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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 7 / Ausland
Leid und Profit

Kapazitätsgrenze erreicht

Großbritannien: Steigende Zahlen an Covid-19-Kranken, Beschäftigte leiden an Belastungsstörungen. Arme Familien abgespeist
Von Christian Bunke, Manchester
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Auf Kosten der Beschäftigten: Ansturm von Covid-19-Patienten nicht nur beim Royal London Hospital (12. Januar)

Am Dienstag wurden in Großbritannien nach offiziellen Angaben 45.533 Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet. 35.075 an Covid-19-Erkrankte liegen auf der Insel derzeit in den Krankenhäusern, 4.474 mehr als zu Beginn der vergangenen Woche. Nach Angaben des Guardian sind das 50 Prozent mehr Covidpatienten als im April 2020, so die Tageszeitung am Mittwoch. Über 83.000 Menschen sind laut britischen Gesundheitsbehörden inzwischen im Zusammenhang mit dem Virus verstorben. Ende des vergangenen Jahres lag diese Zahl noch bei rund 60.000. Ein Hauptgrund für den rapiden Anstieg ist die Mitte Dezember identifizierte und deutlich ansteckendere Mutante des Virus.

Das sind die Fakten, die hinter den weltweit verbreiteten Bildern von vor britischen Krankenhäusern Schlange stehenden Ambulanzfahrzeugen stehen. Die Lage ist so dramatisch, dass man laut verschiedenen Medienberichten beim englischen Gesundheitswesen inzwischen daran arbeitet, Patienten mit weniger schweren Krankheitsverläufen in Hotels oder Pflegeheimen unterzubringen. Der Guardian zitierte Funktionäre der Gesundheitsbehörde NHS England, wonach diese Maßnahme auch für nicht auf das Coronavirus getestete Patienten greifen könne, solange diese zuvor 14 Tage in Isolation verbracht hätten. Für Familien sei eine »Schlüsselrolle« vorgesehen. Diese würden Unterstützung durch Gesundheitspersonal bekommen, so dies eben »möglich« sei.

Das britische Gesundheitswesen steckt mitten in der stärksten Winterkrise seiner Geschichte, dabei waren auch die Grippewellen vergangener Jahre für Krankenhauspersonal und Patienten sehr belastend. Weil man nie zugeben wird, dass die Kapazitätsgrenze vieler Krankenhäuser längst überschritten wurde, berichten Medien davon, dass man sich der Belastungsgrenze »annähere«.

Einen besseren Einblick bietet eine neue, von Neil Greenberg herausgegebene Studie. Er arbeitet als Professor für Militärmedizin am King’s College in London. In der Studie wird die Belastungssituation von Pflegekräften auf britischen Intensivstationen mit jener von Soldaten des britischen Militärs verglichen. Fast 50 Prozent der befragten Beschäftigten leiden demnach unter posttraumatischen Belastungsstörungen, ähnlich wie sie von aus Auslandseinsätzen zurückkehrenden Soldaten erlebt werden. Beim britischen Militär sind jedoch »nur« rund sechs Prozent der Soldaten betroffen. Eine von fünf britischen Krankenpflegekräften habe laut der Studie bereits an Selbstmord oder Selbstverstümmelung gedacht.

Die Zahl der Krankenstände im britischen Gesundheitswesen scheint der Studie recht zu geben. Laut Angaben der Initiative »Keep Our NHS Public« hatten schon vor Beginn der Pandemie 100.000 Pflegekräfte gefehlt, weil Stellen aufgrund von Kürzungen nicht nachbesetzt worden waren. Derzeit seien 46.000 Pflegekräfte an Covid-19 erkrankt, so die Initiative am 10. Januar. Die Pandemie sorge somit für eine dramatische Erhöhung des Pflegenotstands. Da hat es fast schon eine symbolische Bedeutung, dass die in London vor allem unter Migranten organisierende Kleingewerkschaft UVW ab Freitag ein privatisiertes Pflegewohnheim in Nordlondon bestreiken will. Damit will die Gewerkschaft für eine Erhöhung des Krankengelds für Beschäftigte im privaten Pflegebereich kämpfen. Die selbsterklärte Zielvorgabe ist das Erreichen von Parität mit den Beschäftigten im staatlichen Gesundheitswesen.

Der gesellschaftliche Druck auf Premierminister Boris Johnson wächst. Am Mittwoch musste er sich öffentlich für das jüngste Desaster bei der Vergabe kostenloser Verpflegung an 1,7 Millionen bedürftige Kinder in England entschuldigen. Weil die Schulen derzeit pandemiebedingt geschlossen sind, werden Nahrungsmittelpakete direkt an Haushalte geschickt. Seit dem Wochenende veröffentlichte eine wachsende Zahl entrüsteter Eltern Fotos vom Inhalt dieser Pakete im Internet: Oft nicht mehr als zwei Dosen Bohnen und etwas verschrumpeltes Gemüse, reichen soll das für eine ganze Arbeitswoche. Der damit beauftragte multinationale Konzern Compass bekommt dafür 350 Millionen Pfund von der britischen Regierung.

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