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Aus: Ausgabe vom 12.01.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Internetkonzerne

Imperium unter Druck

Chinesischer Konzern Alibaba gewinnt immer mehr an Einfluss. Staatliche Behörden versuchen ihn einzuhegen
Von Jörg Kronauer
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Die Firmenzentrale von Alibaba in Hangzhou am 28. Dezember 2020

Die Frage »Wo ist Jack Ma?« treibt die westliche Medienwelt seit Tagen um. Die FAZ, die Wirtschaftswoche und die Taz haben sie wortgleich gestellt, die Washington Post, das Wall Street Journal und CNN, der Londoner Guardian, Radio France International, die Times of India und das Wirtschaftsblatt Nikkei aus Japan ebenso. Warum? Ma, Gründer und langjähriger Chef des chinesischen Onlinehandelskonzerns Alibaba, ist nicht mehr öffentlich aufgetreten, seit er am 24. Oktober auf einem Finanzforum in Shanghai Chinas Staatsbankern eine »Pfandleihermentalität« vorgeworfen hat.

Was ist los? Ist der reichste Mann des Landes, dessen Vermögen das US-Magazin Forbes aktuell auf 59,1 Milliarden US-Dollar schätzt, in Hausarrest, womöglich sogar in Haft? Steht ihm ein Gerichtsverfahren bevor? Oder hat er sich, wie es der US-Wirtschaftssender CNBC erfahren haben will, freiwillig aus dem Scheinwerferlicht zurückgezogen? Wer weiß. Klar ist nur eines: Ma und sein Alibaba-Imperium stehen schwer unter staatlichem Druck, und zwar aus mehreren Gründen.

Zunächst: Alibaba ist, wie andere private Internetkonzerne, zu groß und zu mächtig geworden. Die Firma droht ein Maß an Einfluss zu erlangen, das sich staatlicher Kontrolle entzöge und private Unternehmensinteressen dominant werden ließe. Alibaba konnte im dritten Quartal 2020 seinen Umsatz auf 20 Milliarden Euro und seinen Gewinn unterm Strich auf 3,67 Milliarden Euro steigern – bei weiter rasant zunehmender Tendenz. Was aber noch schwerer wiegt: Der Konzern hat eine immense Zahl an Nutzern, laut Eigenangaben fast eine Billion Menschen pro Jahr. Seine Bezahl-App Alipay wird heute von zwei Dritteln der chinesischen Bevölkerung genutzt; das Jahresvolumen der dabei getätigten Transaktionen belief sich zuletzt auf mehr als 14,4 Billionen Euro.

Längst ist das Unternehmen auf breiter Basis in die Finanzbranche eingedrungen, vergibt Kredite, greift immer weiter aus. Dabei verfügt die Firmengruppe – ein Spezifikum der Internetbranche – über gewaltige Datenmengen ihrer Kunden, deren Auswertung nicht nur Marktvorteile gegenüber der Konkurrenz verschafft. »Der Einfluss einiger Internetunternehmen reicht so weit, dass sie versuchen, gesellschaftliche Einstellungen und die Medienberichterstattung zu manipulieren«, zitierte Nikkei kürzlich Zhu Ning, einen Professor am Shanghai Advanced Institute of Finance. Für chinesische Privatunternehmen sei dies bisher strikt tabu.

Hinzu kommt, dass Ma immer wieder versucht hat, die Grenzen staatlicher Kontrolle zurückzudrängen. Nikkei erinnerte kürzlich daran, wie die chinesischen Behörden Alibaba vor gut fünf Jahren vorgeworfen hatten, in ihrem Onlinesortiment gefälschte Waren anzubieten. Die Firma schlug zurück, beschwerte sich offiziell – und die Behörden mussten einen demütigenden Rückzieher machen. Alibaba hatte es kurz zuvor, im September 2014, mit einem Rekordbörsengang an die Wall Street geschafft. Beijing zog es damals vor, den stolzen Erfolg nicht durch kleinliche Meckereien zu beschädigen. Allerdings nahmen die Behörden Konzernchef Ma immer stärker ins Visier. Viel ist spekuliert worden, der populäre Ma habe im September 2018 nicht ganz freiwillig angekündigt, sich im September 2019 nach 20 Jahren an der Spitze von Alibaba zurückzuziehen. Wie auch immer – am Tag nach seinem Rücktritt titelte die Parteizeitung Renmin Ribao: »Es gibt keine sogenannte Jack-Ma-Ära, nur eine Ära, in der es einen Jack Ma gibt«. Kurz darauf kündigte die Verwaltung in der Metropole Hangzhou, dem Alibaba-Firmensitz südwestlich von Shanghai, an, Beamte in der Konzernführung zu installieren.

Der nächste Schlag folgte im Herbst 2020. Als Auslöser gilt weithin, dass Ma die Staatsbanker am 24. Oktober öffentlich abkanzelte. Die tatsächliche Ursache reicht jedoch tiefer. Abgesehen davon, dass das Alibaba-Konglomerat immer mächtiger wurde und Ma weiterhin bockte, brachten die Aktivitäten der Firmengruppe mittlerweile ernsthafte Risiken mit sich. So vermittelt Ant Financial, Alibabas Finanzarm, Privatpersonen kurzfristige, nicht abgesicherte Darlehen bei Banken, von denen einige als risikoanfällig gelten. In einer Krise könnten Kreditausfälle bei diesen durchaus zu einer verheerenden Kettenreaktion führen und die chinesische Finanzbranche schwer erschüttern.

Dies ließ im Laufe des Jahres die Spannungen zwischen Ma und den Regierungsbehörden steigen. Sie eskalierten unmittelbar vor dem geplanten Börsengang von Ant Financial, der mit der Plazierung von Aktien in Shanghai und Hongkong im Wert von 34,4 Milliarden US-Dollar am 5. November erneut einen Weltrekord bringen sollte. Am 2. November bestellten Zentralbank und Behörden Ma zum Gespräch ein. Am 3. November zogen sie die Reißleine und stoppten den Börsengang.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Am 10. November veröffentlichten die Regulierungsbehörden einen Entwurf für ein neues Gesetz, das große Internetmonopole wie Alibaba straff an die Kandare nehmen soll. Neben Schritten, mit denen gefährlicher Wildwuchs bei Fintech-Konzernen wie Ant Financial zurechtgestutzt werden soll, stehen auch Datenschutzmaßnahmen auf dem Programm. Allgemein werden die Kriterien für unzulässige Monopolbildung dabei recht weit gefasst. Zudem stellte die Marktaufsicht klar, dass Regeln künftig auch eingehalten werden müssen – das war zuvor nicht unbedingt der Fall.

So zeigte sich, als am 14. Dezember Strafzahlungen gegen Alibaba und Tencent wegen nicht ordnungsgemäß angemeldeter Firmenübernahmen verhängt wurden, dass seit 2008 die Behörden in solchen Fällen nie eingeschritten waren. Das hatte seinen Grund: Ganz wie etwa auch Washington hatte Beijing darauf gesetzt, die Internetkonzerne an der langen Leine zu lassen, um die ungeheuren Weiten der Internetwirtschaft mit höchstem Tempo zu erschließen. Dies haben Alibaba, Tencent und Co. denn auch getan. Da ihr Einfluss nun aber überhandnimmt, gilt es, sie energisch zu zügeln. Die Volksrepublik steht damit nicht allein: Auch Washington versucht, Facebook, Google und Co. einzuhegen. Man wird sehen, ob bzw. wie dies den zwei dominierenden Weltmächten gelingt.

Hintergrund: Chinesische Internetriesen

Alibaba und die mit dem Onlinehändler verbundenen Finanzableger Ant Financial bzw. Alipay sind nicht die einzigen chinesischen Internetriesen, deren Größe und Macht überhandzunehmen droht. Ein weiterer ist Tencent, bekannt vor allem für Wechat, Chinas Pendant zu Whats-App. Wechat hat allerdings mehr Funktionen und ermöglicht beispielsweise, Essensbestellungen oder Terminbuchungen bei Ärzten vorzunehmen. Angegliedert ist mit Wechat Pay ein Bezahlservice ähnlich Alipay, der 2019 von rund 800 Millionen Menschen genutzt wurde und mit dem man bei vier von fünf kleineren und mittelgroßen Händlern in China bezahlen kann. Tencent ist darüber hinaus im lukrativen Onlinegaming präsent und treibt derzeit mit der Fusion der beiden Gamestreaming-Plattformen Huya und Douyu die Schaffung eines Spielegiganten mit gewaltiger Marktmacht voran.

Weitere, hierzulande noch wenig bekannte Beispiele: Neben Alibaba haben es inzwischen zwei weitere Onlinehändler geschafft, sich nennenswerte Marktanteile zu sichern. Deckte Alibaba 2019 noch gut 50 Prozent des chinesischen Markts ab, so waren es bei den Konkurrenten JD.com und Pinduoduo immerhin schon 26,5 respektive 12,8 Prozent. Der Essenslieferant Meituan dehnt sein Geschäftsfeld aus, hat bereits 2018 den Fahrradverleihdienst Mobike übernommen. Der Fahrdienstvermittler Didi Chuxing, ein Uber-Äquivalent, bemüht sich um einen Einstieg ins Cloud-Geschäft.

»Die Gewinner der Internetwirtschaft dominieren nicht nur ihr eigenes Feld«, zitierte unlängst die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei den Fachanwalt Scott Yu von der Anwaltskanzlei Zhong Lun aus Beijing. »Sie können auch recht leicht in andere Geschäftsfelder expandieren und weitere Branchen dominieren, indem sie ihre Nutzerdaten einsetzen.« Einige von ihnen haben dabei – nach dem Vorbild von Alipay und Wechat Pay – ausgewählte Segmente der Finanzbranche im Visier. Dies zu regulieren ist ein wichtiges Element der jüngsten Schritte Beijings. (jk)

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Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (12. Januar 2021 um 14:30 Uhr)
    Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Ich bin recht zuversichtlich, dass die chinesische Regierung das Problem der zunehmenden Oligopolisierung bzw. Monopolisierung in den Griff kriegen wird. »Wenn Monopole entstehen, kann sich der Markt nicht selbst korrigieren. Die Aufrechterhaltung der Marktgerechtigkeit hängt von der rechtlichen Verwaltung ab, und es ist notwendig, dass die Regierung ein Rechtssystem aufbaut, um eine faire Aufteilung der Marktressourcen zu gewährleisten«, sagte ein Professor der Tianjin University of Finance and Economics der Global Times.

    Er schlug vor, dass China die geltenden Gesetze ändert, um das Geschäftsgebaren im digitalen Betrieb zu standardisieren, etwa in Fragen wie Datenaustausch und Datenschutz. Beispielsweise haben die Aufsichtsbehörden vor kurzem eine Antimonopoluntersuchung gegen die Alibaba-Gruppe eingeleitet. Das Unternehmen wurde vor seiner »Auswahl-einer-aus-zwei«-Regel gewarnt, nach der Händler verpflichtet sind, exklusive Verträge mit Alibaba zu unterzeichnen, die ihnen verbieten, Geschäfte mit rivalisierenden Plattformen zu machen. Hinzu kommt das weitere Problem der Arbeitsüberlastung und der unsäglichen Konkurrenz der Mitarbeiter dieser Firmen, das nach dem Tod eines IT-Arbeiters in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist.

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