversuche hatten«, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts am Freitag gegenüber dpa. Am Sonntag mittag war das Problem immer noch nicht behoben. Zwar konnte die Eingabemaske ausgefüllt werden, schickten Austrittswillige die Anfrage aber ab, erhielten sie die Meldung: »Oops! An Error Occured!« Weiter hieß es: »Die Buchungsseite ist momentan leider nicht aufrufbar. Der Landesbetrieb IT.NRW arbeitet an der Lösung des Problems.«

Aus Infektionsschutzgründen vergibt das Amtsgericht seit Ausbruch der Coronapandemie die Termine nur noch online. Erst im Januar hatte das Amtsgericht das monatliche Terminangebot von 650 auf 1.000 erhöht. Hintergrund der Austrittswelle im größten deutschen Bistum ist eine beispiellose Vertrauenskrise. Seit Monaten hält der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki ein von ihm selber bei der Münchener Anwaltskanzlei Westphal Spilker Wastl in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang der Bistumsleitung mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs in der Vergangenheit zurück. Damit handelte Woelki sich Vorwürfe der Vertuschung und des Machtmissbrauchs ein. Als Begründung für die Nichtveröffentlichung schiebt Woelki methodische und rechtliche Mängel vor. Ein beim Kölner Strafrechtler Björn Gercke in Auftrag gegebenes neues Gutachten soll nun am 18. März veröffentlicht werden (siehe jW vom 11.2.2021).

Am Sonnabend versuchte Woelki in einem auch per Video auf dem Bistumsportal Domradio.de zum Auftakt der Fastenzeit verbreiteten »Fastenhirtenbrief«, Druck vom Kessel zu nehmen. Der seit Wochen wie abgetaucht wirkende Kardinal räumte Fehler in seiner Krisenkommunikation ein und gestand: »Sicher habe ich hier auch Schuld auf mich geladen.« Es tue ihm »von Herzen leid«, sagte Woelki, der gleichzeitig versicherte: »Es ging und es geht mir auch weiterhin ausschließlich um konsequente Aufarbeitung.«

In dem rund elfminütigen Video stellte Woelki fest, dass das Bistum von Rissen durchzogen sei, für die viele Menschen ihn persönlich verantwortlich machten. Er habe auch die »Irritation« vieler Gläubiger über die Beauftragung eines zweiten Gutachtens vernommen. Dennoch zeigte sich der Kardinal überzeugt, dass es eine »zweite unabhängige Untersuchung braucht, um die systematischen Zusammenhänge jahrzehntelangen Missbrauchs in unserem Erzbistum aufzudecken und im Detail aufzuzeigen«. Ein zweites Gutachten sei zudem erforderlich, weil »eine bestimmte qualitative und quantitative Faktenlage« notwendig sei. Die Münchner Kanzlei weist seit Monaten Woelkis Vorwürfe methodischer Mängel an ihrem Gutachten zurück.

Der Spiegel berichtete derweil, dass in dem noch unveröffentlichten neuen Gercke-Gutachten mehr als 300 Verdachtsmeldungen, über 300 Opfer und mehr als 200 Beschuldigte aufgeführt seien. »Die Zahlen sind bekannt, da wir sie bereits in der Vergangenheit zu verschiedenen Anlässen kommuniziert haben«, sagte Gercke am Sonnabend laut dpa.

Auffällig ist, dass die nun genannten Zahlen deutlich höher liegen als die in der sogenannten MHG-Studie der Bischofskonferenz von 2018. Darin waren für das Kölner Erzbistum über einen Zeitraum von 70 Jahren 135 Opfer sexualisierter Gewalt und 87 beschuldigte Kleriker aufgeführt worden. Gerckes Untersuchungszeitraum reicht laut Spiegel hingegen nur bis 1975 zurück. Der Anwalt begründete die Unterschiede damit, dass seine Untersuchung nicht nur Kleriker, sondern auch Mitarbeiter des Erzbistums umfasse.

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