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Aus: Ausgabe vom 12.01.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Rezension

Sprengsatz für Solidarität

Soziologe Klaus Dörre sieht Verantwortung der Gewerkschaften im Kampf gegen rechten Populismus
Von Daniel Behruzi
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Rechte Hetzer wie Björn Höcke simulieren arbeiterbewegte Politik (Potsdam, 9.9.2017)

Für Klaus Dörre sind der Aufstieg der sogenannten Alternative für Deutschland (AfD) und ihr Erfolg auch innerhalb der Arbeiterschaft nicht plötzlich gekommen. In dem Band »In der Warteschlange« versammelt der Jenaer Soziologieprofessor Texte aus über 30 Jahren Forschung zu rechtspopulistischen und extrem rechte Orientierungen. Diese zeichnen »die allmähliche Radikalisierung einer Tiefengeschichte« nach, die »im gewerkschaftlichen Arbeitermilieu der alten Bundesrepublik beginnt und mit dem Aufstieg der AfD zur stärksten Oppositionspartei im Bundestag einen eigenständigen parteipolitischen Ausdruck erhalten hat«.

Dörre geht es um eine differenzierte Analyse der Tatsache, dass völkisch-populistische Orientierungen – die ihrem Kern nach eine »exklusive Solidarität« und damit die Spaltung und Schwächung der lohnabhängigen Klasse befördern – selbst unter gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten Anklang finden. Doch bei der Analyse soll es nicht bleiben. Der Wissenschaftler skizziert zudem Handlungsmöglichkeiten in der Auseinandersetzung mit dem rechten Populismus, bei der den Gewerkschaften eine Schlüsselrolle zukomme. Denn: »Häufig sind Gewerkschaften die einzigen demokratischen Organisationen, die Arbeiter mit Sympathien für die populistische Rechte überhaupt noch erreichen.«

In Abgrenzung zu verkürzten Deutungen, die die derzeitige Debatte leider allzu oft bestimmen, sieht Dörre das Erstarken des rechten Populismus als »vielschichtiges Phänomen, das sich nicht auf das eine Motiv, die eine Ursache zurückführen lässt«. Es könne aber durchaus ein »empirisch identifizierbares Zentrum« aufgezeigt und erklärt werden, warum rechte Angebote in der Arbeiterschaft große Resonanz finden. So hatten bei der Bundestagswahl 2017 Arbeiter mit 19 Prozent und Gewerkschaftsmitglieder mit 15 Prozent überdurchschnittlich zum Wahlerfolg der AfD beigetragen, die insgesamt auf 12,6 Prozent aller Stimmen kam. Dörre sieht hier einen Zusammenhang zur Schwäche solidarischer, linker Alternativen: »Sofern realistische Alternativen fehlen, tendieren selbst Beschäftigte in gesicherten Verhältnissen dazu, den Kampf um Statuserhalt oder -verbesserung mit Hilfe von Ressentiments auszutragen. Präziser: »In einem von vertikalen Ungleichheiten geprägten Postwachstumskapitalismus, der mobilisierungsfähige intellektuelle Überzeugungssysteme für solidarisches Handeln marginalisiert, machen sich Klassenverhältnisse und Verteilungskämpfe bevorzugt im Modus der Konkurrenz, über eine Scheidung der Gewinner von den Verlierern sowie mittels kollektiver Abwertungen und Ausgrenzungen sozialer Großgruppen bemerkbar.«

Ein Mittel zur Zurückdrängung der »Fiktion homogener Volksgemeinschaften« – also der irrigen Vorstellung, deutsche Arbeiter hätten mehr mit deutschen Eliten gemein als mit ihren ausländischen Kollegen – sieht Dörre darin, »die Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse wieder öffentlich zu thematisieren« und soziale Verteilungskonflikte zu führen. Er betont, dass dies den Bewegungen gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Ethnie nicht entgegengestellt werden darf. »Klassenpolitik und gewerkschaftliche Solidarität sind ihrer inneren Logik nach universalistisch. Um Wirkung zu erzielen, müssen sie über Geschlechtergrenzen, Nationalität und ethnische Spaltungen hinweg verbinden.« Vor diesem Hintergrund seien »völkische Ideen, die kulturelle Spaltungen verabsolutieren, ein ideologischer Sprengsatz für solidarische Gewerkschaftspolitik«.

Dörre plädiert für eine offene Auseinandersetzung mit rechten Tendenzen unter Arbeitern und Gewerkschaftern. Bleibe diese aus, »kann Sympathie für die extreme Rechte weiter im Verborgenen gedeihen. Zerstörerische Folgen für die Fundamente gewerkschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Solidarität sind dann absehbar.« Dabei spiele die politische Bildungsarbeit eine wichtige Rolle, deren Möglichkeiten weder unter- noch überschätzt werden sollten. Ähnliches gelte für gewerkschaftliche und betriebliche Interessenpolitik. »Man kann betrieblich (fast) alles richtig machen, ohne beim Kampf gegen die radikale Rechte jederzeit erfolgreich zu sein«, so Dörre. Aufklärung reicht allein also ebensowenig wie eine gute Interessenvertretung im Betrieb. Beides ist entscheidend, muss aber mit der Perspektive einer gesellschaftlichen Veränderung verbunden werden: »Die Revolte von rechts ist ein gesellschaftliches Phänomen, und nur der erfolgreiche Kampf für eine bessere Gesellschaft vermag ihr letztendlich Grenzen zu setzen.«

Klaus Dörre: In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, 355 S., 30 Euro

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