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Neues aus dem Misanthropozän

Von Helmut Höge
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Ich habe mich immer über Fanklubs mokiert, über den Conny-Froboess-, den Opel-Manta- oder den Rudi-Völler-Fanklub zum Beispiel. Aber jetzt bin ich selbst ein »Fan-Man« geworden, vielleicht aus Altersdebilität: Ich bin in den Sir-David-Attenborough-Fanklub eingetreten. Und weil ich schon mal dabei war, bin ich auch gleich noch Mitglied in einem Elefanten-, einem Bären- und einem Flughundefanklub geworden. In allen vier sammeln sich Tierschützer mit einem besonderen Interesse an einem Tier – oder eben an dem englischen Tierfilmer Attenborough, der uns im Fernsehen so schöne Tiergeschichten erzählt. Wie einst Bernhard Grzimek im Westen und Heinrich Dathe im Osten, nur intelligenter und mit modernster Technik. Kürzlich hat Attenborough ein Buch veröffentlicht, darin geht es um alle Tier- und Pflanzenarten der Welt, die unbedingt gerettet werden müssen.

Die Schimpansenforscherin Jane Goodall hat ein ähnliches »Statement« veröffentlicht. Beide, so schlagen ihre jeweiligen Fanklubs vor, sollten dafür zügig den Nobelpreis kriegen. Dagegen ist auf den ersten Blick nichts zu sagen. Aber dahinter steht die Überzeugung: Je mehr ein Weltverbesserer global anerkannt und mit Bürgerehren ausgezeichnet wird, desto mehr ist seinem Anliegen gedient. Das darf man bezweifeln.

Als etwa die Tierbuchautorin Sy Montgomery in ihrem Buch »Walking with the Great Apes« (2000) Goodall und zwei anderen Affenforscherinnen huldigte, lenkte dieser Ansatz bereits vom Anliegen der Gehuldigten ab. Spätestens seit Robert Oppenheimer (1904–1967), dem »Vater der Atombombe«, gibt es laut Michel Foucault bei Intellektuellen einen quasi objektiven Zwang, Berufliches und Politisches zu vermengen. Früher hingegen hielt Emile Zola (1840–1902) sein schriftstellerisches und sein politisches Wirken separat. (Oder eine Ausnahme aus der Gegenwart: Noam Chomsky, der sein linkes politisches Engagement von seiner reaktionären Sprachtheorie getrennt hält.) Im Falle von Goodall könnte man sagen: Ihre eigentliche politische Leistung ist nicht, dass sie jetzt weltweit Initiativen zum Schutz von Menschenaffen gründet, sondern dass sie sich davor jahrzehntelang mit den Schimpansen beschäftigt hat. Das bewirkte, dass die Primatenforschung inzwischen fast eine feministische Domäne wurde.

Das lässt sich auch bei der Arbeit der Primatenforscher um den japanischen Biologen Takayoshi Kano mit ihrer Feldforschung über Zwergschimpansen im kongolesischen Wamba-Wald beobachten. Die sogenannten Bonobos lösen Konflikte anders als andere Schimpansen: Während bei diesen das Soziale mehr oder weniger mit männlicher Gewalt zusammengehalten wird, geschieht dies bei den von Weibchen dominierten Bonobogruppen über sexuelle Handlungen. Laut Kano besteht bei ihnen »die Funktion des Kopulationsverhaltens in erster Linie zweifellos darin, das friedliche Nebeneinander von Männchen und Weibchen zu ermöglichen, und nicht darin, Nachkommen zu zeugen.«

Die japanische Bonoboforschung habe der westlichen Primatenforschung einiges voraus, meint Kano, weil man in Japan schon lange Erfahrung mit den im Land lebenden Affen habe und die japanische Religion nicht so scharf zwischen Menschen und Tieren trenne. Der holländische Primatenforscher Frans de Waal spitzte in der Zeitschrift Emma die Ergebnisse der japanischen Forscher über die »maternale Kultur« der Bonobos zu und pries sie als »letzte Rettung« für uns Menschen. »Ihre Botschaft ist bei uns angekommen«, urteilte Emma.

Es macht jedoch stutzig, dass im Bonobobild alles stimmt. Die Japaner meinen, bei diesen unseren nächsten Verwandten Prinzipien erkannt zu haben, die voll den Zeitgeist treffen: Ökologie, Frieden, Fremdenfreundlichkeit, freie Sexualität, Veganismus, Feminismus, Matriarchat, Degrowth, Sonnenenergie, Entschleunigung, Nichtrauchen … Da drängt sich natürlich die Frage auf: Wieviel davon wurde wirklich beobachtet, wie sehr wurde das Verhalten interpretiert? Waren die japanischen Forscher unten am Waldboden und beobachteten mit Ferngläsern, was »ihre« Bonobos oben in den Bäumen taten? Arbeiteten sie vielleicht mit elektronischen Chips, die sie den Affen implantierten, um deren Wege am Bildschirm verfolgen zu können? Oder beobachteten die Bonobos womöglich die Japaner?

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heinrich Hopfmüller: Warum immer so negativ? In diesen Zeiten muss man positiv formulieren, sonst geht die Welt unter! Also, nicht »Misanthropozän«, sondern »Kapitalozän«! Außerdem sind wir hierzulande schon wesentlich weiter als die Japaner: Ba...

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