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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 8 / Inland
Finanzierung von Suchtberatung

»Wir können die Betroffenen nicht im Stich lassen«

Brandenburg will Beratungsstellen für Glücksspielsucht weniger unterstützen. Finanzierung ungeklärt. Ein Gespräch mit Angela Schweers
Interview: Gitta Düperthal
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Bunte Buttons auf Internetseiten werben für Onlinespiele (19.7.2011)

Wie begründet die brandenburgische Landesregierung von SPD, CDU und Bündnis 90/Die Grünen, dass die Beratungsstellen für Glücksspielsucht künftig nicht mehr wie bisher finanziert werden sollen?

Es ist so: Weil die Glücksspielsucht in den vergangenen Jahren verstärkt zum Thema wurde, gab es zunächst ein bei der Landesregierung angesiedeltes Modellprojekt. Währenddessen wurden Beratungen zu psychischen Erkrankungen wie der Glücksspielsucht in ausgewählten Kommunen gefördert. Geprüft werden sollte in dem Zusammenhang: Wie werden diese angenommen, wie hoch ist Bedarf daran, wie müssen die Berater hierzu geschult sein? Jetzt hat die Landesregierung beschlossen, die Beratungsstellen als Daseinsvorsorge an die Kommunen weiterzugeben, und das Geld hierfür weiterzureichen. Die Landesmittel von 400.000 Euro im Jahr, die die 13 Beratungsstellen bisher erhielten, müssten sich dann künftig die 14 Landkreise und vier kreisfreien Städte teilen. Zudem gehen aber jetzt die Diskussionen wieder los, ob es überhaupt eine ausschließliche Beratung für Glücksspielsucht geben muss. Unsere Finanzierung ist also völlig ungeklärt. Konkret geht es darum, dass bei der Potsdamer Suchtberatung eine Stelle und ein Jahresbetrag von rund 25.000 Euro fehlen könnten.

Das Sozialministerium teilte mit, die Glücksspielsucht unterscheide sich nicht von anderen Süchten, sei somit mit einer allgemeinen Suchtberatung zu erledigen.

Darum müssen wir uns jetzt streiten. Suchterkrankungen aufgrund von Alkohol oder Cannabis haben ganz andere Auswirkungen als die aufgrund von Glücksspiel; in der Beratung erfordert dies andere Kenntnisse. Diese Beratungen gerade jetzt in der Coronakrise nicht zu finanzieren, wäre ein großes Problem – die Beratung müsste sogar intensiviert werden.

Spielen denn mehr Leute während der Coronapandemie Glücksspiel als zuvor – die Spielhallen sind doch aktuell geschlossen?

Es gibt keine Statistiken dazu. Aber es wird jetzt viel mehr online gespielt. Die Kosten dieser Spielsucht werden sich auch noch nach der Krise deutlich summieren, wenn alles wieder öffnet. Bei den Menschen nehmen gerade im Lockdown die psychischen Erkrankungen zu, damit auch die Glücksspielsüchte. Viele sind allein, ihr Alltag zieht sich unstrukturiert in die Länge, der Zugang zur Gesellschaft nimmt ab, also spielen sie im Internet.

Welche Folgen kann Glücksspielsucht haben?

Glücksspieler rechnen damit, zu gewinnen. Verlieren sie dann aber, wollen sie das Geld wieder reinholen. Sie geraten so in eine Situation, die für sie nicht mehr beherrschbar ist, eine Glücksspielfalle. Sie entfernen sich zunehmend von ihren gesellschaftlichen und beruflichen Aufgaben, von Beziehungen mit der Familie oder Freunden.

Die Regierung verdient mit dieser Sucht auch Geld, weil sie in Form von Steuern mit am Gewinn beteiligt ist. Könnte das auch hinter der Entscheidung stehen?

Wirtschaftliche Interessen und Staatseinnahmen aus dem Glücksspiel stellen nachvollziehbare Motive dar, dürfen aber nicht auf Kosten von Einzelschicksalen bzw. des Gemeinwohls erfolgen. Die Glücksspielindustrie erzielt nachweislich einen großen Anteil ihres Gewinns durch die Beteiligung süchtiger Personen. Wenn es zum 1. Juli einen Staatsvertrag zur Neuregulierung des Glücksspielwesens in der BRD geben soll, müssen demzufolge auch die zur Prävention notwendigen Abgaben erhöht werden, damit Jugendliche und Kinder erst gar nicht der Spielsucht verfallen. Es gilt, die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen.

Was ist aus Ihrer Sicht gegen die Einsparungen zu tun?

Wir werden mit politischer und öffentlicher Diskussion sowie mit Aufklärung dafür kämpfen, dass die Finanzierung weitergeht. Denn wir können die Betroffenen in dieser Situation nicht im Stich lassen.

Angela Schweers ist Vorstandsvorsitzende des AWO-Bezirksverbandes Potsdam e. V.

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