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Aus: Ausgabe vom 19.01.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskonflikte und Landkämpfe

»Die Kamera ist unser Mittel«

Das Frauenkollektiv »Labournet.tv« begleitet internationale Klassenkämpfe filmisch. Ein Gespräch mit Johanna Schellhagen
Von Oliver Rast
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Mehr als 850 Filme von Arbeitskonflikten weltweit haben die Aktivistinnen bewegter Bilder archiviert

Klassenkämpfe auf Filmen, gute Idee. Was war der Auslöser für Ihr Projekt?

Als die »Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt« aus Berlin 2010 jemanden gesucht hatte, um ein Onlinearchiv mit Filmen aus der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung aufzubauen, haben wir die Aufgabe gerne übernommen. Ich hatte damals schon seit einigen Jahren Filmbeiträge über Kämpfe am Arbeitsplatz gemacht, z. B. 2003 einen über ermordete Coca-Cola-Gewerkschafter in Kolumbien. Oder 2009 »Ende der Vertretung« über die Supermarktkassiererin Emmely und den Streik im Einzelhandel 2007/08. Meine Kolleginnen und ich haben seit dem Launch von »Labournet.tv« am 30. Januar 2011 ein Archiv mit 850 Filmdokumenten aufgebaut, von Streiks in Berlin berichtet, von Bewegungen wie den »Gelbwesten« in Frankreich, oder 2013 vom Taksim-Platz in Istanbul. Und wir haben die Veranstaltungsreihe »Cinéma Klassenkampf« ins Leben gerufen, bei der wir kämpfende Berliner Belegschaften einladen, um zu berichten, was bei ihnen so los ist.

Betrachten Sie sich als Dokumentaristinnen, die eher von außen beispielsweise auf Tarifkonflikte und Landkämpfe blicken, oder als Aktivistinnen emanzipatorischer Bewegungen?

Wir sind Aktivistinnen. Die Kamera ist das Mittel unserer Wahl, um uns nützlich zu machen. Meine Kolleginnen haben zum Beispiel beide eine Zeitlang als Fahrradkurierinnen gearbeitet und konnten dadurch gewissermaßen aus dem Innern der Kämpfe und über die internationale Organisierung berichten, an der sie selbst beteiligt waren. Für viele in der Dokfilmszene wäre das ein sehr unorthodoxer Umgang mit Themen! Also: Wir wollen die Stimmen von Arbeiterinnen und Arbeitern verstärken, die in den meisten Medien Tag für Tag nicht gehört werden.

Konzentrieren Sie sich dabei auf bestimmte Konfliktstoffe?

Wir konzentrieren uns auf Konflikte am Arbeitsplatz, bei denen es eine aktive Belegschaft gibt, zu der wir Kontakt haben. Der zweite Schwerpunkt sind starke Klassenkämpfe auf der Straße, weil wir unsere Verantwortung wahrnehmen wollen, diesen Bewegungen mehr Sichtbarkeit zu geben. Wenn etwas »Epochales« passiert, der »arabische Frühling« oder der Aufstand in Chile etwa, dann suchen wir nach Videos, untertiteln sie und veröffentlichen sie auf »Labournet.tv«. Außerdem interessieren wir uns für Mobilisierungen von Arbeiterinnen und Arbeitern in anderen Ländern. Wir wollen unsere Ressourcen nutzen, um Streiks und Kampfzyklen bekannter zu machen, damit diese Erfahrungen eine Art Reise um die Welt antreten können. Das ist uns bei »Die Angst wegschmeißen«, den wir 2015 fertiggestellt haben, geglückt. Einem Film über die erfolgreichen Kämpfe von Migrantinnen und Migranten in der italienischen Logistikindustrie.

Wie bekommen die Videos Zuschauer, über welche Kanäle verbreiten Sie die Filmbeiträge?

Wir stellen die Filme zunächst auf »Labournet.tv« zur Verfügung, mit englischem und deutschem Untertitel. Dann bewerben wir sie in den sogenannten sozialen Medien, auf virtuellen Verteilern und diversen internationalistischen Webseiten. 2019 haben wir unseren ersten Kinofilm herausgebracht: »Luft zum Atmen«. Der handelt von einer Gruppe rebellischer Arbeiter bei Opel in Bochum. In, sagen wir mal, normalen Zeiten veranstalten wir regelmäßig Filmvorführungen mit Diskussion. Wir ermuntern politische Gruppen, die Filme für ihre Bildungsarbeit zu verwenden.

Und das muss ja finanziert werden: Wie läuft das?

Wir sind von 2011 bis Ende 2019 von der erwähnten »Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt« finanziert worden. Seitdem gibt es uns nur noch dank unserer Fördermitglieder – und weil viel ­ehrenamtliche Arbeit in das Projekt fließt. Aber das hat natürlich Grenzen. Unsere Zukunft als Projekt ist keineswegs gesichert, es fehlen uns rund 300 Menschen, die regelmäßig einen kleinen Betrag spenden.

Welche Projekte stehen als nächstes an, anders gefragt: Welcher Beitrag wird schon geschnitten?

Am 30. Januar startet das Crowdfunding für unseren neuen Kinofilm, mit Trailer und allem. Diesmal geht es um den Klimawandel und wie wir die sich anbahnende Katastrophe durch die Demokratisierung ökonomischer Macht eindämmen könnten.

Johanna Schellhagen ist Filmaktivistin im Frauenkollektiv »­Labournet.tv« in Berlin

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