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Aus: Ausgabe vom 19.02.2021, Seite 2 / Inland
Jahrestag des Hanau-Attentats

»Das große Projekt möchten wir gerne umsetzen«

Hanau: Künstlerkollektiv erinnert mit Wandbild an die Opfer des rassistischen Anschlags vor einem Jahr. Ein Gespräch mit Seda Ardal
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Das Wandbild vom »Kollektiv ohne Namen« am Donnerstag an der Frontfassade der Shishabar »Brukl« in Hanau

Ihr Kollektiv beteiligt sich an den Gedenkaktionen zum Jahrestag des tödlichen Anschlags von Hanau durch einen rechten Attentäter. Was ist geplant?

Zum ersten Jahrestag haben wir in Hanau-Bruchköbel ein neues Wandbild fertiggestellt und werden es an diesem Freitag bei Dunkelheit mit einer Licht- und Videoinstallation sowie Redebeiträgen »eröffnen«. Wir haben uns für den Spruch »Niemals vergessen« und zwei weiße Tauben entschieden. Die Namen der Opfer stehen unter dem Spruch. Die Gesichter der Opfer erscheinen in unserer Videoinstallation. Bei dem Prozess haben viele Freundinnen und Freunde sowie Angehörige der Opfer mitgewirkt.

In einer Videobotschaft kritisieren Sie, dass die Stadt keine Wand für Ihr aktuelles Gedenkbild gestellt hat. Bürokratie, Absicht oder beides?

Wir denken nicht, dass da eine böse Absicht dahinter stand. Es wurde vom Oberbürgermeister selbst gewünscht, dass wir auch in Hanau ein Wandbild malen, nachdem wir im Juni 2020 das erste Hanau-Mural in Frankfurt gemacht hatten. Es sollte möglichst zentral und möglichst groß sein. So war es vom OB, von den Familien und auch von uns gewünscht. Es wäre schön und vielleicht auch möglich gewesen, es rechtzeitig zum Jahrestag umsetzen zu können, da wir letzten Sommer schon die Planung für ein Hanau-Mural begonnen hatten. Doch leider haben wir dafür immer noch keine Zusage bekommen.

Es war uns aber wichtig, zum Jahrestag etwas in Hanau fertiggestellt zu haben und zum Gedenken beitragen zu können, um den Familien zu zeigen, dass wir es nicht vergessen haben und zur Not auch mit eigenen Mitteln weiter arbeiten können. Der Besitzer der Shishabar »Brukl« hat uns dann freundlicherweise die Vorderwand seiner Bar zur Verfügung gestellt, und wir konnten loslegen, mussten uns aber etwas Neues, Kleineres ausdenken. Doch das große Projekt, das ursprünglich für Hanau geplant war, möchten wir trotzdem noch gerne umsetzen.

Einer Ihrer Slogans auf den Wandbildern lautet »Von Hanau bis nach Moria«. Wie stellen Sie da die Verbindung her?

Rassismus ist ein strukturelles System, das nicht nur Alltagsrassismus beinhaltet. Es wird von Politik und Gesellschaft so gravierend nicht nur ausgeübt, sondern auch toleriert, dass viel zu viele Menschen darunter sterben müssen. Entweder sind es rechtsradikale Terroristen, die in unserer Nachbarschaft leben und morden, oder es sind Regierungen, die die Augen davor verschließen, dass Menschen, die vor Krieg flüchten, auf den Meeren ertrinken und unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Camps wie in Moria bewusst ignoriert werden.

Wie sind die Reaktionen auf den Slogan in der Hanauer Stadtgesellschaft?

Die Anteilnahme ist groß. Es war für alle Hanauer, auch für mich als gebürtige Hanauerin, ein Schock, der heute noch sehr tief sitzt. Hanau war schon immer eine sehr migrantisch geprägte Stadt, aber das war das, was sie ausgemacht hat. Wir konnten uns niemals vorstellen, dort von Rechtsextremismus gefährdet zu sein, schon gar nicht, ermordet zu werden. Heute sieht man überall die Gesichter und die Namen in der Stadt, Läden haben Poster an ihre Fenster gehängt, und es brennen immer irgendwo Kerzen. Sicherlich gibt es auch vereinzelt Stimmen, die das alles nicht begrüßen. Aber die sind im Gegensatz zum Rest sehr leise.

Wie lautet Ihr Fazit nach einem Jahr? Was wurde getan, damit sich solche Anschläge nicht wiederholen? Was wurde versäumt?

Das zivile Engagement ist groß. Deutschlandweit wird gegen das Vergessen gekämpft, und Konsequenzen werden eingefordert. Sehr viel dieser Arbeit haben die Angehörigen und Überlebenden selbst in die Hand genommen. Medien haben viel berichtet, viele sind auch das ganze Jahr lang dran geblieben. Doch von seiten der Politik hat sich leider kaum bis gar nichts getan. Nach einem Jahr gibt es immer noch keine Aufklärung, was ja das Mindeste wäre. Alles, was man heute über den 19. Februar 2020 weiß, haben die Familien selbst oder Journalisten durch sehr viel Mühe und Arbeit herausgefunden. Zu diesen gravierenden Fehlern gibt es bis heute keine Stellungnahme, geschweige denn eine Konsequenz.

Seda Ardal ist Sprecherin des »Kollektivs ohne Namen«

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