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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die nächste goldene Ananas

The Show went weiter: Das war das Sportjahr 2020
Von Jürgen Roth
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Pep, nasch doch mal: Neuer Lachstoff von der FIFA

Das Sportjahr 2020 vermochte uns aufs neue, Indianerehrenwort!, durch Glanz und Gloria zu betören, diesmal gar auf wahrlich geniale Art und Weise, nämlich dadurch, dass es, tja, äh, hm, pfff … Wie flennte Spiegel Online am 24. März unter der Überschrift »Das war das Sportjahr 2020«? »Schon jetzt kann man das Sportjahr 2020 im Grunde abhaken.« Nicht mehr an Radeln sei zu denken, nicht mehr an Eishockey, nicht mehr an Hand- oder Basketball, nicht mehr an Bumm-bumm-Tennis, nicht mehr an Rasenballgeschiebe, an nix mehr, ois erledigt, das Sportjahr 2020, annonciert als Anhäufung absolut brutal geiler »Events« und »Moments«: a dead parrot. Eine »Zäsur«, tönte es aus Hamburg zu uns herunter, eine bitterliche, und wir machten die Becker-Faust. Leider verfrüht.

In die Gänge gekommen war das denkwürdige, das heißt wie stets zügig zu vergessende Sportjahr 2020 im Januar sehr überzeugend mit Plänen zu einer von der UEFA ins Rund geschmetterten »Champions League on Tour« in den zumal auf Fußball erpichten USA – um Gianni Infantinos bockwurstbeknacktes Konzept einer FIFA-Super-League auszuknocken. Kurz darauf trat der Wahlamerikaner Klinsmann, noch nicht allzu lange nebenbei multifunktional in der big Bumsfallerabundeshauptstadt tätig, als Trainer von Hertha BSC zurück, drehte ein an verwegener Blödheit und Selbstgerechtigkeit nicht zu überbietendes Facebook-Video und schickte ein von der Sport-Bild publiziertes »Tagebuch« hinterdrein, »das einem den Atem raubt«, so die Stuttgarter Zeitung, »und den Ruf des früheren Bundestrainers vollends ruiniert«; in dem nämlich dieser Schamane des Mammons und Sektenführer in Sachen Humankapitalisierung reihum die Leute niederstreckte: »satte Spieler, die keinerlei ­Power haben« und deshalb auf den Schrott gehören; im Verein »keine Leistungskultur, nur Besitzdenken« – und: »eine Lügenkultur«; die Geschäftsleitung »muss sofort komplett ausgetauscht werden«. Kurzum: alles Arschgeigen außer Klinsi – psychologielehrbuchartige Projektionen eines infantilen Allmachtsfanatikers.

Der Sportjahresauftakt mithin: saudumm und schamlos wie erhofft. Und noch um den Monatswechsel Februar/März herum marschierte die gesamte Angelegenheit wünschenswert weiter, als Ultras bundesweit in den Stadien Schmähplakate hochhielten, auf denen der Geldfetischist Hopp, c/o Hoffenheim, der die TSG mit seinen miesen Milliarden, da Penunzen eben doch Tore erzielen, über die Jahre in die Bundesliga-Beletage gehievt hatte, unter Rückgriff auf ikonographische Elemente des Westerns zum Teufel gewünscht wurde – stellvertretend für die ganze Clique von Rummenigge bis zum Grüßaugust Fritz Keller vom – wie es auf anderen Bannern in den Kurven hieß – »Scheiß DFB«, von der »Fußball-Mafia DFB«, der als bis dato medial gutbeleumundeter Kulissenkasper den Fußball nun »am Tiefpunkt« wähnte, weil ein für den Kapitalanhäufungsbetrieb unverzichtbarer Monetenguru und angeblicher Sozialgroßwohltäter, der von Fans, die er »Idioten« nennt und die er gerne überwachen und gerichtlich verfolgen lässt, neuerlich mit »Hass und Hetze« überschüttet worden war, was all die heuchlerischen Rummelknigges zu schleunigen und schleimigen »Solidaritätsbekundungen« aufstachelte. Die Nürnberger Nachrichten sprachen ­unironisch von »Klassenkampf«, derweil die TV-Paladine – beispielhaft hier das ARD-»Morgenmagazin« – das »perfide Machtspiel der Fankurven mit Dietmar Hopp« geißelten, das, so die Moderatorin Okka Gundel, »unter aller Kanone« sei, alldieweil der prima Didi ja in seiner Biotechnologiefirma einen Impfstoff gegen Corona entwickeln lasse, an und mit dem nichts zu verdienen sein dürfte.

Im nämlichen Viruszusammenhang gab das Internationale Olympische Komitee mit Johann Sebastian August Friedrich Wilhelm Tommy Bach an der Spitze ab März die übliche hoheitliche Bella Figura ab und eiertanzte seine »olympische Bewegung« derart grazil in die Grütze, dass man endgültig geneigt war, den Hut zu zücken und die stumpfen Waffen der Kritik zu strecken. Über Wochen hantierte Bach manisch mit Terminverschiebungsszenarien betreffs Tokio herum, bis ihm unbotmäßige Athleten, die er vorher gleich einem zaristischen Zensor qua »Protestverbot« (Süddeutsche Zeitung) zur totalen politischen Enthaltsamkeit verpflichtet hatte, und ein paar nationale Verbände so in die Parade rumpelten, dass er den Schmodder abblasen musste. »Ein Desaster für Bach«, schmunzelte die Süddeutsche Zeitung, insgeheim wissend, dass gemäß Giuseppe Tomasi di Lampedusas Jahrtausendroman »Der Leopard« alles sich ändern müsse, damit alles bleibe, wie es ist.

Hinsichtlich des – im Zuge der von König Söder und Angela »Ich muss erst mal gucken, ob das Faktum stimmt« Merkel im Sinne der Profitgewährleistung abgesegneten Wiederaufnahmemaßnahmen – im Modus von Geisterspielen fortgesetzten Berufsfußballkrampfes – während kein Kind mit seinen Freunden auf einer Wiese einem Ball hinterherrennen durfte – brachte den Unfug der inzwischen ansonsten weitgehend mitwurstelwillige Marcel Reif in der Talkshow »Doppelpass« auf Sport1 Mitte Juni auf den Punkt: »Gar nichts wird sich ändern«, nichts am Geschäftsgebaren, nichts an exorbitanten Spielergehältern, nichts an galaktischen, ja galaktologischen Ablösesummen. Was »der Markt« hergebe, werde weiterhin gemacht.

»Tötet das Virus den Sport?« fragte eine Reportage auf Welt-Fernsehen. Quak, quak. The show went weiter so on. Eine Welt jenseits des Sports wäre ja eine Welt gewesen, die den Namen Welt verdient gehabt hätte. Und so lachte niemand laut, als der DFL-Geschäftsführer Christian Seifert von »Demut« schwallte, von Besinnung und Umkehr, als allenthalben von »Solidarität« die Rede war (meinte: Klüngelei) und als Rummelknigge, der zu Beginn des ralligen Sportjahres 2020 extrem scharfe Einnahmenzuwächse für seinen FC Bayern vermeldet hatte, zu Protokoll gab, die Coronakrise führe dazu, das »Immer mehr, immer weiter, immer schneller« zu stoppen.

Hatte nicht obendrein der altersedle Jupp Heynckes in der kurzen Phase der Desorientierung angemerkt, der Fußball heute, dieses in perverse Höhen hochgejazzte Produkt, sei »unmoralisch«? Sowie: »So wie bisher kann es nicht weitergehen«?

Papperlapapp. Frank Baumann, SV Werder Bremen: »Der Fußball wird ungerecht behandelt. Unser Betrieb muss weiterlaufen.« Was sich Manuel Neuer und David Alaba vom Spendensammelverein FC Bayern München während des ersten sogenannten Lockdowns zu Herzen nahmen und bezüglich neuer Arbeitsverträge jeweils kolportierte zwanzig beziehungsweise fünfundzwanzig Millionen Jahresgehalt forderten.

Und genau deshalb schauen wir voller irisierender Erwartung aufs Sportjahr 2021 voraus, in dem alles sein wird, wie es zu sein hat, complete Entertainment round about the European Championship inclusive. Die Macht wird zurück sein, und wir werden auf dem Horchposten sein, darauf können Sie zählen, echt, ey.

Wir haben ja sonst nichts zu tun.

*

PS: Am 11. März fand »wegen Corona« das erste Geisterspiel statt (es war, wie der Fachmann weiß, das zweite in der Geschichte des bundesdeutschen Fußballs). Kurz darauf wurde die Liga eingestellt und die Europameisterschaft abgesagt.

»Es ist die erste große Krise für die Ersatzreligion des 21. Jahrhunderts«, schrieb Hans Böller in den Nürnberger Nachrichten und mahnte ein paar Fragen an, etwa »ob es für den Amateurfußball vierstellige Monatsgehälter noch in der sechsten Liga braucht«; oder ob der Fußball »die Gelegenheit zum Innehalten nutzt – oder dazu, die Milliardenligen um jeden Preis so schnell wie möglich fortzusetzen, und zwar ohne Publikum«.

Was es mit dem »echten Geist der Zusammenarbeit« und jenem der »Toleranz und Solidarität«, die UEFA-Präsident Aleksander Ceferin fortan beide – eben als Geister – herrschen sah, auf sich hatte, war nach acht Minuten klar – null Komma nichts.

Sich einen feuchten Kehricht um irgend etwas außerhalb seiner selbst scherend, begann der Ballbetrieb nach, gut, neun Minuten, mit der sogenannten Politik um die Bedingungen zu feilschen, unter denen man das Trara fortsetzen könne, andernfalls nämlich mindestens ein Drittel der sechsunddreißig Vereine der ersten und zweiten Liga in Bälde pleite sei.

Was »für ein windiges Geschäft« denn dieser Fußball sei, dieses »hochwertige Produkt, das vierzig Millionen Deutsche interessiert« (Seifert, DFL), fragte sich der Tödliche Pass. Was für ein Laden sei denn dieses »Unternehmen Bundesliga«, das seit vierzehn Jahren per annum im Schnitt um knapp neun Prozent wächst und ohne die nächste Tranche Fernsehgelder (eine Dreiviertelmilliarde) nach wenigen Wochen trotzdem implodieren würde (Stichwort Systemversagen)? Habe es dieser Sauladen in Anbetracht eines solchen »Offenbarungseids« nicht endgültig verdient, für alle Zeiten geschlossen zu werden?

Und sind diese »großen eSports-Tage« (Sport1) – obgleich Ausdruck spätmoderner Ödnis par excellence –, die ab Ende März runtergerockt wurden, nicht ohnehin deutlich ansehnlicher als das menschliche Gestümper, mit viel schöneren Spielzügen und Toren?

*

Anfang April erreichte die Redaktion der Nürnberger Nachrichten der Brief einer Großmutter: »Die Kinder werden nicht beschult, haben so viele Ausfälle und Nachteile, aber KÖNIG FUSSBALL muss hochgehalten werden. Tausende dürfen nicht oder (müssen) in Kurzarbeit arbeiten, haben also enorme Verdienstausfälle, aber KÖNIG FUSSBALL muss hochgehalten werden.«

Mitte des Monats sagte DFL-Boss Seifert, der längst über Standleitungen ins Bundeskanzleramt und in die Staatskanzlei des Freistaates Bayern verfügte, allen Ernstes: »Es darf nicht der Eindruck entstehen, der Fußball ignoriere in seiner Selbstbezogenheit die Realität.« Und kurz darauf: Außer Zweifel stehe, »dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen«.

Das Pack in den oberen Etagen des Fußballs weiß allzu gut, dass der bereits hinreichend installierte autoritäre Staat, der das Grundgesetz im Handstreich außer Kraft setzten kann und die Bürgerrechte auf den Müll kippt, die Circenses auf Dauer nicht suspendieren darf (und daher in der »Krise« von ihnen, den Kapitänen des Spiels, zunächst ein paar bußfertige Pro-forma-Stellungnahmen verlangt).

Patrick Owomoyela sprach das auf Sport1 ganz naiv aus: Die Wiederaufnahme der Bundesliga wäre »eine Hilfe für die Psyche der Deutschen«, und im übrigen soll Heiner Müller mal geäußert haben, teilt mir Freund M. mit, zehn Deutsche seien dümmer als fünf Deutsche.

Der widerlichste und zugleich aussagekräftigste Satz aus diesen Tagen stammte vom sadistischen Machttriebtäter Söder: Die DFL erstelle ein, »wie ich sehe und höre, intensives und sehr gutes Hygienekonzept. Es ist ja eine Berufsausübung.«

Das Fußballspielen. Mit einem Jahresgehalt im Rücken, das für den schlechtesten Zweitligaspieler bei hunderttausend beginnt und bei etwas besseren Bundes­ligakräften die Million nicht unterschreitet.

Keine Berufsausübung ist: das Betreiben einer Schiffschaukel, eines Friseursalons, eines Musikklubs, eines Programmkinos, einer Kunstgalerie, eines unabhängigen Theaters, einer Lesebühne, eines Wirtshauses. Wer nicht begreift, was das bedeutet, soll sich nicht mehr über Politik auslassen. Über den Kapitalismus bitte erst recht nicht.

*

Ach so, Södolfs Statement ging noch weiter. Er sehe, verkündete der Lenker der Geschicke der Deutschen, dass »die Relevanz von Fußball möglicherweise nicht allein in der finanziellen Wirkung liegt, sondern auch in der psychologischen«.

Lenin? Lupenreiner Lenin. (Stichwort Opium.)

*

Gute Witze im April.

Wirtschaftsdirektor Bierhoff (DFB): »Bis jetzt hat es eine sehr hohe Geschwindigkeit im Fußball gegeben, man wollte immer mehr. Jeder meinte stets, dass man bei jeder Veränderung immer mehr verdienen kann. Gier war immer das oberste Prinzip. Am Ende explodiert das System. (…) Ich glaube, im Fußball wird das auch noch mal deutlicher, dass das Wichtigste das Spiel ist. Dass es stattfindet, dass wir Freude daran haben, dass das Schöne im Spiel immer wieder transportiert wird.«

Eine hohe Zeit der Heuchelei, der Pseudomoral und Gratiskritik, gegossen in verschwitzte Formulierungen, deren Implikationen in dem Moment, in dem sie den Mund eines Geldtreibers wie Bierhoff verlassen, vom darüberliegenden Gehirn schon nicht mehr geglaubt werden. Ein Kirchgang ist ein Wahrheitsfindungsprozess dagegen.

Gute, ja sehr gute Witze dito aus der Schweiz, herübergereicht via Gazzetta dello Sport von Infantino, der noch einen Deut berückender und schmieriger und unbegreiflicher ist als die gesamte Bundesliga- und die Politikbagage: »Der Fußball nach dem Virus wird total anders sein, einschließender, sozialer, unterstützender, mit Bezug zu den einzelnen Ländern und gleichzeitig globaler, weniger arrogant, dafür einladender. Wir werden besser und humaner sein, und wir werden mehr auf wahre Werte achten.« Konkret heiße das: »Weniger Turniere, dafür interessantere. Vielleicht weniger Teams, dafür größere Ausgeglichenheit. Weniger Spiele (…), dafür umkämpftere Partien.«

Saulus, Paulus? Willentliche Amnesie? (Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?) Schizophrenie? Blanker Hohn?

Immerhin reagierte eine der Fußballkapitalfraktionen augenblicklich und unverbrämt. Javier Tebas, Präsident der spanischen Profiliga, twitterte, Infantinos Aussagen seien »unangebracht« – und: »Infantino will den Fußball zerstören, den die Geschichte aufgebaut hat.«

Die Geschichte als Subjekt, als Agens, die Männer an den Strippen als bloße, willenlose Vollstrecker oder als Handpuppen des Weltgeistes – der Katechismus der bürgerlichen Ideologie hat seine Gültigkeit nicht eingebüßt.

*

Man mochte es nicht glauben – aber im Februar schloss die UEFA den mit Scheichdollars bis zum Platzen gemästeten Arschgeigenklub Manchester City wegen »schwerwiegender Verstöße« gegen das Financial Fair Play für zwei Jahre aus der Champions League aus. Der Verein, über den ein Vorstandsmitglied in einer – geleakten – E-Mail gesagt hatte: »Wir können machen, was wir wollen«, hatte jahrelang Riesenzuwendungen seines prestigesüchtigen Investors, einer Herrscherfamilie vom Golf, in Sponsorengelder umdeklariert, also Geschäftseinnahmen vorgetäuscht, die schlichte, von den Statuten verbotene Geschenke gewesen waren. Man nenne das Tricksen, man nenne das Lügen, man nenne das Betrügen, man nenne es verbrecherisches Handeln (Stichwort Finanzdoping).

Manchester City kündigte an, vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen. »Dieses Urteil darf nicht revidiert werden!« schrieb Thomas Kistner in der Süddeutschen Zeitung. »Für den Fußball wäre eine klare Verurteilung ein Gewinn. Sie zöge die rote Linie für alle, deren Eigner in sportfernen Rohstoffländern sitzen und Regeln für Dekor halten. Geht die Sache aber schief, wird bald der glühendste Fan feststellen, dass das Spiel verloren ist – und es nur noch um die nächste goldene Ananas geht.«

Die Sache ging schief. Das Gremium des CAS bestand aus drei Richtern. Der Vorsitzende war von Manchester City vorschlagen worden, ein zweiter Mann früher für den Klub tätig gewesen. Ergebnis (im Juli): Freispruch.

Die internationale Presse urteilte einhellig: der GAU. Das sei es mit dem Fußball gewesen. Bloß Freund Pep Guardiola, Trainer von City und als Spieler zweimal des Dopings überführt, sah’s geringfügig anders: »Es war ein großartiger Tag für den Fußball.« Denn: »Es zeigt, dass alles, was die Menschen über den Klub gesagt haben, nicht wahr ist. Man sollte sich bei uns entschuldigen.«

Die nächste goldene Ananas ist schon jetzt innen faul.

*

Weil die Arbeit der eidgenössischen Justiz in Sachen FIFA und Korruption »aufgrund der Fehltritte des Schweizer Chefermittlers Michael Lauber völlig brachlag« (Süddeutsche Zeitung, 7. April), kamen die US-amerikanischen Strafermittler schneller als erwartet aus den Blöcken und sprachen in vier Fällen von erwiesener Bestechung bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Die FIFA konterte, sie habe »in den Ermittlungen einen ›Opferstatus‹ inne«.

Einer der Beschuldigten: der allbekannte Jack Warner aus Trinidad und Tobago, der auch von den deutschen Bewerbern für die WM 2006 vor der Wahl fünf Millionen in Aussicht gestellt bekommen hatte.

Folgerichtig, dass von den Schweizer Hampeln ein weiterer Prozess verschleppt wurde – jener um die Vergabe des 2006er Turniers – und wegen Verjährung Ende April endete – »ein Debakel aus unsauberer Arbeit und Verstrickungen mit FIFA-­Präsident Gianni Infantino«, der mit genanntem Herrn Michael Lauber, seines Zeichens Bundesanwalt, drei konspirative Treffen abgehalten und so vier Jahre lang die Anklageeröffnung hinausgezögert hatte, auf dass nun Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und der ehemalige DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt lachend von dannen ziehen konnten. Wie nennt man nun wiederum das? Einen »Justizskandal« (sid/dpa).

Damit uns der Lachstoff nicht ausging, wurden im Oktober die Geschäftsräume des DFB und Privatwohnungen in mehreren Bundesländern durchsucht, »wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in besonders schweren Fällen«. Mal sehen, was aus diesem neuerlich hochamüsanten Fall gemeinnützigen Gebarens folgt. Vermutlich: nichts.

*

Fußball soll ab Mai auch wieder gespielt worden sein, unter irgendwelchen Söderschen Hygiene- und Quarantäneauflagen von adolfischer Strenge und Präzision, in a manner of roaring silence gewissermaßen.

Diverse Schwachmaten, die Titel wie »Fußballexperte« und »Sportwissenschaftler« tragen – gewisse Auskenner jedenfalls pfefferten in die nicht enden wollenden öffentlichen Diskussionsrunden, der Fußball sei unter Ausschluss störender Zuschauer viel aufschlussreicher und viel doller, die Spieler könnten sich ohne Irritationen, die von den Rängen ausgingen, besser konzentrieren, ihre »Leistung« adäquat abrufen, ihren Beruf angemessen ausüben, ihre Fähigkeiten »ehrlich« zur Geltung bringen.

Der klinische Sport, der Laborsport – eben bei Eliminierung des schmutzigen menschlichen Faktors – als Erfüllung heißfeuchter Träume szientifischer Apparatschiks und Kaputtniks?

So schaut’s aus. Und deshalb tat der in dieser Frage schäbig lasche Tödliche Pass gut daran, seine Einstellung zu annoncieren. Denn warum soll ich mir weiterhin ein derart pseudoakademisch und -tolerant abgefedertes Genichtse wie von Johannes John zu Gemüte führen? »Nun mögen andere – und irgendwann auch die vergleichende Sportwissenschaft – da­rüber spekulieren oder forschen, ob die Häufung doch seltsamer Ergebnisse (das 8:2 von Lissabon, jüngst die 1:6-Heimschlappe von Manchester United gegen Tottenham oder die 2:7-Klatsche von Klopps Liverpool bei Aston Villa, beide dazu am gleichen Tag, am 4. Oktober) tatsächlich in einem kausalen Abhängigkeitsverhältnis von menschenleeren Stadien steht beziehungsweise stand« –

– wenn schon: »zu« statt »von«, doch – und die Numerusfehler seien höflich ignoriert – Scheißdreck soll Scheißdreck heißen, und Schund soll Schund heißen, und Fernsehgülle soll Fernsehgülle heißen. Es greift da keine Kraft des Arguments, da erheischt der Impuls der Ablehnung sein Recht, sofern man nicht die Stube, in der man dergleichen zusammentippt, mit dem Leben verwechselt, das laut, zart, hässlich, fröhlich, anmutig und abstoßend ist.

Ich habe den roten Kanal voll. Ich habe noch eine Partie von Leipzig gesehen, im Rahmen dieses Champions-League-Turniers in Lissabon, im Bistro, weil mir an dem Abend langweilig war, und mir hat dann eine schöne Dame aus Hamburg zwischen die Beine gelangt.

Ich habe eine kleine Umfrage unter fußballverständigen Freunden gemacht. Keiner von ihnen hat seit März mehr als drei Fußballspiele angeschaut. Einer erzählte mir, er habe ein Interview mit einem führenden FC-Bayern-Ultra gelesen, in dem dieser bekannt habe, seit dem Frühjahr kein Match mehr gesehen zu haben.

Vom 0:6 der deutschen Yogatruppe in Spanien habe ich zirka acht Tage nach der fürchterlichsten Niederlage seit wohl Hüttlers Zeiten zufällig am Kiosk gehört.

Das ist die Frohbotschaft.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 7./8.11.2020 die Huldigung »Zwei Millimeter über den Juwelen. Gerhard Polt und die Well-Brüder feiern ›40 Jahre‹«.

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