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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Jahresrückblick

Anmerkungen der Vernunft

Von Peer Schmitt
Geschichte und Unendlichkeit: Roy Andersson zwingt sie immer wie
Geschichte und Unendlichkeit: Roy Andersson zwingt sie immer wieder in ein und demselben Bild zusammen.

In der Ausgabe vom 31. Dezember 2020/1. Januar 2021 erschienen die berühmt-berüchtigten Listen der Vernunft des jW-Feuilletons. Um deren Ermittlung beispielhaft transparent zu machen, haben wir Filmkritiker Peer Schmitt um eine kurze Begründung seiner Auswahl gebeten. (jW)

Roman Polanski: »Intrige«

Das war noch so was wie ein regulärer deutscher Kinostart im Februar dieses Jahres. Man kann von Polanski und seinem erratischen Spätwerk halten, was man will. Mit seiner Version der Dreyfus-Affäre traf er den Nagel auf den Kopf. Der Film erklärt anhand eines historischen Musterbeispiels, was eine Verschwörung ist. Echte Verschwörung und fingierte Verschwörung. Geheimdienste, Polizei, Presse, Gerichte, Regierungsbeamte. Groteske Gestalten, falsche Anklagen, gefälschte Akten. Man durfte sich an Trump und »Russiagate« erinnert fühlen. Das Thema der Verschwörung blieb 2020 dann zentral. Der Originaltitel »J’accuse« bedient sich übrigens bei dem Titel des berühmten Dreyfus-Verteidigungspamphlets von Emile Zola, das in der Folge überhaupt erstmals zur öffentlichen Etablierung des Begriffs des »Intellektuellen« führte, aber Geschichte ist die Sache deutscher Kinoverleiher keineswegs.

Roy Andersson: »Über die Unendlichkeit«

Noch ein alter Mann, noch ein verspäteter deutscher Kinostart (im verregneten Coronaherbst). Das Ende der Dinge (selbst der Führer durfte nicht fehlen, zitterte kurz durchs Bild und schwieg). Das Ende, wirklich das Ende.

Charlie Kaufman: »I’m Thinking of Ending Things«

Das gab es dann nur noch im Netz. Charlie Kaufman kennt sich mit der Depression wirklich aus. Into the blue. Und nie mehr heraus. Nochmal und für immer: das Ende.

»The Joe Rogan Experience« #1464 mit Duncan Trussell

Dreimal kam es in diesem Jahr zum Gipfeltreffen zwischen Joe »Meathead« Rogan und seinem alten Buddy Duncan »Acidhead« Trussell. Das zweite davon, mit der scharfsinnigen Kommentierung von Donald »Lysol« Trumps legendärer Coronadesinfektionspressekonferenz, sollte allgemeine Schullektüre werden. Rogan verhökerte seinen Podcast, viele sagen: der einflussreichste der Welt, in diesem Jahr an die Plattform Spotify. Viele der Folgen verschwanden in den letzten Wochen schon von Youtube, möglicherweise für immer. Eine aufmerksame wie altruistische Seele lud die essentielle Folge wieder hoch. Die Originalkommentare zum Video, die unverzichtbaren Paraphernalia dieses Podcasts, scheinen jedoch zusammen mit dem Original-Upload leider für immer verloren.

»South Park«, Season 24, Episode 1, »Pandemic Special«

Alles Wissenswerte in nur einer knappen Stunde. Das »Pandemic Special« ist übrigens eine sehr speziell gewürzte Marihuanasorte, die die »South Park«-Figur Randy March zur allgemeinen Schmerzlinderung züchtet, anbaut und vertreibt. Randy ist auch Mitverursacher der anderen Pandemie. Er hatte in China auf den bösen Rat des Disneybosses Mickey Mouse hin unter schwerem Drogeneinfluss sexuellen Verkehr erst mit einer Fledermaus, dann mit einem Schuppentier. Mickey Mouse in China, das kann nur zu Verwicklungen oder dem Nichtstart von »Mulan« führen. Die Antwort des amtierenden US-Präsidenten ist ein Flammenwerfer.

»NHL Stanley Cup Playoffs«, Eastern Conference, First Round, 11. August 2020, Tampa Bay Lightning vs. Columbus Blue Jackets (3:2 n. V.)

Das viertlängste Spiel in der Geschichte der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL. Es wurde schließlich im fünften Verlängerungsdrittel entschieden, nach 150 Minuten und 27 Sekunden. Stunden, Tage, Wochen schienen vergangen zu sein. Ich erinnere mich nur, ab dem zweiten Verlängerungsdrittel des endlosen Spiels live zugeschaltet zu haben. Der US-amerikanische Filmkritiker David Ehrlich (Indiewire) war dann einer der ersten, die die volle Tragweite erkannten, er wählte die Liveübertragung des zuschauerlosen Spiels spontan schon im August in seine (sehr kurze) Liste der besten »Filme 2020«. Er hatte vollkommen recht, wenn auch nicht aus hinreichend korrekten Gründen: Unrasierte Multimillionäre führen totale Erschöpfung vor. Erschöpfend war dieses Spiel nicht nur für die Millionäre auf dem Eis. Es gab keine bessere – erschöpfendere – Veranschaulichung der Erschöpfung. Erschöpfte Erschöpfung.

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