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Aus: Ausgabe vom 08.12.2020, Seite 12 / Thema
Pazifismus

»Weiße Raben«

Anders als Graf von Stauffenberg wird ihnen keine staatliche Ehrung zuteil: Ein neuer Band erinnert an Offiziere, die sich schon vor 1933 dem Pazifismus zuwandten
Von Helmut Donat
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Exoffiziere, die man in der offiziellen Erinnerungskultur der BRD nicht zu Gesicht bekommt: Die Pazifisten Paul Freiherr von Schoenaich, Hans Paasche, Heinz Kraschutzki, Hans-Georg von Beerfelde (von links)

Alle Jahre wieder erinnern Vertreter der Bundesregierung, der Länder, der Bundeswehr und einer Reihe von Stiftungen an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. In diesem Jahr fand die Veranstaltung in der Berliner Gedenkstätte Plötzensee statt. Philipp von Schulthess, Enkel von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hielt die Hauptrede. Für alle heute und später lebenden Generationen von Deutschen sei es, so seine Worte, »von zentraler befreiender Wirkung«, dass es diese Menschen im Widerstand gegeben habe, die mit der Schuld und der Schande ihres Volkes einfach nicht weiterleben wollten. Offenbar ist Schulthess bei seiner Entgegensetzung selbst nicht ganz wohl gewesen, wies er doch gleich darauf hin, dass es zahlreiche, teilweise unbekannte und aus verschiedenen sozialen Schichten stammende Widerstandskämpfer gegen den Faschismus und das Hitler-Regime gab. Schulthess redet einer Rangordnung das Wort: An der Spitze stehen die dem Militär angehörenden Widerständler, danach folgen alle anderen. Damit entspricht er nicht nur der gouvernementalen Traditionspflege, er macht zugleich auf ein Problem aufmerksam, das mit Wert- und Moralvorstellungen zu tun hat, die den gängigen bundesrepublikanischen Umgang mit der Vergangenheit bestimmen.

Es bleiben Fragen

Der Widerstand gegen das Naziregime begann nicht erst 1944 oder in den Kriegsjahren davor. Und er ging – von Ausnahmen abgesehen – zunächst nicht von Militärs aus, sondern von Menschen, die sich aus politischen, religiösen oder humanitären Gründen gegen das Naziregime gewandt und die Folgen ihrer Widerstandshandlungen – Haft, Folter und Tod – auf sich genommen haben. Warum gibt es für sie keinen nationalen Gedenktag? Warum wird Georg Elsers Attentat auf Hitler vom 8. November 1938 nicht auf gouvernementaler Ebene gewürdigt? Weil er »nur« ein einfacher Zivilist, ein Mann aus dem Volke war? Ist sein Widerstand weniger wert als der von Stauffenberg, der, anders als Elser, über viel bessere Bedingungen für die Vorbereitung des Attentats verfügte?

Entgegen dem Résistancemythos, der um die Offiziere des 20. Juli herum seit langem aufgebaut wird, um daraus eine Art Ehrenrettung des Militär- und Soldatentums abzuleiten, ist mit Nachdruck zu verdeutlichen, wie geradezu jammervoll sich die Rolle der deutschen Generalität vor und nach 1933 ausnimmt. Sie war, was den Niedergang der Republik und den Aufbau des »Dritten Reiches« betrifft, eine der schuldigsten Gruppen. Sie hat Hitler freudig die Hand gereicht. Nahezu alle hochrangigen Offiziere tragen Verantwortung dafür, dass die Demokratie, der Frieden und die Freiheit auf der Strecke blieben. Ist die Tat Georg Elsers nicht ein Armutszeugnis für viele Offiziere des Widerstandes, die bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein nicht den Mut zeigten, den ein einfacher Handwerker ihnen vor Augen geführt hat?

Zweifellos kann der Opfertod für eine gute Sache etwas Bedeutendes und Ergreifendes sein. Ist aber hier nicht die Frage zu stellen, ob ein Großteil der Männer des 20. Juli wegen ihrer langjährigen Unterstützung des Naziregimes von Antifaschisten, von Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Pazifisten, Zeugen Jehovas, Kriegs- und Wehrdienstverweigerern sowie von den Menschen all jener Länder, die von den deutschen Faschisten überfallen wurden, überhaupt akzeptiert werden kann? Und wie können jene, die zwischen den Kriegen alles dafür getan haben, um die Weimarer Republik zu zerstören und an dem Zustandekommen der »Harzburger Front« – der Allianz Hugenberg–Seldte–Hitler, dem Bündnis von »Hakenkreuz und Stahlhelm« – großen Anteil hatten, als Symbol des Widerstandes gelten? Haben sie nicht maßgeblich dazu beigetragen, den Weg in den Zweiten Weltkrieg einzuschlagen, und sich in den Dienst eines verbrecherischen Staates gestellt? Und hätte eine stattliche Reihe der Beteiligten wirklich daran gedacht, gegen Hitler aufzustehen, wenn Generaloberst Heinz Guderian die Einnahme Moskaus und Generalfeldmarschall Friedrich Paulus der Übergang über die Wolga gelungen wäre?

Guderian, das sei hier kurz vermerkt, betätigte sich nach 1945 als Schriftsteller und Berater für das »Amt Blank« – das Vorgängerinstitut des Verteidigungsministeriums der BRD, das zur Vorbereitung der Wiederbewaffnung Deutschlands diente – und besaß bedeutenden Anteil an der in die Welt gesetzten Legende von der »sauberen Wehrmacht«. Wie können Menschen dieses Schlages heute »Vorbilder« sein?

Geschichtsrevisionismus

Gleichwohl behauptete der einstige Bundespräsident Heinrich Lübke, der 20. Juli 1944 stelle so etwas wie eine »Entsühnung des deutschen Volkes« dar – so die Sprachregelung, der von Schulthess gefolgt ist. Noch immer mag man nicht unterscheiden zwischen den prinzipiellen Gegnern Hitlers (wie etwa Helmuth James Graf von Moltke, Julius Leber oder Pater Alfred Delp) und jenen radikalen Nationalisten der »Harzburger Front«, die als junge Leutnants zum ersten und als alte Generale zum zweiten Male auch in neutrale Nachbarländer einfielen, und die als Revanchisten, Antisemiten und »Herrenmenschen« sich nur in Nuancen von Hitler unterschieden. Zu diesen Nationalisten zählen etwa der als »Wüstenfuchs« geltende Erwin Rommel, der in den 1920er Jahren mithalf, die »Schwarze Reichswehr« zu organisieren, oder jener Hans Speidel, der im Zweiten Weltkrieg in Frankreich Geiseln erschießen und Juden abtransportieren ließ und sich später an der Remilitarisierungspolitik Adenauers beteiligte, sowie Wilhelm Canaris, dessen Name in der Zeit nach 1918 bei vielen Aktionen gegen die Weimarer Republik auftauchte.

Zu viele der deutschen Militärs waren weit mehr als nur Mitläufer – und sie haben daraus Vorteile und gesellschaftliche Anerkennung gezogen. Es mag einer Reihe von ihnen anzurechnen sein, dass sie durch ihren späteren Widerstand zur Menschlichkeit zurückgefunden haben. Aber sind sie deshalb »Vorbilder«? Kann ich mich zu einem »Verehrer« oder verständnisvollen Partner eines Menschen machen, an dessen Händen Blut klebt bzw. der mitverantwortlich ist für Verbrechen und Mord? Kann man darüber hinwegsehen oder so tun, als handele es sich dabei nur um lässliche »Jugendsünden«? Entgegen aller Fakten und Aufklärung gelten viele Militärs aber nach wie vor als »Widerständler«.

Bei einem Vortragsabend im Juli 2004 im Bremer Landes- bzw. Focke-Museum zum Thema »Helmuth Groscurth und Hans Graf von Sponeck – zwei Bremer Offiziere gegen Hitler« erklärte einer der Veranstalter – neben dem Museum waren es die Bremer Landeszentrale für politische Bildung und eine Bundeswehr-Vereinigung –, beide Militärs seien »Vorbilder heutiger demokratischer Gesinnung«, die unsere Verehrung verdienten. Nun ist Graf Sponeck dem Widerstand schwerlich zuzurechnen. Wohl hat er eine, nicht zuletzt aus militärischen Erwägungen, richtige Entscheidung getroffen, als er Hitlers Befehl, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, verweigerte und damit seine Leute vor dem Tod bewahrte, wofür ihn Hitler verurteilen ließ. Das reicht aber nicht aus, um aus ihm einen Mann des Widerstands zu machen, zumal die Anordnungen zur Ermordung von Juden in seinem Befehlsbereich auf der Krim seine Unterschrift tragen.

Ähnliches gilt für Helmuth Groscurth, Sohn eines nationalistischen Bremer Pastors, in den frühen 1920er Jahren nicht einfach nur Mitglied, sondern »Kurier« der für politische Morde verantwortlichen »Organisation Consul« (OC). Die Attentate auf Karl Gareis, Matthias Erzberger, Walter Rathenau, Philipp Scheidemann, Maximilian Harden und Hellmut von Gerlach gingen auf das Konto der OC. Sie bekämpfte die Weimarer Verfassung, sammelte »entschlossene nationale Männer« um sich, verfolgte illegale terroristische Bestrebungen und betrachtete es als ihre Aufgabe, die Tötung von Persönlichkeiten vorzubereiten und durchzuführen, die den »vaterländischen Interessen« schadeten. Wie andere rechtskonservative Militaristen und Nationalisten unterstützte sie die Revisionspolitik der Deutschnationalen, der Nazis und der Wehrmachtsführung ebenso wie das Streben nach einer deutschen Hegemonie in Europa. Des weiteren befürworteten sie Hitlers »Revolution« und damit auch alle gegen die Gegner des Naziregimes gerichteten Maßnahmen – gegen Sozialdemokraten, Kommunisten und Pazifisten sowie gegen Gewerkschafter, Linksliberale und deutsche Staatsbürger jüdischer Herkunft. Groscurth wie andere Militärs waren Wegbereiter von Hitlers Eroberungskriegen. Erst als dessen Kriegspolitik aus ihrer Sicht immer mehr einem Vabanquespiel glich und der Terror durch Partei und SS ungeahnte Ausmaße annahm, fühlten sie sich als »nationalkonservative Fronde in der Abwehr zum Gegensteuern veranlasst«.

Selbst die Herausgeber der »Tagebücher« Groscurths kommen nicht umhin festzustellen: »Was die politische Praxis angeht, so scheint er gegen die fragwürdige Minderheitenpolitik des Regimes, welche volksdeutsche wie fremde Minoritäten unter Gefährdung ihrer Existenz zu Instrumenten der Zersetzung im Dienst einer Expansionspolitik machte, im Hinblick auf einen möglichen Kriegsfall keine prinzipiellen Bedenken gehegt zu haben.« Mit keinem Wort erinnert Groscurth in den »Tagebüchern« an seine Mitgliedschaft in einer Mörderorganisation, an sein Engagement, die Republik zu zerstören oder an seine Bereitschaft, sich für den Expansionswillen Hitlers willfährig einzusetzen. Nach einem Eingeständnis, mitschuldig zu sein, sucht man vergebens.

An wen nicht erinnert wird

Noch fragwürdiger und dubioser wird die Berufung auf den Widerstand der Militärs des 20. Juli, wenn man sich verdeutlicht, dass nicht alle Offiziere den Weg in das »Dritte Reich« und allem, was danach geschehen ist, mitgegangen sind. An diese Militärs hat bislang niemand erinnert. Sie sind lange vor 1933 beschimpft, verleumdet, ausgegrenzt und verfolgt worden – weil sie als Offiziere nach dem Erlebnis des Ersten Weltkrieges der Gewalt- und Militärpolitik eine Absage erteilten und sich der Friedensbewegung anschlossen. Sie engagierten sich für eine Versöhnung mit Polen und Franzosen, bekämpften Antisemitismus und Fremdenhass und wandten sich gegen die revanchelüsternen, auf einen erneuten Waffengang hinarbeitenden Kräfte im eigenen Volk. Den »alten Kameraden« und Militärs in Diensten der Weimarer Republik galten sie jedoch als »Verräter« und »Volksverderber«. Von solchen Denunziationen sind sie bis heute nicht wirklich befreit, eine Anerkennung ist ihnen bislang versagt geblieben. Umso mehr verdient es der von Wolfram Wette jüngst herausgegebene Band »Weiße Raben – Pazifistische Offiziere in Deutschland vor 1933« als Meilenstein einer »Erinnerungskultur« hervorgehoben zu werden, die nicht zuletzt jene »Vergangenheitsbewältigung« in Frage stellt, die aus vordergründigen Motiven die besten Traditionen der jüngeren deutschen Geschichte ausblendet und verdrängt. Gerade die Auseinandersetzung der pazifistischen Offiziere mit den herrschenden Eliten offenbart, dass es neben der Kontinuität des Kriegskultes auch eine Bereitschaft zu einem gewaltfreien Austragen zwischenstaatlicher Konflikte gegeben hat.

Die Fokussierung der deutschen Geschichtsschreibung und großer Teile der »Erinnerungskultur« auf die Zeit des »Dritten Reiches« führt zu Fehleinschätzungen, Irrtümern und wenig einleuchtenden Schlussfolgerungen. Wer den Widerstand gegen die Nazis erst 1933 beginnen lässt, blendet all jene Gruppen und Persönlichkeiten aus, die angesichts des fortgesetzten Irrwegs bereits lange vor der Machtübernahme der Faschisten warnend ihre Stimme erhoben haben. Der ausschließliche Blick auf die Jahre von 1933 bis 1945 nimmt sie nicht wahr, grenzt sie aus. Die »Unfähigkeit zu trauern«, die Alexander und Margarete Mitscherlich für die Deutschen nach 1945 konstatiert haben, beginnt lange vor 1933. Die Trauerarbeit hätte bereits nach 1918 erfolgen müssen, um fortan Gewaltdenken, Machtwahn und Krieg auszuschließen. Dazu gehört, dass die Geschichtsschreibung und die von ihr weitgehend beherrschte »Erinnerungskultur« nicht selten jedweden Zusammenhang zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg tabuisiert und leugnet. Umso mehr ist die Haltung von Militärs, die sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg zu »weißen Raben« entwickelt haben, als bedeutend, mutig und sinnstiftend anzuerkennen und zu würdigen.

Als »Rufer in der Wüste« und charakterstarke Persönlichkeiten sahen die zu Pazifisten Gewandelten weit über den »militärtypischen Tellerrand« hinaus. Ihr Urteilsvermögen hob sie aus der Masse jener Militärs heraus, die Deutschlands Größe zurückzuerobern gedachten. Angesichts ihrer Kriegserlebnisse und der Erfahrung des besonderen Militarismus preußischer Provenienz engagierten sie sich in Wort und Tat für eine Abkehr vom Gewaltkult und dem Denken in Freund-Feind-Kategorien.

Wer waren diese »Raben«?

Zu ihnen gehört der Kapitänleutnant a. D. Hans Paasche (1881–1920). Er forderte Militärs wie Paul von Lettow-Vorbeck, im Ersten Weltkrieg Kommandeur der sogenannten kaiserlichen Schutztruppe für Ost-Afrika, und andere als »verdient« geltende Kämpfer zur Umkehr auf, ihren Sinn zu ändern, nicht weiter festzuhalten am Glauben an die Allmacht des Schwertes und statt dessen für eine Politik der Verständigung und Aussöhnung einzutreten. Zudem prangerte er die Schuld des Kaiserreichs und der Militärs am Ersten Weltkrieg an und wollte die Verantwortlichen für das Völkergemetzel vor Gericht stellen und vor aller Welt zur Rechenschaft ziehen. Des weiteren begrüßte er den Verlust der deutschen Kolonien und vertrat den Standpunkt: »Afrika den Afrikanern!« Statt in sich zu gehen und dem blutigen Wahnsinn fortan die Gefolgschaft aufzukündigen, erklärte ihn die Militärherrlichkeit für vogelfrei, verleumdete ihn und stempelte ihn zum »Geisteskranken«. Am 21. Mai 1920 erschossen ihn rechtsradikal gesinnte Reichswehrsoldaten auf seinem Gut »Waldfrieden« in der Neumark »auf der Flucht« – so die Rechtfertigungslüge für rechte Lynchjustiz. Irgendjemand hatte ihn denunziert, Waffen für einen kommunistischen Aufstand versteckt zu halten. Nichts hat man gefunden. Selbst ein Haftbefehl hatte nicht bestanden. Das Verbrechen blieb ungesühnt.

Ende Januar 2020 schlug ich anlässlich des 100. Jahrestages der Ermordung Hans Paasches dem Bremer Bürgermeister vor, eine Straße in der Hansestadt nach ihm zu benennen. Geantwortet hat er bis heute nicht. 1981 hatte ich es, anlässlich des 100. Geburtstages von Paasche, schon einmal versucht. Ebenfalls ohne Erfolg. Die Reaktion des Bremer Rathauses von heute entspricht der von gestern. Warum auch an einen »weißen Raben« erinnern, wenn es doch mehr als genug »schwarze« gibt?

Aus amtlicher Sicht ungeeignet, um als Symbol des Widerstandes zu dienen, ist auch das Schicksal des Generalmajors Paul Freiherr von Schoenaich (1866–1954), der 1929 sogar zum Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt wurde und in dem erwähnten Band neben 16 weiteren Offiziere gewürdigt wird. Immerhin, in Reinfeld in Holstein, seinem Zuhause, hat man nach 1945 den ehemaligen »Adolf- Hitler-Platz« nach ihm benannt. Unermüdlich hat er vor 1933 in zahllosen Versammlungen gewarnt: »Hakenkreuz und Stahlhelm sind Deutschlands Untergang!« Doch über lokale Bekanntschaft ist Schoenaich nie hinausgelangt, obwohl er nach 1945 CDU-Mitglied war. Zu sehr weicht seine Haltung von den Verschwörern des Juli 1944 ab. Wie in seinem 1947 veröffentlichten »Geheimen Kriegstagebuch« sowie in dem mit vielen Dokumenten und Bildern ausgestatteten Band über die »Weißen Raben« nachzulesen ist, erklärte er: »Dass ich in dem Zwist der Generale mit den Nazis auf seiten der Generale bin, brauche ich nicht zu versichern. Ich betone aber deutlich, dass die Generale schwer mitschuldig sind. Solange alles gut ging, haben sie zu 99 Prozent zu Hitler gestanden. Die Aufrüstung brachte ihnen das hochwillkommene gute Avancement, und im Krieg steckten sie die ersten Siegeslorbeeren stolz an ihre Helme.«

Neben Berthold von Deimling, Lothar Persius, Franz Carl Endres, Fritz von Unruh, Carl Mertens, Kurt von Tepper-Laski, Alfons Falkner von Sonnenburg und anderen ist Hans-Georg von Beerfelde (1877–1960) zu nennen, Spross einer märkischen Junkerfamilie und 1914 Kriegsfreiwilliger. Seit 1916 als Hauptmann im Generalstab aktiv, wandelte er sich vom Alldeutschen zum Unabhängigen Sozialdemokraten und Pazifisten. Wie Paasche setzte er sich für einen Generalstreik zur Beendigung des Krieges ein. Als erster Deutscher wies er im Juli 1918 nach, dass sich die Regierung am 4. August 1914 mit einer gefälschten Dokumentensammlung die Zustimmung des Reichstages zu den Kriegskrediten erlogen hatte. Fortan suchte er die deutsche Öffentlichkeit von der »Wahrheit über die kaiserliche Kriegspolitik« zu überzeugen – und landete in einer »Irrenbeobachtungsanstalt«. Als 2. Vorsitzender des Vollzugsrats der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte einer der mächtigsten Männer, forderte er wie Paasche im November 1918 die Aufklärung des Volkes über die verbrecherische Politik der deutschen Militärs sowie die Entmachtung der bisherigen Herrschaftseliten. Doch bereits eine Woche später stürzte er, im Anschluss an den Versuch, den ehemaligen preußischen Kriegsminister Heinrich Scheuch zu inhaftieren. Die Ebert-SPD, insgeheim weiter im Bündnis mit dem Gewaltregime der Hohenzollern, verleumdete und bekämpfte ihn. Unbeirrt trat er »nach der großen Zeit der Lüge« für eine »Revolution der Wahrheit« ein. Noske ließ gegen seine Versammlungen und Aufklärungskampagnen Panzer auffahren, drohten doch die »Kaisersozialisten« in den Sog der Anschuldigungen Beerfeldes zu geraten – wie auch der verdienstvollen Biographie von Lothar Wieland über Beerfelde zu entnehmen ist. Die Weimarer Republik setzte den Aufklärer mit Haftbefehlen und Landesverratsprozessen unter Druck. Der Nazistaat, den Beerfelde in einem offenen Brief an Hitler zu einer »Vergangenheitsbewältigung« auf der Basis einer Anerkennung deutscher Kriegsschuld aufrief, ließ ihn zusammenschlagen und von der Gestapo auf Schritt und Tritt verfolgen. Nach 1945 wandte er sich gegen die Remilitarisierung und sprach sich für eine Verständigung zwischen Ost und West aus.

Die 1910er Crew

Um die historisch-politische Bedeutung der »Weißen Raben« zu ermessen, ist zu berücksichtigen, in welchem Umfeld sie sich bewegten. Franz Carl Endres (1878–1954), ebenfalls als »Weißer Rabe« in dem Band gewürdigt, beschrieb den preußisch-deutschen Militarismus als »Geistesverfassung des Militärs«, womit er des Pudels Kern traf. Denn auch die anderen »Abtrünnigen« sahen in diesem spezifischen Militarismus nicht, wie Wette in seinem wichtigen Einleitungsbeitrag darlegt, in erster Linie den Berufseifer der Soldaten, sondern erkannten das Übel in der militärischen Versklavung des Zivilen und des gesamten politischen Denkens. Die Anmaßung des Militärs, die Politik und Geschichte zu bestimmen, ging ihnen schlicht zu weit – sie wollten nicht dabei mitwirken, den Krieg, wie es bereits vor 1914 gang und gäbe war, als »Gesundbrunnen«, »Reiniger der Völker« und »Kulturbringer« zu rechtfertigen. Insofern empfanden sie sich auch nicht einer elitären Kaste zugehörig, sondern eher als »Bürger in Uniform«, die nicht dem ungezügelten Militarismus sondern dem Frieden dienen und für ihre Soldaten dasein wollten.

Ein ebenso faszinierender Offizier, der sich nach 1918 für ein »anderes Deutschland« eingesetzt hat, ist Kapitänleutnant a. D. Heinz Kraschutzki (1891–1982). Wie Martin Niemöller und Karl Dönitz gehörte er zur »Crew 1910«. Zweifel an einer militärischen Laufbahn keimen schon vor 1914 auf. Wie Paasche war er Mitglied des »Abstinentenbundes der Offiziere« und schätzte, selbst in der Wandervogelbewegung aktiv, dessen sozialkritisches Engagement. 1916 lernte er ihn persönlich kennen, und ihm imponierte sein Bekenntnis zu Karl Liebknecht. Wie Paasche und Beerfelde missachtete er die scharfe Trennung zwischen Offizieren und Mannschaften. Von ihnen erhielt er verbotene Bücher und Schriften, wie die Denkschrift des Fürsten Karl Max von Lichnowsky, die Aufzeichnungen des Krupp-Direktors Wilhelm Muehlon oder das Buch »J’accuse« des Berliner Rechtsanwalts Richard Grelling, der ersten großen Anklageschrift zur Schuld des Deutschen Reiches an der Entfesselung des Krieges. In den 1920er Jahren trat Kraschutzki in die Redaktion der pazifistischen Wochenzeitung Das Andere Deutschland ein, bekämpfte u. a. den Hass auf Polen und die geheime Aufrüstung. Seiner juristischen Verfolgung entzog er sich 1932 und ging mit seiner Familie nach Mallorca, wo er nach Errichtung des Franco-Regimes auf Betreiben der Nazis 1936 zum Tode verurteilt wurde. Doch die Spanier ließen ihn leben und wandelten die Strafe in lebenslanges Zuchthaus um. Nach 1945 wieder in Deutschland, engagierte er sich erneut in der Friedensbewegung, versuchte im Ost-West-Konflikt zu vermitteln und wurde erneut verleumdet. In seinen unveröffentlichten Erinnerungen schreibt er: »Es ist nicht wahr, dass wir Pazifisten unser Vaterland nicht lieben. Wir wollten nur nicht, dass es so aussähe, wie es 1945 tatsächlich aussah.«

Wolfram Wette (Hrsg.): Weiße Raben – Pazifistische Offiziere in Deutschland vor 1933. Lothar Wieland: In drei deutschen Staaten verfolgt – Hans-Georg von Beerfelde (1877–1960) und die gescheiterte Revolution der Wahrheit. Donat-Verlag, Bremen 2020

Hans Paasche: »Ändert Euren Sinn!« Schriften eines Revolutionärs. Donat-Verlag, Bremen 1992

Helmut Donat schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 15. September über die neue Ausgabe von Hans Paasches »Lukanga ­Mukara«.

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