Onlineabo Frieden & Journalismus
Gegründet 1947 Sa. / So., 27. / 28. Februar 2021, Nr. 49
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Onlineabo Frieden & Journalismus Onlineabo Frieden & Journalismus
Onlineabo Frieden & Journalismus
Aus: Ausgabe vom 13.02.2021, Seite 2 / Inland
Klinikschließungen in NRW

»Sie wird es weiter ›dem Markt‹ überlassen«

NRW: Zwei Kliniken in Essen sollen dichtmachen. Landesregierung forciert Versorgung nach Profitlogik. Ein Gespräch mit Susanne Quast
Interview: Markus Bernhardt
imago0099219375h.jpg
An vorderster Front: Medizinisches Klinikpersonal spürt gerade in Coronazeiten die Folgen der »schwarz-gelben« Gesundheitspolitik (Essen, 10.4.2020)

Ihre Initiative ruft für diesen Sonnabend zu einem Protestkorso gegen Krankenhausschließungen in Essen auf. Wieso sollen ausgerechnet in der aktuellen pandemischen Lage und dem Mangel an Intensivbetten zwei Kliniken dichtmachen?

Das können auch wir nicht nachvollziehen. Aktuell bereitet die nordrhein-westfälische Landesregierung mit Hochdruck die Reform der Krankenhausplanung vor, ohne dass es eine wirkliche Beteiligung von Gewerkschaften, Interessenvertretungen und vielen Patienten- und Angehörigenverbänden gibt. Nach einem ersten und wahrscheinlich letzten Gespräch mit unserer Gewerkschaft Verdi ist jedoch offensichtlich, dass die Landesregierung bei ihrem Ziel bleibt. Sie will Rahmenbedingungen schaffen, durch die kleine und mittlere Krankenhäuser unter noch mehr finanziellen Druck geraten werden. Die neue Krankenhausplanung für Nordrhein-Westfalen wird es weiterhin »dem Markt« überlassen, ob Einrichtungen die Versorgung sicherstellen.

Wie das?

Damit kann eine Kommune, oder ein Konzern – wie in Essen –, einfach selbst entscheiden, innerhalb kürzester Zeit ein Krankenhaus zu schließen, weil es sich nicht rechnet. Eine Überprüfung der Versorgungsnotwendigkeit ist hier nicht vorgesehen. Im Grundgesetz ist Daseinsvorsorge als Aufgabe des Staates verankert. Wenn aber der Markt bestimmt, dann werden die Bürgerinnen und Bürger unseres Bundeslandes weder eine sichere Gesundheitsfürsorge erhalten, noch werden sich genügend Menschen finden, die sich diesen Berufen stellen.

Sie arbeiten selbst als Ärztin in einem Krankenhaus in NRW. Wie steht es um Ihre Arbeitsbelastung und die Ihrer Kolleginnen und Kollegen?

Alle meine Kolleginnen und Kollegen lieben ihren Beruf. Sie kapitulieren aber vor den Arbeitsbedingungen, dem Druck des Geldverdienens, der Tatsache, dass Krankenhäuser Konkurrenten geworden sind und nicht gemeinsam für das Wohl der Patientinnen und Patienten da sind. Die Belastungen und die Arbeitsverdichtungen nehmen jedes Jahr zu. Darunter leidet nicht nur die Physis, sondern vor allem die Psyche. Es bleibt keine Zeit, sich zu erholen oder für die Zuwendung für die Patientinnen und Patienten. Es ist zuwenig Zeit vorhanden, sich weiterzubilden und zu lernen. Es fehlen sowohl Ausbilderinnen und Ausbilder als auch die Zeit für eine fachgerechte Ausbildung. Psychische Erkrankungen haben inzwischen Rückenprobleme als führende Krankheit der Beschäftigten abgelöst.

Was hat zu diesen Zuständen geführt?

Der herrschende Fachkräftemangel ist politisch verursacht. Erst hat man das Personal immer weiter reduziert. Die Arbeitsverdichtung ist gefährlich geworden. Dann hat man Flexibilität von den Beschäftigten gefordert. Jeder muss zu jeder Zeit einsatzbereit und erreichbar sein. Die Gehälter sind im Vergleich mit anderen Berufen nicht wirklich üppig, und Zeit, um junge Menschen für den Beruf zu begeistern oder gar auszubilden, gibt es nicht mehr. Ich könnte meiner Tochter diesen so wertvollen Beruf und eine Ausbildung unter den aktuellen Bedingungen nicht empfehlen.

Welche Auswirkung haben die Schließungen auf die örtliche Versorgung?

All das, was wir über die Volksinitiative fordern, wird hier in Essen gerade mit Füßen getreten, und die Menschen müssen es ausbaden. Wir machen uns daher stark für eine intensive Analyse und fordern ausreichend Zeit, um den neuen Krankenhausplan NRW zu erstellen – unter breiter Beteiligung aller Betroffenen. Vorher darf es keine Umsetzungsschritte oder Vorfestlegungen geben, wie sie beispielsweise das »Gutachten zur Krankenhauslandschaft NRW« aus dem Hause von CDU-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nahelegt. Wir fordern den Erhalt aller Kliniken, solange eine solche Analyse nicht vorliegt.

Welche Erwartungen haben Sie an die etablierte Politik?

Weg vom Schreibtisch und rein in ein Krankenhaus. Ich bin sicher, dann sind die Forderungen der Volksinitiative für jeden in der Politik nachvollziehbar. Dafür benötigt es nur ein, zwei Tage.

gesunde-krankenhaeuser-nrw.de

Für Frieden & Journalismus!

Die junge Welt benennt klar, wer imperialistische Kriege vorbereitet und wer zum Weltfrieden beiträgt.

Mit einem Onlineabo unterstützen Sie unsere Berichterstattung, denn professioneller Journalismus kostet Geld.

Ähnliche:

  • Die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion (v. l. n. r.): Ulrich ...
    14.01.2019

    »Der Lack ist ab«

    »Dass sich die Wut in Widerstand verwandeln wird – Trotz alledem!« Wie geht Klassenpolitik heute? Auszüge aus der Podiumsdiskussion auf der XXIV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz

Regio:

Für Frieden & Journalismus! Jetzt das Onlineabo bestellen