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Aus: Ausgabe vom 04.12.2020, Seite 15 / Feminismus
Frauenmorde

Türkei: Jeden Tag ein Femizid

Frauenrechtsorganisation wirft Ministerien und Behörden Verharmlosung vor
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440 Paar leere Schuhe: Diese künstlerische Installation sollte im Herbst 2019 in Istanbul an die im Vorjahr in der Türkei ermordeten Frauen erinnern.

Nach Recherchen der Internetplattform »Wir werden Frauenmorde stoppen« sind im November in der Türkei mindestens 29 Frauen von Männern aus ihrem Umfeld ermordet worden. Zehn weitere seien tot aufgefunden worden – unter verdächtigen Umständen, berichtete am Mittwoch die kurdische Nachrichtenagentur ANF. Der Bericht der in Istanbul ansässigen Frauenrechtsorganisation enthält Daten über alle polizeilich erfassten oder in der medialen Berichterstattung erwähnten Morde an Frauen. Die Dunkelziffer könnte wesentlich höher liegen.

Laut Bilanz der Plattform mit dem türkischen Namen »Kadin Cinayetlerini Durduracagiz« (KCDP) für den Monat November sind 95 Prozent der Femizid­opfer von gewalttätigen Ehemännern, ehemaligen Partnern, männlichen Verwandten oder Bekannten getötet worden. Als Tatwaffen wurden vor allem Schusswaffen eingesetzt: 18 Frauen wurden erschossen, acht erstochen, weitere drei erdrosselt. In fünfzehn Fällen war das Motiv für die Femizide nicht feststellbar, dreizehn Frauen wurden getötet, weil sie über ihr eigenes Leben entscheiden wollten. Konkrete Anlässe waren Scheidungswünsche oder die Ablehnung eines Mannes als Lebenspartner. Der neue Monatsreport der Plattform führt zudem erneut vor Augen, dass Frauen zumindest statistisch gesehen in den eigenen vier Wänden am wenigsten sicher sind: 69 Prozent der in der Türkei von Männern getöteten Frauen wurden zu Hause ermordet.

Nach Meinung der KCDP ist es Teil des Problems, dass Justiz und Politik dazu tendieren, Gewalttaten an Frauen zu Einzelfällen zu erklären und den dramatischen Anstieg zu verharmlosen. Im Oktober ließ das Innenministerium verlauten, die Zahl der Frauenmorde sei seit Jahresbeginn um 29 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig warnte das Ministerium für Arbeit, Soziales und Familie die Bevölkerung vor »inoffiziellen« Zahlen, die von staatlichen Daten abweichen würden. Dabei besteht in der Türkei kein Zugang zu offiziellen Zahlen im Zusammenhang mit Femiziden, da es keine zuständige Behörde für diese Art der Datensammlung gibt. Zahlen und Fakten werden in der Regel von Frauenorganisationen wie der KCDP und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammengetragen und veröffentlicht. Nach ihren Berichten entspricht die tatsächliche Situation dem genauen Gegenteil offizieller Behauptungen.

»Das Ministerium, das für die Offenlegung der Daten verantwortlich ist, verzerrt lieber die Fakten und behauptet, unsere Femizidstatistiken seien tendenziös dargestellt, anstatt selbst offenzulegen, wie viele Frauen getötet wurden, warum, wie und von wem«, unterstreicht die KCDP. »Doch solange nicht festgestellt wird, von wem und warum Frauen ermordet werden, solange es keine fairen Gerichtsverfahren gibt, die Täter keine überzeugenden Strafen erhalten und keine vorbeugenden Maßnahmen angewendet werden, geht die Gewalt weiter.« (ANF/jW)

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