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Aus: Ausgabe vom 11.02.2021, Seite 7 / Ausland
Präsidentenwahl in Ecuador

Kein Sieg der Linken

Weiter keine Klarheit über Stichwahl in Ecuador. Möglicher Herausforderer von Arauz setzt auf rechte Unterstützer
Von Frederic Schnatterer
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Links blinken, aber rechts abbiegen? Yaku Pérez bei einer Wahlkampfveranstaltung am 4. Februar in Cuenca

Auch drei Tage nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Ecuador steht nicht fest, wer am 11. April in der Stichwahl gegen den klaren Sieger – Andrés Arauz vom Linksbündnis Union für die Hoffnung (Unes) kam Stand Mittwoch auf mehr als 32 Prozent der Stimmen – antreten wird. Entgegen aller Umfragen vor der Abstimmung sowie auch der ersten Hochrechnungen, die den Rechtskandidaten Guillermo Lasso auf dem zweiten Platz gesehen hatten, liefert sich dieser nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Yaku Pérez.

Nach Auszählung von fast 100 Prozent der Stimmen liegt der sich als Ökosozialist bezeichnende Pérez mit 19,7 Prozent vorn. Von Lasso, der bei 19,59 Prozent lag, trennten ihn bis jW-Redaktionsschluss allerdings gut 10.000 Stimmen. Grund für die verzögerte Bekanntgabe des Wahlergebnisses sind Unregelmäßigkeiten, fehlende Unterschriften der Wahlvorstände und Beschwerden mehrerer Parteien. Auch am Mittwoch mussten noch mehrere tausend Urnen vom Wahlrat CNE überprüft werden.

International wurde die erste Runde der Präsidentschaft als ein »historischer Moment« und ein »Sieg der Linken« gefeiert. Laut den vorläufigen Zahlen stimmten etwa 70 Prozent der Wähler für einen im weitesten Sinne linken Kandidaten – sofern auch der Sozialdemokrat Xavier Hervas dazugezählt wird. Auch Arauz bekräftigte am Dienstag (Ortszeit), dass es einen »großen Konsens« gebe, der für einen »historisch großen Block der Fortschrittlichkeit, des Plurinationalismus und der Sozialdemokratie« gestimmt habe. Gleichzeitig appellierte er an die Einheit der besagten Gruppierungen, um die Regierungsfähigkeit des künftigen Präsidenten zu garantieren.

Dass es dazu kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Hatte Pérez anfangs noch gegen Lasso geschossen, beschuldigte er am Dienstag den ehemaligen Präsidenten Rafael Correa (2007–2017), die Nachzählung zu beeinflussen. Über Twitter erklärte er, der Wahlrat versuche, das Ergebnis zugunsten von Correas Exminister Arauz zu ändern – ein besonders skurriler Vorwurf, hatte der CNE doch im Vorhinein der Wahl versucht, das Linksbündnis Unes von dieser auszuschließen. Correa hingegen versicherte in einem Interview mit der spanischen Nachrichtenagentur Efe, das Ergebnis von Pérez werde im Prozess der Stimmauszählung »künstlich aufgebauscht«.

In einer Stichwahl zwischen Arauz und dem rechten Multimillionär Lasso wären die Fronten eindeutig. Nicht so bei Pérez, der für die Indigenenpartei Pachakutik angetreten ist. Pérez setzt auf linke Themen wie Umweltschutz – im rohstoffreichen Ecuador besonders wichtig. Schon während Correas Amtszeit war es zu einer Reihe von Konflikten gekommen, da der Expräsident zu einem gewichtigen Teil auf die Förderung von beispielsweise Erdöl und anderen Bodenschätze setzte. Zudem ist Pachakutik traditionell eng mit dem größten Indigenenverband Ecuadors, der Conaie, verbunden, die zuletzt 2019 bei den Massenprotesten gegen Nochpräsident Lenín Moreno deutlich gemacht hatte, welches Mobilisierungspotential sie besitzt.

Außerdem gilt es als wahrscheinlich, dass die ecuadorianische Rechte im Fall einer Stichwahl zwischen Arauz und Pérez letzteren aktiv unterstützen wird. Bereits vor der Wahl hatte ­Lasso gegenüber W Radio angekündigt, in einer solchen zur Stimmabgabe für Pérez aufzurufen. Der Sozialdemokrat Hervas erklärte am Dienstag zwar, in der zweiten Runde neutral bleiben zu wollen. Allerdings schob er per Twitter hinterher: »Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, dass das Modell der Correa-Diktatur nicht wiederkehrt.«

Der Kandidat von Pachakutik baut seine Identität zu einem Großteil auf die Opposition zu Correas »Bürgerrevolution« – und somit auch zu Arauz. Bereits bei der Stichwahl 2017 hatte er zur Wahl von Lasso aufgerufen, um so Moreno als Kandidaten der »Bürgerrevolution« zu verhindern. Auch was seine Positionierung zu anderen progressiven Kräften in der Region betrifft, machte Pérez in der Vergangenheit keine gute Figur – trotz aller Beschwörungen von Indigenität und Ökosozialismus. So war er einer der ersten, die den Putsch gegen Boliviens Präsidenten Evo Morales im November 2019 begrüßten. In einem Interview mit dem rechten kolumbianischen Sender NTN 24 erklärte er vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, so wie in Venezuela Hugo Chávez seine Macht an Nicolás Maduro »weitergegeben hat, versucht heute Rafael Correa seine Macht an Andrés Arauz zu übergeben. Arauz ist der Maduro von Ecuador«.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann, Shenzhen/China: Neue Strukturen Ich kenne Ecuador (ich war dort einige Male geschäftlich). Nach Guatemala und Bolivien ist es wohl das Land in Lateinamerika, in dem die erwachenden Ureinwohner – diverse Indiovoelker – eine erheblich...

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