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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Aufs Ganze gehen

Meilensteine eines Sackgassenlyrikers: Thomas Klings Werke in vier Bänden
Von Enno Stahl
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Ein Poeta doctus: Thomas Kling (2002)

Im dritten Jahrtausend haben wir in Deutschland eine regelrechte Lyrikerschwemme zu verzeichnen. Noch nie, nicht einmal im Expressionismus, hat es in Deutschland so viele junge und jüngere Dichterinnen und Dichter gegeben, oft von beachtlichem Niveau und Ausbildungsgrad. Und doch – vergleicht man das alles mit dem Werk von Thomas Kling (1957–2005) – sehen die allermeisten ganz schön alt aus. Wo ist diese Leidenschaft, die letzte Rigorosität? Das Aufs-Ganze-Gehen? Kling ging aufs Ganze, das sieht man seinen Texten an, und das weiß jeder, der ihn erlebt hat, bei Lesungen oder im persönlichen Gespräch. Sicher auch kein einfacher Charakter. Aber von einem Dichter bleiben am Ende die Texte, nicht die Alltagspersönlichkeit. Und die Texte werden auf die Waagschale gelegt.

Das haben nun unter (Haupt-)Herausgeberschaft Marcel Beyers, des engen Freundes und Weggefährten Klings, die Germanisten Frieder von Ammon, Peer Trilcke und Gabriele Wix getan, indem sie eine umfangreiche Werkausgabe vorgelegt haben. Jeder von ihnen zeichnet als Bearbeiter eines Bandes verantwortlich. Das Ganze mutet an wie eine Klassikerausgabe, vier voluminöse Bücher im Schuber. Gerade bei Kling erscheint das vielleicht komisch – aber es ist im Gegenteil völlig korrekt: Genau da gehört er hin. Kling ist, das wird kaum jemand bestreiten, der wichtigste deutschsprachige Lyriker der 80er/90er Jahre und darüber hinaus, bis zu seinem frühen Tod 2005. Sein Einfluss auf die Lyriker nach ihm ist immens, dennoch gar nicht so leicht aufzuspüren. Denn Kling ist ein Sackgassenlyriker mit einer höchst eigenwilligen Orthographie, ungewöhnlichsten Bildern, einem skurrilen Spagat zwischen Hochsprache und Argot – will man dem nacheifern, landet man unweigerlich im Epigonentum. Denn so wie er kann das keiner.

Die Werkausgabe zeigt nun erstmalig ein umfassendes Bild der Autorenpersönlichkeit Thomas Klings. Es handelt sich, darauf legen die Herausgeber Wert, um keine historisch-kritische Ausgabe, aber eindeutig um einen ersten Schritt dorthin. Die Texte sind überaus sorgfältig ediert, der Anhang birgt detaillierte Angaben zum Publikationskontext, den Manuskripten und deren Überlieferung. Die Anordnung der Texte ist im großen und ganzen chronologisch, Band eins (Wix) enthält die Gedichte von 1977 bis 1991, dabei werden zunächst die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens aufgeführt, danach folgt ein Appendix mit verstreut veröffentlichten Gedichten, wiederum in ihrer zeitlichen Abfolge. Auch Band zwei (Trilcke), Gedichte von 1992 bis 1999, und Band drei (Beyer), Gedichte von 2000 bis 2005, sind auf diese Weise strukturiert. In Beyers Band werden zudem noch zahlreiche Gedichte aus dem Nachlass mitgeliefert, die hier erstveröffentlicht sind. Der vierte und umfangreichste Band (von Ammon) ist in mancher Hinsicht der spektakulärste: Denn er enthält die gesammelte Prosa Thomas Klings zwischen 1974 und 2005, vereint unter dem nicht immer zutreffenden Titel »Essays«. Die Jahreszahl 1974 deutet an, worum es geht. Hier werden früheste Texte Klings vorgestellt, die an entlegenen Orten publiziert wurden. Das Verblüffende ist, in diesen Reiseberichten, Rezensionen, Kinokritiken findet man, wie Frieder von Ammon richtig feststellt, »den ganzen Kling in einer Nussschale« – den beißenden Witz, die Polemik, die Geschliffenheit des Ausdrucks. Der allererste Text des 17jährigen Kling, »unsere erste eifelfahrt«, ist bereits in der für ihn typischen Kleinschrift verfasst, was die Redaktion der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins, Sektion Düsseldorf, Der Berg, zu dem erklärenden Kommentar veranlasst, man habe hier der »modernen« Schreibweise der Jugend entsprochen. Kling wiederum reagierte in seinem nächsten Text für das Blatt mit dem schnoddrigen Vermerk, die Kleinschreibung vom »westdeutschen sakrallyriker stefan george« übernommen zu haben, was die Redaktion ebenfalls brav abdruckte.

Gerade mal 20 Jahre alt ist Kling, als er Günter Grass’ »Butt« in einer Kulturzeitschrift zweier ehemaliger Klassenkameraden, dem Zwiebelzwerg, gnadenlos abwatscht – das Resümee: »Wenn H. M. Enzensberger beim Erscheinen der ›Hundejahre‹ 1963 jubelte: ›Ein Hagelschauer von Einfällen und Provokationen‹, so ist heute nur noch ein Nieselregen übriggeblieben.«

Verblüffend und ulkig sind auch die zahlreichen Filmkritiken, die Kling einst für die Rheinische Post schrieb – er rezensierte beileibe nicht nur Kunstfilme, sondern auch so etwas wie »Eis am Stiel 5«, den Endzeitschocker »The Executor« oder »Die Muppets erobern Hollywood«, was Kling reichlich Gelegenheit bot, seinen lakonischen Humor auszuspielen.

Dass Kling sich in der Folge zu einem Essayisten von Rang mauserte – Frieder von Ammon streicht die Gleichrangigkeit dieses Schaffenskomplexes mit der Lyrik heraus –, das verrieten schon seine Essaybände »Itinerar« (1997) und »Botenstoffe« (2001). Sie erwiesen Kling als Poeta doctus, der sich tief in die Quellen vergrub, um seine Sprachexerzitien zu begründen, der sich mit der gesamten Lyrikgeschichte auskannte, aber eben auch mit der Historie der Kunst.

Überraschend ist, wie umfangreich Klings journalistische und essayistische Arbeit in den darauffolgenden Jahren wirklich war – das belegt erstmalig diese Zusammenstellung. Er schrieb regelmäßig über Autorinnen und Autoren, die er verehrte (Reinhard Priessnitz, Friederike Mayröcker, Oskar Pastior), rezensierte aber auch die Neuerscheinungen von Kollegen wie Oswald Egger, Norbert Hummelt oder Marcel Beyer. Seine Texte erschienen in großen Tageszeitungen, häufig arbeitete er auch für den Südwestfunk. Diese Radiotexte wurden für den Band bisweilen, da oft kein Manuskript vorlag, eigens transkribiert und, wie es heißt, in Groß- und Kleinschreibung der »von Thomas Kling in seinen publizistischen Arbeiten angewandten Praxis angepasst«. Man sieht daran, wie reflektiert die Editoren hier gearbeitet haben.

Kurz: Diese Werkausgabe Klings ist ein Meilenstein. Sie stellt das Werk dieses Lyrikers und Prosaschriftstellers, der sich unzweifelhaft eingeschrieben hat in die Geschichte der deutschen Literatur, auf ein neues Fundament. Sie wartet nicht zuletzt mit überaus kundigen Nachworten für jeden Einzelband auf, die Klings Entwicklung skizzieren und kritisch einordnen.

Thomas Kling: Werke in vier Bänden. Hrsg. v. Marcel Beyer u. a., Suhrkamp-Verlag, Berlin 2020, 2.692 Seiten, 148 Euro

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