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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Staatsabbau

In den Händen McKinseys

Frankreich: Private Beratungsfirma erarbeitet Impfstrategie des Landes. Ergebnis ist desaströs, doch Regierung akzeptiert keine Kritik
Von Raphaël Schmeller
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Aufgrund der schlechten Planung sind Coronaimpfstoffe in vielen Impfzentren Mangelware

Frankreichs Impfkampagne gegen das Coronavirus ist ein Debakel. Die Zahl der verabreichten Impfungen ist selbst im Vergleich zum stockenden deutschen Programm erschreckend niedrig: Nach letztem Stand sind in der »Grande Nation« noch nicht einmal 0,3 Prozent der Bevölkerung immunisiert worden – hierzulande liegt der Wert bei rund 0,9 Prozent. Besonders skandalös ist dieser Rückstand auch deshalb, weil Paris den berüchtigten Beratungskonzern McKinsey mit der Erstellung der Impfstrategie des Landes beauftragt hat. Rund zwei Millionen Euro monatlich soll das US-amerikanische Unternehmen hierfür von der Regierung bekommen, wie französische Medien am vergangenen Freitag berichteten. Fünf bis zehn »Berater« sollen seit Dezember im Einsatz sein, um am »Masterplan« zu arbeiten.

»Dass Präsident Emmanuel Macron bei einer so wichtigen Frage lieber auf private Konzerne als auf staatliche Behörden zurückgreift, ist empörend«, sagte Christophe Prudhomme am Mittwoch im jW-Gespräch. Für den Notarzt und CGT-Gewerkschafter ist dieser Vorgang das Ergebnis neoliberaler Ideologie, die seit Jahrzehnten die Geschäfte der verschiedenen Regierungen lenkt. »Um den Staat immer weiter zurückzudrängen, wurde in den vergangenen Jahren die Gesundheitsadministration stark abgebaut. Im Gegenzug sind kleine lokale Behörden entstanden, die mit privaten Dienstleistungsfirmen arbeiten.« So sei ein Flickenteppich entstanden, der dazu geführt habe, dass Gesundheitsminister Olivier Véran nun die Übersicht bei der Pandemiebekämpfung verloren habe. »Es scheint für Frankreich ungewöhnlich zu sein, aber im Gesundheitswesen wurde die Zentralisation aufgegeben. Davon profitiert die Privatwirtschaft«, so Prudhomme.

In der Tat übernehmen McKinsey und Co. immer öfter Aufgaben des Staates. »Seit einigen Amtszeiten kommen Beratungsfirmen zum Einsatz, um Großprojekte strategisch und logistisch zu unterstützen«, gab Regierungssprecher Gabriel Attal am vergangenen Mittwoch zu, als er versuchte, unangenehmen Fragen von Journalisten auszuweichen. Dass diese Unternehmen keine brauchbaren Ergebnisse erzielen und der aktuellen Regierung regelmäßig Fiaskos bescheren, scheint nicht sonderlich zu stören. Schon bei der Beschaffung der Coronatests im vergangenen Jahr versagte Paris auf ganzer Linie, nachdem der Bostoner Beratungskonzern Bain mit dieser Aufgabe beauftragt worden war. »Die Verantwortung für das schlechte Management liegt beim Präsidenten. Denn jeder weiß, dass alle Entscheidungen im Élysée-Palast getroffen werden«, meinte Prudhomme. Ein großes Problem sei, dass Macron keine kontroversen Meinungen toleriere. »Es ist wie auf dem Schulhof, er kann keine Kritik akzeptieren.«

Die immer stärker werdende Einbindung privater Konzerne im Staatsapparat kann laut Prudhomme als eine Art Teufelskreis beschrieben werden. Denn »Beratungsfirmen profitieren von Kürzungen in staatlichen Behörden und Einrichtungen«. Vor einigen Jahren wurden sie beauftragt, »Einsparungen« im Gesundheitswesen durchzuführen – nun würden erneut sie gerufen werden, um die durch diese Maßnahmen aufkommenden Mängel zu beheben. Eine »Win-win-Situation« für die Konzerne.

Nach Aussagen der Regierung läuft seit dieser Woche alles reibungslos bei der Impfkampagne – die niedrigen Zahlen seien lediglich auf »Startschwierigkeiten« zurückzuführen, die nun beseitigt seien. 30.000 bis 40.000 Menschen würden täglich geimpft, so Premierminister Jean Castex, der verspricht, dass der Rückstand auf Deutschland bald eingeholt sein wird. Prudhomme ist skeptisch. »In meinem Pariser Krankenhaus haben wir eine Whats-App-Gruppe, um die Impfungen zu organisieren und durchzuführen.« Brauchbare Pläne der Regierung, um Abläufe zu koordinieren, gebe es kaum. Doch damit nicht genug. Der Notarzt erzählt, die Regierung habe Ärzten eine 50seitige Anleitung zugeschickt, wie der Impfstoff von Biontech/Pfizer zu verabreichen sei. Diese sei allerdings fehlerhaft gewesen: »Auf der Notiz stand, das Vakzin müsse subkutan injiziert werden, obwohl bei diesem Serum eine intramuskuläre Injektion benötigt wird«.

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