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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Jimmy Reeperbahn in der Südsee

Piratenthriller oder Geheimdienstklamotte: Elfenbein-Verlag wagt sich an die schwer übersetzbaren Romane von Jenö Rejtö
Von Gerd Bedszent
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Ein Foto von Jenö Rejtö bei einer Kunstaktion in Budapest zum Gedenken ungarischer Holocaustopfer (2016)

Ein Raubüberfall im Hafenviertel endet damit, dass der Überfallene den Räuber beraubt und dieser als Missionar nach Indochina auswandert. Als nächstes wird die berüchtigte Unterweltgröße Jimmy Reeperbahn in einem Eisenbahnwaggon eingeschlossen. Nachdem er ausgerechnet von seinem Intimfeind Fred Unrat befreit wurde, übernachten beide im Keller der Polizeikaserne und brechen dann in die Weiten des Pazifiks auf, um zwei verschollene Schiffe zu suchen. Als Schiffsbesatzung heuern sie eine Gruppe ähnlich gestrickter Hafenstrolche und Abenteurer an. Kapitän des illustren Haufens wird allerdings eine wunderschöne, geheimnisumwitterte Frau. Schnell stellt sich dann heraus, dass die Besatzung von Agenten diverser Geheimdienste durchsetzt ist. Denn eigentlich geht es um strategisch wichtige Rohstoffe, die sich der militärisch-industrielle Komplex unter den Nagel reißen will. Eines der verschwundenen Schiffe war nämlich vollgestopft mit Spezialisten für die Erkundung solcher Ressourcen. Angekommen in der Südsee, überschlagen sich Ereignisse der allermerkwürdigsten Art in »Ein Seemann hieß Marita«.

Hinter dem Autorenpseudonym P. Howard verbirgt sich der ungarische Autor Jenö Rejtö (1905–1943), der seinen ursprünglichen Nachnamen Reich magyarisiert hatte, um nicht seiner jüdischen Herkunft wegen diskriminiert zu werden. Der Elfenbein-Verlag hatte sich vor Jahren vorgenommen, dessen extrem schwierig zu übersetzende Werke der deutschen Leserschaft vollständig zugänglich zu machen. Das kürzlich erschienene Buch »Ein Seemann hieß Marita« ist schon das sechste Werk einer Reihe umwerfend komischer Parodien von Abenteuer- und Detektivgeschichten. Zwei Bücher waren bereits in den 1970er Jahren in der DDR erschienen.

Im Ungarn der 30er Jahre hatten Linke und Juden bekanntlich nichts zu lachen. Unter dem Regime des Reichsverwesers Miklos Horthy – kein Nazi, aber stockreaktionärer Monarchist – war es trotz permanenten Gezeters der rechten Presse aber immerhin möglich, in literarische Werke subversive ungarische Wortspiele hineinzuschmuggeln.

Der weitere Verlauf der Romanhandlung wird hier nicht verraten. Handelt es sich, wie es in der Werbung des Verlages heißt, tatsächlich um einen Piratenthriller? Oder ist es eher eine schräge Geheimdienstklamotte? Oder vielleicht beides?

Nachdem die ungarische Regierung gegen die Zusicherung territorialen Zugewinns an der Seite des faschistischen Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion eingetreten war, musste Rejtö Zwangsarbeit verrichten. Der Dienst in den uniformierten, aber unbewaffneten »Arbeitsbrigaden« traf damals Juden, Angehörige nationaler Minderheiten und politisch unerwünschte Personen. Nur wenige dieser »Arbeitsdienstler« überlebten. Im Zuge der Winteroffensive der sowjetischen Armeen vom Januar 1943 erlitten die am Aggressionskrieg beteiligten ungarischen Truppen eine schwere Niederlage. Jenö Rejtö starb allerdings schon am 1. Januar 1943 in einem »Arbeitslager« in einem Ort in der faschistisch besetzten Sowjetunion.

P. Howard: Ein Seemann hieß Marita. Ein Piratenthriller. Aus dem Ungarischen übersetzt von Vilmos Cserno­horszky jr., Elfenbein-Verlag, Berlin 2020, 160 Seiten, 22 Euro

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