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Aus: Ausgabe vom 06.02.2021, Seite 6 / Ausland
Pandemiebekämpfung

Impfstoff für globalen Süden

Studie bescheinigt russischem »Sputnik V« hohe Wirksamkeit. Günstiger als andere Vakzine
Von Franziska Lindner
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Hilfe für viele: Verpackung des russischen Coronaimpfstoffs »Sputnik V« (Moskau, 4.2.2021)

Am Dienstag hat die medizinische Fachzeitschrift The Lancet eine Studie zum russischen Covid-19-Impfstoff »Sputnik V« veröffentlicht, die dem Vakzin eine hohe Wirksamkeit von 91,6 Prozent sowie geringe Nebenwirkungen bescheinigt. Das ergaben Zwischenanalysen aus der sogenannten Testphase 3 mit rund 20.000 Freiwilligen. Bereits am 18. Januar war in der Russischen Föderation die Massenimpfung mit dem vom russischen Gamaleja-Forschungsinstitut für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelten Impfstoff gestartet.

Inzwischen wurde »Sputnik V« in 16 weiteren Staaten zugelassen, zudem strebt Russland eine Registrierung in der EU an. Noch im August 2020 war Moskau vom Westen für die rasche Zulassung des Vakzins und »mangelnde Transparenz« kritisiert worden. Gegenüber The Lancet gab die Forscherin Polly Roy von der London School of Hygiene and Tropical Medicine an, dass das Ergebnis nun eindeutig und das wissenschaftliche Prinzip der Impfung dargelegt worden sei.

Wegen mangelnder Produktionskapazitäten in Russland war es während einiger Monate zu Problemen bei der Herstellung des Impfstoffs gekommen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatten westliche Konzerne in den 1990er Jahren wesentliche Teile der russischen Pharmaindustrie übernommen. In der Folge wurden viele Werke geschlossen. Heute werden 76 Prozent der in Russland eingesetzten Medikamente im Ausland hergestellt. Zu Sowjetzeiten wurden noch 75 Prozent der verbrauchten Arzneimittel in der UdSSR produziert.

Der Impfstoff wird in sechs Werken in Moskau, in Sankt Petersburg und in der Oblast Wladimir produziert, ein siebtes Werk in Jaroslawl ist in Planung. Zusätzlich weitet der russische Staatsfonds RDIF, der das Vakzin im Ausland vertreibt, die internationalen Produktionskapazitäten stark aus. In Indien und Südkorea wird »Sputnik V« bereits herstellt, folgen sollen Produktionsstätten in China und Brasilien, um die Nachfrage aus dem Ausland zu bedienen.

Auch in Kasachstan ist bereits Ende Januar die Herstellung für den lokalen Gebrauch angelaufen. Laut russischen Medienberichten ist ein Vertrag zum Technologietransfer mit dem Iran in Verhandlung und mit der Türkei bereits geschlossen. Das Abkommen erlaubt es, dort produzierte Impfstoffdosen in Drittländer zu exportieren. Laut Kirill Dmitriew, dem Leiter des RDIF, werde Russland in diesem Jahr rund 700 Millionen Menschen mit dem Vakzin versorgen können. Der Exportpreis des Präparats beträgt weniger als zehn US-Dollar (8,34 Euro) pro Einheit und bewegt sich damit deutlich unter den Preisen, die Moderna, Pfizer/Biontech oder China mit Sinovac veranschlagen. Lediglich das weniger wirksame Vakzin von Astra-Zeneca ist derzeit günstiger. Begonnen wurde zudem mit der Produktion der gefriergetrockneten Form des Impfstoffs, die bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad Celsius gelagert wird.

Damit bietet »Sputnik V« ärmeren Ländern, die im Wettlauf mit dem Westen um die im Jahr 2021 verfügbaren Impfstoffdosen zu kurz gekommen sind, eine Chance, an Vakzine zu gelangen. Insbesondere im globalen Süden ist das Interesse groß: Der bolivianische Präsident, Luis Arce, nahm den Impfstoff letzte Woche persönlich am Flughafen in Empfang. Im Maghreb sind vor wenigen Tagen erste Dosen in Marokko und Algerien angekommen. Interesse kommt auch aus ärmeren europäischen Ländern. So hat Serbien zwei Millionen Dosen bestellt und Ungarn eine Notfallzulassung unter anderem für »Sputnik V« erlassen. In der Ukraine wurde der Impfstoff hingegen nicht zugelassen. Bereits Mitte Oktober 2020 hatte die US-Botschaft in Kiew auf Facebook verkündet, dass die Ukraine den russischen Impfstoff nicht kaufen werde.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Unglaublich Wie kann es denn sein, dass aus dem »Reich des Bösen« überhaupt irgendetwas Gutes kommen kann? Das ist doch unglaublich! Na, meine Damen und Herren, begreifen Sie jetzt vielleicht mal endlich den Gru...
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